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Gleiche Rechte für alle – weltweit

Kommentar zur Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft

Von Sandra Lassak und Markus Büker, MISEREOR

Sandra Lassak und Markus Büker arbeiten zu theologischen Grundfragen bei MISEREOR.
Foto: Claudia Fahlbusch

Assisi – symbolischer Ort

Am Sonntag, 4. Oktober 2020, wurde im Vatikan das neue Lehrschreiben von Papst Franziskus veröffentlicht. Am Tag zuvor hat Franziskus es in der mittelitalienischen Kleinstadt Assisi unterzeichnet. Der Ort ist bewusst gewählt und angesichts heutiger Krisen in Gesellschaft und Kirche symbolisch: Der Namensgeber des Papstes, der heilige Franziskus, war im 13. Jahrhundert aus den bestehenden Machtverhältnissen seiner Stadt und Kirche ausgezogen, um eine neue Vision von universaler Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft zu leben. In allen Begegnungen bezeugte er die Würde und Gleichheit aller Menschen, begegnete allen Geschöpfen und der Natur mit Ehrfurcht. Er praktizierte Freundschaft über Religionen hinweg und reiste zum Beispiel zu Sultan Malik-al-Kamil nach Ägypten.

Abgründe hinter Mauern

Papst Franziskus inszeniert diese Parallele, wenn er von Assisi aus unsere Welt verschiedenster Krisen zu einem tiefgreifenden Wandel einlädt: „Wenn einer meint, dass es nur um ein besseres Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige Botschaft darin besteht, die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er auf dem Holzweg.“ (FT 7). Mit deutlichen Worten identifiziert Franziskus unser profitbasiertes und wachstumsorientiertes Wirtschaftssystem das nicht zögert, Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten (FT 22), als wesentliche Ursache für diese destruktive Lebensweise. Menschen leben und arbeiten in sklavenähnlichen Bedingungen, erfahren sexualisierte oder rassistische Diskriminierung und Gewalt, sterben an den europäischen Außengrenzen aufgrund der „Mauern“, die ihnen gegenüber errichtet wurden (FT 27, 146, 248).

Es braucht mehr als kleine Korrekturen, es braucht tiefgreifende Veränderungen und eine internationale Zusammenarbeit, bei der alle aufgerufen sind, aufeinander zu hören, zu lernen und sich zu verändern. Statt des Recht der Stärkeren, brauchen wir verbindliche Regeln die Mensch und Umwelt schützen und dazu beitragen dass Gleichgültigkeit gegenüber an den europäischen Außengrenzen Ertrinkenden, gegenüber Hungernden und Ausgebeuteten ein Ende finden. Deswegen ist Assisi auch ein positiver Bezugspunkt für die notwendige Umkehr in unserer heutigen Zeit. Die Interreligiösen Gebetstreffen in Assisi führen seit 1986 durch die Initiative Johannes Pauls II. fort, was das II. Vatikanische Konzil zum interreligiösen Dialog als Weg des Friedens angelegt hat. Franziskus hat in dieser Linie mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb nach mehreren Treffen 2019 die Erklärung von Abu Dhabi veröffentlicht, die auch im Hintergrund dieser Enzyklika steht (FT 5)

Gleiche Würde aller Menschen

Schlüssel zum Verständnis dieser Analyse ist der Glaube daran, dass „jeder Mensch eine unveräußerliche Würde hat, (…) jeder Mensch mein Bruder oder meine Schwester ist, und (…) die Welt wirklich allen gehört, (…) egal, ob jemand hier geboren wurde oder außerhalb der Grenzen seines eigenen Landes lebt.“ (FT 125). Nehmen wir diese Aussagen ernst, sind sie von einer Radikalität, die die herrschenden Verhältnisse sprengen. Statt nationaler Abschottungspolitik und die Inanspruchnahme von sozialen und ökologischen Rechten seitens einiger weniger werden hier gleiche Rechte für alle weltweit, gefordert. Hier hat die an Fahrt aufnehmende Diskussion über „globale Rechte“ ihren Platz. Die einzunehmende Perspektive ist die derjenigen, die gerade vom Zugang von diesen Rechten ausgeschlossen sind. Entscheidend ist es wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, sich von den Notleidenden, den Verletzlichen her zum Nächsten machen zu lassen – es ist eine Provokation, wenn ich mir die Nächsten nicht aussuchen kann, sondern sie mir ungefragt entgegenkommen.

