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„Meine Erfahrungen mit COVID-19“: Schwestern-Ärztin aus Indien berichtet

Als ich im Februar 2020 von den ersten COVID-19-Fällen in Indien erfuhr, kam ich zum ersten Mal richtig mit dieser Krankheit in Kontakt. Zunächst packte mich die Angst, da ich sehr genau wusste, welchen Schaden das Virus in Italien und China angerichtet hatte. Auch wusste ich nicht, wie wir diese Krise angesichts des sozioökonomischen Kontexts in Indien und der fragilen Gesundheitsinfrastruktur bewältigen sollten.

Dr. Beena Madhavat
Dr. Beena Madhavat, Schwestern-Ärztin der Congregation of Ursulines of Mary Immaculate, ist stellvertretende Leiterin des Holy Family Hospitals in Mumbai. © CHAI

Die Leitung unseres Krankenhauses – Holy Family Hospital in Mumbai – war sich bewusst, dass die COVID-19-Pandemie schlimme Folgen für unser Land haben und vor allem Mumbai schwer treffen würde. Die Vorbereitungen auf den Notfall wurden deswegen sofort in die Wege geleitet. Unser Krankenhaus war eines der ersten, das Maßnahmen zur Infektionskontrolle ergriff. Es richtete zum Beispiel einen getrennten Bereich für COVID-19-Verdachtsfälle ein und schulte das Krankenhauspersonal im Umgang mit COVID-19-Patienten.

Als die Zahl der Infizierten in Mumbai weiter anstieg und viele Krankenhäuser aus Angst vor der Pandemie geschlossen wurden, fingen wir an, Dienste im Bereich Ersteinschätzung von COVID-19-Patienten anzubieten. Mitte März kauften wir qualitativ hochwertige persönliche Schutzausrüstungen, sogenannte PSAen, um unserem medizinischen Personal den bestmöglichen Schutz zu bieten. Es wurden regelmäßig intensive Schulungen für Ärzte und anderes Krankenhauspersonal durchgeführt sowie Treffen zur Motivation des Personals abgehalten. Darüber hinaus wurden sogenannte standardisierte Vorgehensweisen, SOPs, für den Umgang mit COVID-19 erstellt.

Mund-Nasen-Schutz mit indischer Flagge
In Indien steigen die Corona-Neuinfektionen derzeit wieder rasant an: Mit über 5 Millionen Infizierten scheint sich der Subkontinent zum neuen Hotspot der Pandemie zu entwickeln. © Gert Altmann / Pixabay

Es dauerte fast einen Monat, bis die COVID-19-Station und die Intensivstation in Betrieb genommen werden konnten, da an den Isolierstationen größere Anpassungen vorgenommen werden mussten, um den Corona-Vorschriften zu entsprechen. Als eines der ersten Krankenhäuser unterzeichnete das Holy Family Hospital eine Absichtserklärung mit den lokalen Behörden der Municipal Corporation of Greater Mumbai und richtete ein COVIDCare-Centre ein, ein Zentrum für die Behandlung von leichten COVID-19-Fällen und -Verdachtsfällen. Kurze Zeit später bereiteten wir 25 Betten nur für die Versorgung von COVID-19-Patienten vor, darunter 12 Betten auf der Intensivstation. Aktuell steigen die Zahlen der COVID-19-Infizierten in Mumbai stark und wir behandeln täglich über 130 Patienten. Darunter auch einige, die Beatmungsgeräte benötigen.

Beseelende Erfahrungen

Was also motiviert Ärzt*innen, weiterhin unter so anstrengenden Bedingungen zu arbeiten? Erst einmal beflügelt es unseren Glauben, wenn COVID-19-Patient*innen wieder gesund werden und es motiviert uns, unsere Arbeit noch besser zu machen sowie für Betroffene und die Bevölkerung insgesamt da zu sein, wenn sie uns am meisten brauchen. Meine persönliche Erfahrung als praktizierende Ärztin war sowohl herausfordernd als auch aufregend.

