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Mehr Radwege für den sozial-ökologischen Wandel

Überfüllte Straßen, unsichere Radwege, Luftverschmutzung – was früher in einigen großen Städten dieser Welt ein Problem war, ist mittlerweile in unzähligen Ländern zu einer immensen Last herangewachsen. Bereits seit einiger Zeit und durch die Corona-Pandemie befeuert scheint es jedoch so, dass sich in Deutschland und weltweit ein Bewusstsein für die Bedeutung von nachhaltiger Mobilität für den sozial-ökologischen Wandel entwickelt. Erst kürzlich ermittelte Infratest Dimap bei einer Umfrage vor den Kommunalwahlen in NRW, dass dieses besonders viele Menschen beschäftigt.

Delhi Gurgaon Verkehr
In der indischen Hauptstadt Delhi haben Privat-Pkw den öffentlichen Nahverkehr, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen verdrängt. © Biswajitrout1466 / Pixabay

Hierzulande hat die Frage nach der Zukunft der Mobilität in den letzten Jahren tatsächlich hunderttausende Menschen wortwörtlich mobilisiert. Mehr als 500.000 Bürger*innen haben sich in kommunalen Bürgerbegehren, sogenannten Radentscheiden, dafür ausgesprochen, Rad- und Fußwege sicher zu gestalten. Insgesamt 38 Radentscheide gibt es in Deutschland, und alle haben eins gemeinsam: in kürzester Zeit waren die notwendigen Unterschriften für den Paradigmenwechsel in Sachen urbaner Mobilität zusammen.  Wie groß der Zuspruch für nachhaltige und sozial verträgliche Mobilität ist, zeigt der Radentscheid Aachen: hier stimmte jede*r fünfte Kommunalwahlberechtigte dafür, dass die Stadt prioritär in sichere Radinfrastruktur investiert. In Aachen war diese Entscheidung explizit verknüpft mit dem Wunsch, die Stadt lebenswerter zu gestalten.

Ein Blick nach Indien macht deutlich, dass auch dort Richtungsentscheidungen anstehen. Doch ist die Perspektive eine andere. In vielen indischen Städten werden aktuell noch bis zu 60 Prozent aller Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt. Dass viele indische Städte dennoch im Verkehr versinken zeigt, wie wichtig solche Entscheidungen jetzt sind. Denn nur einem kleinen Teil der Bevölkerung stehen ein Pkw oder ein Motorrad zur Verfügung.  Deshalb geht es dort darum, in den wachsenden Städten von vornherein ausreichend Flächen für den Rad- und Fußverkehr und den öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung zu stellen.

Indien Mobilität Fahrrad
In vielen indischen Städten werden aktuell noch bis zu 60 Prozent aller Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt. © Antriksh Kumar / Pixabay

COVID-19 hat den Menschen noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig ein lebenswerter urbaner Raum ist. Und vor allem gezeigt, dass ein Wandel möglich ist, meint Anumita Rowchodhury. Die MISEREOR-Partnerin ist Programkoordinatorin des Centers for Science and Environment (CSE), einem Thinktank in Indiens Hauptstadt Delhi. In ihrer Arbeit hat sie unter anderem analysiert, warum insbesondere besonders arme Bevölkerungsgruppen, die bis zu 50 Prozent ihres Einkommens für die Wege zum Arbeitsplatz aufbringen müssen, von ausreichend Flächen für den Rad- und Fußverkehr und gezielt gefördertem öffentlichen Nahverkehr profitieren. Anlässlich der europäischen Mobilitätswoche – der weltweit größten Kampagne für nachhaltige Mobilität – haben wir mit Anumita Rowchodhury gesprochen.

Anumita, wie ist die Verkehrssituation in Delhi – und was muss sich deiner Meinung nach ändern?

Anumita Rowchodhury: Delhi steht kurz vor einem Stillstand. Es werden zwar bereits 23 Prozent der Fläche für Straßen und Verkehrswege genutzt –ein Rekordwert in Indien – aber trotzdem ist die Stadt verstopft. Privat-Pkw haben den öffentlichen Nahverkehr, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen verdrängt, in keiner anderen Stadt werden so viele Fahrzeuge registriert wie hier. Diese benötigen natürlich viel Raum zum Parken. Das macht noch einmal 10 Prozent wertvoller urbaner Fläche aus. Nun kommt die Gerechtigkeitsfrage bei dieser Entwicklung ins Spiel: Man muss sich einmal vorstellen, dass jeder Parkplatz außerhalb der Stadt 26 Quadratmeter einnimmt, einer sehr armen Familie in einer informellen Siedlung jedoch nur 18 bis 20 Quadratmeter Land zur Verfügung stehen. Für wen planen wir also? Einer Umfrage der Stadt Delhi zufolge besitzen gerade einmal 4,34 Prozent ein Auto sowie rund sieben Prozent ein Auto und ein motorisiertes Zweirad. Nichtsdestotrotz: Die Straßen werden weiter für Pkw-Fahrer*innen ausgelegt.