Niemand rettet sich selber

Angesichts der aktuellen weltpolitischen Situation – einerseits die bekannten Krisen wie Klimawandel, brennende Regenwälder, Kriege, über 690 Millionen chronisch Hungernde, schutzlose Flüchtlinge und neu Corona-Krise, andererseits nationale Egoismen, Populismus, eine geschwächte EU und UNO – ist die klare Wortmeldung von Papst Franziskus dringend nötig. Denn eine „globale Tragödie wie die COVID-19-Pandemie hat für eine gewisse Zeit wirklich das Bewusstsein geweckt, eine weltweite Gemeinschaft in einem Boot zu sein, wo das Übel eines Insassen allen zum Schaden gereicht. Wir haben uns daran erinnert, dass keiner sich allein retten kann, dass man nur Hilfe erfährt, wo andere zugegen sind“ (FT 32). Die Coronakrise hat bestehende soziale und ökologische Krisen deutlicher hervorgebracht und gezeigt, Umkehr ist notwendig sofort. Die Überwindung der herrschenden, auf ungleichen Machtverhältnissen basierende Weltordnung zielt auf das friedliche Zusammenleben der Menschheitsfamilie im gemeinsamen Haus der Erde ab. Sie kann nur in einer sich als Weltgemeinschaft verstehenden Menschheit möglich sein und werden.

Hoffnung durch Wandel und Zusammenarbeit

Die Botschaft von Fratelli tutti: Hoffnung ist möglich, aber nur um den Preis eines radikalen Wandels und nur in weltweiter Zusammenarbeit. In der Enzyklika ist das hohe persönliche Engagement von Papst Franziskus für die Zukunft der Menschheit sichtbar. Das schließt aber auch untrennbar ein, noch mehr als bisher auf die eigene Kirche zu schauen, auch in ihr strukturelle Konsequenzen zu ziehen und konkret zu werden: Machtverhältnisse, die diskriminierend und ausschließend sind, zu überwinden, Frauen, die gleichen Rechte wie Männern zu geben, die Zeichen der Zeit gesellschaftlicher Veränderungen wahr- und ernst zu nehmen, kulturelle Vorherrschaft infrage zu stellen. In der Suche nach einer Politik der Solidarität aus einer Haltung des Zuhörens heraus selbstverständlich mit Angehörigen anderer Religionen und Kontinente und hierin vor allem auch mit den sozialen Bewegungen, die für diesen Wandel eintreten, zusammen zu arbeiten. Franziskus lädt dazu ein, wichtige Erfahrungen aus dem Versöhnungsprozess in Südafrika, dem Einsatz für Frieden im Kongo oder einer Armutsbekämpfung der Lateinamerikanischen Kirche zu nutzen wo es nicht um alleine um eine Politik für, sondern mit den Armen geht im Sinne der Option für die Armen (FT 226, 229, 234).

Es braucht noch (viel) mehr

Fratelli tutti beschreibt wichtige Prinzipien einerseits für alle Menschen, aber auch ganz konkret für die Politik, die Wirtschaft, die Medien. Franziskus betont einerseits die Notwendigkeit struktureller Veränderungen auf diesen Feldern, sieht aber zugleich das echte Veränderungen auch davon abhängen, dass jede/r einzelne Bereitschaft zeigt den/die Nächste/n zu lieben, die Ärmsten in den Mittelpunkt zu stellen und geschwisterlich bzw. solidarisch zu handeln (FT 193, 194). Er bestreitet nicht, dass bereits viel erreicht wurde in der Welt, aber er erinnert uns daran, dass „jede Generation sich die Kämpfe und die Errungenschaften der früheren Generationen zu eigen machen und sie zu noch höheren Zielen führen muss…Unmöglich kann man sich mit dem zufriedengeben, was man in der Vergangenheit erreicht hat, und dabei verweilen, es zu genießen, als würden wir nicht merken, dass viele unserer Brüder und Schwestern unter Situationen der Ungerechtigkeit leiden, die uns alle angehen“. (FT 11)

Kirche muss Partei ergreifen

Konkret kann Geschwisterlichkeit im Sinne von Fratelli tutti für die Kirche bedeuten, Geldanlagen aus Kohle, Erdöl und Gas zurückzuziehen und sich noch stärker für menschenrechtlichen Schutz durch verbindliche Sorgfaltsregeln bei Lieferketten einzusetzen. Papst Franziskus sieht die Notwendigkeit, dass Kirche sich politisch einmischt und Stellung bezieht. Die Kirche respektiere zwar die Autonomie der Politik, so Franziskus, beschränke aber ihre eigene Mission nicht auf den privaten Bereich: „Im Gegenteil, sie kann und darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen…. Es stimmt, dass religiöse Amtsträger keine Parteipolitik betreiben sollten, die den Laien zusteht, aber sie können auch nicht auf die politische Dimension der Existenz verzichten, die eine ständige Aufmerksamkeit für das Gemeinwohl und die Sorge um eine ganzheitliche menschliche Entwicklung umfasst. Die Kirche hat eine ‚öffentliche Rolle, die sich … in den Dienst der Förderung des Menschen und der weltweiten Geschwisterlichkeit‘ stellt“ (FT 276). Es liegt im tiefsten Wesen der Kirche parteiliche Option für die Armen zu ergreifen.