Die Freude, Leben zu retten: Ich kann mich sehr lebhaft an ein Ereignis erinnern. Ein 71-jähriger Patient kam zu uns in die Notaufnahme und klagte über Atemlosigkeit und Fieber. Als wir ihn untersuchten, war er nicht mehr in der Lage, klar zu denken oder sich zu konzentrieren, und seine Sauerstoffsättigung lag bei 58 %. Er wurde in der Notaufnahme reanimiert und stabilisiert. Später wurde er auf die Intensivstation verlegt und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Es dauerte fast zwei Wochen, bis er sich vollständig erholt hatte. Als er sich bei seiner Entlassung bei uns bedankte, rührte mich diese Geste. Es war ein bewegender Moment für das gesamte medizinische Team. Während mir die Tränen über die Wangen rollten, genoss ich die Freude, die ich darüber empfand, ein Leben gerettet zu haben – ein Gefühl, das weitaus intensiver ist als andere Freuden im Leben.

Gateway of India in Mumbai
In Mumbai mitsamt der Metropolregion gibt es derzeit über 400.000 Corona-Fälle, mit steigender Tendenz: Kein Wunder, dass diejenigen an vorderster Front im Kampf gegen COVID-19 an der Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten. © Darshak Pandya / Pixabay

Die Freude, Leiden zu lindern: Ein anderes Mal war ich die behandelnde Ärztin, als eine unserer COVID-19-Patientinnen ein Kind auf die Welt brachte. Es war eine neue Erfahrung für mich, persönliche Schutzausrüstung bei einer Entbindung tragen zu müssen. Als das Kind auf der Welt war, bedankte sich die Mutter mit gefalteten Händen und Tränen in den Augen bei mir. Es war so eine schöne Erfahrung für mich. Auch wenn wir in diesen schrecklichen Zeiten oft müde und erschöpft sind, stellen sich doch auch immer wieder Gefühle der Erfüllung und Zufriedenheit ein.

Die Freude, auf andere zuzugehen: Als wir eine Partnerschaft mit dem Dachverband katholischer Gesundheitseinrichtungen in Indien, der Catholic Health Association of India, CHAI, eingingen, riefen wir eine weitere wegweisende Initiative ins Leben, das Projekt „Corona Care Life“. Mit diesem Projekt wurde eine webbasierte Plattform eingerichtet, über die jede*r bei Fragen zu COVID-19 telefonisch Kontakt mit einer Fachperson aufnehmen kann. Infizierte Personen, die Trost und Unterstützung suchen oder Personen, die befürchten, sich infiziert zu haben, können dieses Angebot in Anspruch nehmen. Einige unserer Schwestern-Ärztinnen stellen sich selbstlos in den Dienst für die Nächsten und leisten hier große Hilfe, indem sie voller Mitgefühl und Güte den Betroffenen ein offenes Ohr haben und ihnen zur Seite stehen.

Schmerzliche Erfahrungen

Nachdem ich von diesen Momenten der Freude berichtet habe, möchte ich auch über die Herausforderungen sprechen, die sich für medizinisches Personal und Krankenhäuser stellen.

Die luftabschnürende PSA: Wenn wir die PSA, N95-Masken, Schutzbrillen und einen Gesichtsschutz tragen, fühlen sich die meisten von uns, als würden sie keine Luft mehr bekommen. Oft beschlägt zudem die Schutzbrille, wodurch man nur eine verschwommene Sicht hat. Wenn wir all diese Dinge angezogen haben, müssen wir sehr laut sprechen, um verstanden zu werden, und die Kommunikation mit Patienten und anderen Mitarbeitern wird sehr anstrengend. Das führt häufig zu schneller Ermüdung. Zusätzlich müssen viele Informationen telefonisch übermittelt werden, da besorgte Verwandte die Patienten auf der Isolierstation nicht besuchen können. Darüber hinaus ist es in Mumbai so heiß und schwül, dass wir schon kurz nach dem Anlegen der PSA in Schweiß gebadet sind, wodurch es sehr anstrengend wird, sich zu bewegen. Angesichts all dieser Schwierigkeiten ist es kein Wunder, dass diejenigen, die an vorderster Front gegen COVID-19 kämpfen, ausgelaugt sind und an der Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten.

Die Ansteckungsgefahr für medizinisches Personal: Vor ungefähr einem Monat zeigten ein Arzt und drei Schwestern aus meinem Team erste Symptome für COVID-19. Sie wurden positiv getestet und kamen auf dieselbe Isolierstation. Die Nachricht von ihrer Krankheit erschütterte mich. Ich war außer mir vor Sorge. Einerseits sorgte ich mich um ihre Gesundheit und andererseits hatte ich Angst, mich selbst auch anzustecken. Außerdem verlangte es mir viel ab, die COVID-Station zu dieser Zeit mit akutem Personalmangel zu managen. Daher haben wir dann auch eine Strategie und einen Backup-Plan für personelle Engpässe entwickelt.