Die Mobilitätsbedürfnisse der Mehrheit werden ignoriert, die Menschen sind so Schadstoffemissionen und einem enormen Verkehrsaufkommen ausgesetzt. Diejenigen, die unter diesem Vorgehen leiden, sind die Armen der Stadt. Sie machen laut einer Studie 85 Prozent der Einwohner*innen aus und werden dennoch an den Rand gedrängt und von jeglichen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Es wäre so dringend notwendig, die Mobilität zu modernisieren. Es würden alle davon profitieren, dass die Emissionen, Luftverschmutzung und damit zusammenhängende Folgeerkrankungen abnehmen.

Verkehrsschild Delhi Pollution Solution
„Es gilt nun, in entsprechende Strukturen zu investieren, Pop-up Rad- und Gehwege weiter auszubauen und so auch das Klima in der Stadt zu verbessern.“ © Brigitte Mandelartz / MISEREOR

Was hat sich, auch durch die Corona-Pandemie, in letzter Zeit geändert?  Was für Chancen für Veränderung auch im Bereich der Mobilität siehst du?

Anumita Rowchodhury: Die COVID-19-Pandemie ist bislang ein großes, ungeplantes Experiment gewesen, das uns einiges gelehrt hat. Wir können nicht mehr zu unserem alten „Normalzustand“ zurückkehren. Stattdessen sollten wir diese Krise als Chance begreifen. Was hat sich geändert? Zum einen haben viele Menschen Angst davor, sich in der Öffentlichkeit, zum Beispiel im Nahverkehr, zu infizieren. Es wird harte Arbeit sein, dieses Vertrauen nach der Pandemie wiederherzustellen.

Derzeit bevorzugen es viele, mit dem Rad zu fahren und unnötige Wege zu vermeiden und wollen dies auch langfristig fortführen. Es gilt nun, in entsprechende Strukturen zu investieren, Pop-up Rad- und Gehwege weiter auszubauen und so auch das Klima in der Stadt zu verbessern. Heimarbeit sollte ebenfalls viel stärker als Möglichkeit institutionalisiert werden. Der öffentliche Nahverkehr wiederum muss stärker ausgebaut werden, mehr Menschen sollten Zugang dazu bekommen. Dies ist eines der größten Probleme: In vielen Gegenden Delhis besteht schlicht kein direkter Zugang zum Verkehrsnetz, so dass einige auf das Auto umsteigen. Es ist eine Herausforderung, dies zu ändern.

Was motiviert dich, dich weiterhin für einen Wandel im Bereich der Mobilität einzusetzen?

Anumita Rowchodhury: Es bestärkt mich ungemein, dass so viele Inder*innen immer noch laufen, Radfahren oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen statt ihr Privatfahrzeug. Wir sollten diese große Zahl stärker hervorheben und die Politik dazu bewegen, sich für diese Mehrheit einzusetzen. Auf unserer Agenda steht nicht – anders als in einigen westlichen Ländern – dass die Bevölkerung vom Pkw auf das Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel umsteigt, sondern dort bleibt wo sie ist, indem wir die bestehende Infrastruktur modernisieren. Ich habe Vertrauen, dass uns dieser Wandel gelingen wird.

In Indien haben wir in den letzten Jahrzehnten fortschrittliche Entwicklungen gesehen, was die nationale Verkehrspolitik angeht. Die Pandemie hat nun ein neues Verständnis davon, wie lebenswerte Nachbarschaften aussehen hervorgerufen und die Wertschätzung für eine verkehrsarme Stadt gesteigert. Grünflächen, Geh- und Radwege sowie Gemeinschaftsnetzwerke sind den Menschen wichtig. Es kommt jetzt auf eine gut geplante Erneuerung eines dicht besiedelten, urbanen Raums wie Delhi an. Dort ist Platz für alle. Wir brauchen eine Strategie, wie wir nach der Krise das System wiederbeleben können, so dass es grün, widerstandsfähig und inklusiv ist. Diesen Bus dürfen wir nicht verpassen.

Das Interview führten Jana Echterhoff und Almuth Schauber.

Jana Echterhoff arbeitet in der Abteilung Kommunikation, Almuth Schauber ist Fachreferentin für städtische Entwicklung bei MISEREOR.


Weitere Informationen

Die Europäische Mobilitätswoche findet jedes Jahr vom 16. bis 22. September statt. Informationen beim Umweltbundesamt.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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