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Corona weltweit: Eine Krise der Gleichberechtigung?

MISEREOR besorgt über Häufung von Gewalt an Frauen weltweit

Gewalt gegen Frauen gehört weltweit zur traurigen Realität. Während der Corona-Krise hat sich diese Problematik dramatisch verschärft. Ein halbes Jahr nach Beginn der Pandemie wird nun immer deutlicher, wie kritisch die Situation von Millionen Frauen infolge der Einschränkungen ist: Vergewaltigungen, Frühschwangerschaften und Frühehen sind ebenso angestiegen wie die Fälle häuslicher Gewalt oder Feminizide, dem Mord an Frauen aus Frauenhass. Wie ist die Lage aktuell in den MISEREOR-Partnerländern? Was bereitet die größten Sorgen? Wie kann es weitergehen? Wir richten den Blick nach Afrika, Lateinamerika und Asien.

Indien_Bei der Lebensmittelausgabe halten die Frauen aufgrund von Corona Absatnd © Seva Kendra Calcutta_MISEREOR

Geschlechterbasierte Gewalt ist noch immer weit verbreitet – in manchen Ländern mehr, in anderen weniger. Warum jedoch potenziert die Pandemie die bestehenden Probleme wie unter einem Brennglas? Sandra Lassak, Referentin für theologische Grundsatzfragen und Frauen-Expertin bei MISEREOR dazu: „Die Corona-Krise hat vielerorts zu Lockdowns geführt, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen. Auch die Arbeitslosigkeit stieg vielerorts stark an. Dadurch leben Familien auf engstem Raum zusammen, die Frustration und Angst sind groß. Frauen, die schon länger unter häuslicher Gewalt leiden, sind ihren Aggressoren nun schutzlos ausgeliefert.“ Dass in Stresssituationen die Gewaltbereitschaft gegen Frauen drastisch zunimmt, belegten bereits vor der COVID-19-Pandemie zahlreiche Studien. Zahlen und Berichte von MISEREOR-Partnerorganisationen weltweit stützen die Beobachtung, dass dies auch während der aktuellen Krise zutrifft.

Afrika: Frauengesundheit bereitet große Sorgen

„Besonders besorgniserregend ist die Situation von jungen Mädchen. Seit den Schulschließungen im April 2020 haben wir Tausende Frühehen und Frühschwangerschaften registriert. Diese Entwicklung bereitet uns große Sorgen“, erzählt Mwawi Shaba, Leiter des Diözesanbüros der Justitia et Pax-Kommission in Karonga, Malawi. Von März 2020 bis Juli 2020 wurden in dem südostafrikanischen Land 18.000 Frühschwangerschaften erfasst und mit ihnen auch eine erhöhte Zahl an Abtreibungen bei gleichzeitig schlechterer Gesundheitsversorgung. Dies gilt nicht nur für Malawi: In 64 afrikanischen Ländern mussten laut einer Studie der wissenschaftlichen Aufklärungsplattform „Prevent Epidemics“ mehr als 5.630 Kliniken schließen. Viele Menschen haben außerdem Angst vor einer Ansteckung bei Untersuchungen. Die medizinische Versorgung für Überlebende geschlechterbasierter Gewalt genauso wie für Mütter gestaltet sich deshalb als enorm schwierig und bereitet große Sorgen.

Demonstrationen am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen © Barbara Schirmel – MISEREOR