„Die weltweite Krise ist für uns auch eine Zeit des intensiven Gebets“, so Schwestern-Ärztin Beena Madhavat von CHAI. © CHAI

Druck von Aktivist*innen und Medien: In Mumbai sind Gesundheitseinrichtungen und Ärzte so gut wie sonst kaum irgendwo in Indien. Trotzdem gibt es zu bestimmten Zeiten Engpässe. Auch wir mussten Patienten abweisen, weil wir keine freien Betten mehr hatten. Leider wurden wir von einigen Aktivist*innen und Medien massiv unter Druck gesetzt, COVID-19-Patient*innen auch zu Zeiten aufzunehmen, als alle Betten belegt waren. Das bedeutete nicht nur enormen Stress für alle Mitarbeitenden. Fehlinformationen und Halbwahrheiten, die von Zeitungen und auf Social-Media-Kanälen verbreitet wurden, hatten zudem einen starken negativen und demotivierenden Effekt auf unser Personal, das normalerweise ein überdurchschnittliches Engagement zeigt – auch über die täglichen Pflichten hinaus. Es ist sehr traurig, dass Ärzte und medizinisches Personal, die doch an vorderster Front gegen die Pandemie ankämpfen, Drohungen von Aktivisten und aufgeregten Verwandten ausgesetzt sind.

Gebete und Solidarität inmitten der Krise

Während die weltweite COVID-19-Krise viel Angst, Leid und Unsicherheit mit sich bringt, ist sie für uns auch eine Zeit des intensiven Gebets. Viele unserer Schwesterngemeinden nehmen uns explizit in ihre Gebete mit auf. Diese spirituelle Unterstützung hilft uns, in diesen Tagen der Prüfung Mut, Weisheit und Kraft zu schöpfen. Ihre Freigiebigkeit und Großherzigkeit helfen unserem Krankenhaus, selbst bei finanziellen Schwierigkeiten noch weiterzuarbeiten. Trotz all dieser Herausforderungen kämpfen wir mit ganzem Herzen gegen die Pandemie an.

Der außergewöhnliche Mut, das heldenhafte Engagement, die unermüdlichen Anstrengungen und die edelmütigen Dienste, die von vielen Angehörigen der medizinischen Berufe an den Tag gelegt wurden und werden, um COVID-19 zu bekämpfen, verdienen Lob und Anerkennung. Ich hoffe und bete, dass wir schon bald das Licht am Ende des Tunnels sehen werden. Maria, Trösterin der Betrübten, bete weiterhin für uns, auf dass wir auf dieser schwierigen Reise geschützt, getröstet und geführt sind.


Über die Autorin

Schwester Dr. Beena Madhavat gehört der Kongregation der Ursulinen von der unbefleckten Empfängnis Mariens an (Congregation of Ursulines of Mary Immaculate). Derzeit ist sie stellvertretende Leiterin des Holy Family Hospitals in Mumbai und arbeitet zudem als beratende Gynäkologin. Darüber hinaus ist sie Provinzreferentin für das Medizinische Apostolat der Provinz vom Heiligsten Herzen der Ursulines-of-Mary-Immaculate-Schwestern, nationale Vorsitzende des Forums für Schwestern-Ärztinnen in Indien (Sister Doctors Forum of India) sowie Gesundheitsbeauftrage der Erzdiözese Mumbai.

Über die MISEREOR-Partnerorganisationen

Die Partnerorganisation CHAI, Catholic Health Association of India (Dachverband katholischer Gesundheitseinrichtungen in Indien), führt ein großes COVID-19 Aufklärungs- und Vorsorgeprogramm mit Unterstützung MISEREORs durch. Bei Sister Doctors Forum of India wird, u. a. mit Mitteln von MISEREOR, die Weiterbildung von Schwestern-Ärztinnen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Frauen in ländlichen Regionen Indiens durchgeführt. Ein Projekt zur Ausstattung der ländlichen Gesundheitszentren mit Schutzausrüstung gegen COVID-19 ist derzeit in Planung (gemeinsam mit CHAI).


Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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