Evangelii Gaudium, In Laudato si’, Fratelli tutti – Trilogie

In Evangelii Gaudium entwirft Franziskus das Bild einer grunderneuerten Kirche, die von den Rändern der Existenz und Gesellschaften her Zeichen und Werkzeug einer besseren Welt ist. In Laudato si’ beschreibt er die ökologische und soziale Krise, in die uns Lebens- und Produktionsweisen im herrschenden Kapitalismus heute gebracht haben, zeigt in einer integralen Ökologie einen Ausweg auf. In Fratelli Tutti nun benennt er die innere Haltung und beschreibt die Arbeitsweise, die über alle kulturellen, religiösen, geographischen, ethnischen und politischen Grenzen hinweg angesichts der immer dramatischer werdenden globalen Situation notwendig ist, um der Vision einer friedlichen, weil sozial und ökologisch gerechten Welt näher zu kommen.

Es ist sprechend, dass die Enzyklika am 4. Oktober, dem Gedenktag des Heiligen Franz von Assisi, sowohl von muslimischen wie christlichen Vertretern des interreligiösen Dialogs (Mohamed Mahmoud Abdel Salam – Al Azhar, Kairo; Kardinal Miguel Ángel Ayuso Guixot, Vatikan; Andrea Riccardi, San Egidio) als auch dem Verantwortlichen für die außenpolitischen Beziehungen des Vatikans (Kardinal Pietro Parolin, Vatikan) als auch einer theologischen Sozialethikerin (Anna Rowlands, Durham) vorgestellt wird.

Diese Hoffnung auf Veränderung durch weltweite Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg möge uns anstiften, tiefer zu denken und zu lieben, entschiedener zu handeln und grenzüberschreitende Bündnisse zu bilden.


Sandra Lassak und Markus Büker arbeiten zu theologischen Grundfragen bei MISEREOR, Deutschland.

MISEREOR ist Mitglied des Dachverbands CIDSE und unser Kommentar bezieht die erste Lektüre in diesem Netzwerk ein.


Weiterlesen

„Es geht nur noch zusammen“
https://www.misereor.de/presse/pressemeldungen-misereor/es-geht-nur-noch-zusammen

„Weckruf für die Weltgemeinschaft“
Weltweiter Hunger erfordert Transformation der Ernährungssysteme
https://www.misereor.de/presse/pressemeldungen-misereor/weckruf-fuer-die-weltgemeinschaft



Autor:

Sandra Lassak

Sandra Lassak arbeitet als theologische Grundsatzreferentin bei MISEREOR. Sie hat 7 Jahre in Peru gelebt und gearbeitet und war besonders in der Frauenförderung und im Bereich feministischer Theologie tätig.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. „Fratelli tutti“:
    Diante das sombras de um mundo fechado e os gritos dos pobres e fragilizados, a Fratelli Tutti parece ser a 9ª Sinfonia de Francisco; ela dá voz a muitos caminhos de esperança. A necessidade de dar voz ao sofrimento é condição do anúncio da Verdade e da reconciliação da humanidade. Essa reconciliação é possível pela solidariedade e o diálogo, sobretudo pelo diálogo entre as religiões que sabem, que somos todos irmãos e irmãs, porque somos filhos e filhas de Deus.
    Unidos contra o disperdício
    Viva São Francisco!
    Paulo Suess

    „Fratelli tutti“:
    Vor dem Hintergrund einer düsteren Welt und der Schreie der Armen und Schwachen scheint „Fratelli Tutti“ die 9. Sinfonie von Franziskus zu sein; sie gibt vielen Wegen der Hoffnung eine Stimme. Dem Leiden eine Stimme zu geben, ist eine Voraussetzung für die Verkündigung der Wahrheit und die Versöhnung der Menschheit. Diese Versöhnung ist möglich durch Solidarität und Dialog, insbesondere durch den Dialog zwischen Religionen, die wissen, dass wir alle Brüder und Schwestern sind, weil wir Söhne und Töchter Gottes sind.
    Gemeinsam gegen die Verschwendung.
    Lang lebe St. Franziskus!
    Paulo Suess

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