Lateinamerika: „Überlebende erfahren keine Gerechtigkeit“

Ausgelastete Frauenhäuser, überlastete Hilfstelefone – auch in Lateinamerika spitzt sich die Situation von Frauen und Mädchen zu, berichten MISEREOR-Partner. Die Fälle von Gewalt, oft aus einem männlichen Überlegenheitsgefühl gegenüber Frauen resultierend, häufen sich. „In Mexiko hat die Pandemie ein strukturelles Problem offengelegt, das bislang noch keine Regierung lösen konnte: machistisch motivierte Gewalt. Durch die Krise wurde es nun zusätzlich deutlich verschärft“, sagt Sandy Minier vom Instituto Mexicano para el Desarrollo Comunitario (IMDEC). In dem zentralamerikanischen Land seien die Gewaltindikatoren im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen, besonders während der Quarantäne. So verzeichnete das Mexikanische Rote Kreuz (Cruz Roja Mexicana) zu dieser Zeit im Bundestaat Jalisco einen Anstieg von 70 Prozent an Fällen von Gewalt gegen Frauen. Ein weitere, große Schwierigkeit, von der Minier ebenso wie Partner in Venezuela oder Peru berichten, ist die Straflosigkeit der Täter: „Die Justiz scheint aktuell wie gelähmt zu sein. Überlebende erfahren keine Gerechtigkeit, sie werden von den zuständigen Behörden zurückgewiesen und müssen mit der Furcht vor ihren Aggressoren weiterleben.“

Asien: Systematische Benachteiligung statt Gleichberechtigung

Corona bedeutet für viele MISEREOR-Partnerorganisationen auch, dass sie ihrer Arbeit nicht mehr wie gewohnt nachgehen können und die Verbindung zu von Gewalt betroffenen Frauen verlieren. Dieses Problem betrift auch viele asiatische Länder, zum Beispiel Indien, berichtet Anna Dirksmeier, Referentin der Asien-Abteilung: „Projektpartnerinnen und -partner mussten den Kontakt mit der Bevölkerung aufgrund der hohen Corona-Fallzahlen drastisch einschränken. Jetzt, wo das öffentliche Leben langsam wiederbeginnt, ist davon auszugehen, dass Misshandlungen eher auffallen und den zuständigen Behörden gemeldet werden.“ In Notsituationen nimmt Gewalt gegen Frauen zu – nach dem Taifun Hayan auf den Philippinen im Jahr 2013 beispielsweise stieg die Zahl der Fälle in den betroffenen Gebieten um 300 Prozent, wie Studien herausfanden.

Während der Corona-Krise droht nun eine ähnliche Entwicklung, erklärt Dirksmeier: „Im April 2020 haben laut dem Centre for Monitoring Indian Economy 122 Millionen Inder ihre Arbeit verloren, erst etwas mehr als die Hälfte davon konnte seitdem wieder eine Beschäftigung aufnehmen. Die Menschen haben Zukunftsängste, viele Männer tragen ihren Frust auf dem Rücken der Frauen aus, da sie in der Hierarchie oftmals immer noch über ihnen stehen.“ Bereits jetzt gibt es deutliche Hinweise darauf, dass geschlechterbasierte Gewalt um ein Vielfaches zugenommen hat, ebenso wie die systematische Benachteiligung von Frauen und der Rückfall in patriarchale Strukturen.

Frau mit Kindern – während Corona erleben Frauen starke Benachteiligung und Gewalt © Brigitte Mandelartz

Optimismus in Zeiten der Krise

Corona ist auch eine Krise der Gleichberechtigung – gibt es dennoch Grund für Optimismus? Ja, meint Sandy Minier vom Instituto Mexicano para el Desarrollo Comunitario: „Natürlich ist die Lage in Bezug auf geschlechterbasierte Gewalt sehr kritisch. Trotzdem sind positive Entwicklungen zu beobachten: Frauen organisieren sich untereinander, um sich gegenseitig zu helfen. Organisationen schließen sich zu großen Netzwerken zusammen, um Frauen besser schützen zu können, es finden Aufklärungskampagnen statt. Das macht Mut und lässt auf weitere solcher Initiativen hoffen.“ Gleichzeitig muss Schluss sein mit der Straflosigkeit der Täter, betont Minier. „Die Problematik existiert schon sehr lange, aber bislang ist ihr keine Regierung Herr geworden. Es ist an der Zeit, dass sich das Denken wandelt und die Justiz die Fälle endlich konsequent verfolgt.“ Das System muss sich ändern – in Mexiko und weltweit, so machen die Partnerberichte deutlich.

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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