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COVID-19-Observatory – Pastoralisten in Äthiopien gefährdet

Mit der Corona-Pandemie hat sich die Ernährungssituation in Subsahara-Afrika deutlich verschlechtert. Über die negativen Auswirkungen – insbesondere für ländliche Haushalte und Bauern in Westafrika – wurde bereits im Rahmen des COVID-19-Observatory berichtet. Zusätzlich bietet nun der Blick auf die Lage in Äthiopien neue Erkenntnisse zum Ausmaß der Pandemie. Dort ist die Lebensgrundlage der Pastoralisten besonders gefährdet.

Pastoralismus Äthiopien Kamelherde
Durch die wiederkehrende Trockenheit ziehen die Pastoralisten mit ihren Herden normalerweise in humidere Gebiete weiter. Da die derzeitigen Mobilitätseinschränkungen dies jedoch verhindern, sind Wasserstellen rar. © IDURUS

Pastoralismus in Äthiopien

Als Pastoralismus wird eine mobile Form der Tierhaltung bezeichnet, bei der ein kontinuierlicher Wechsel der Weideflächen entlang des Niederschlagsvorkommens stattfindet. In Äthiopien leben etwa 13,5 Millionen Pastoralisten, die mit knapp über 12 % einen erheblichen Anteil an der Gesamtbevölkerung darstellen. Die Pastoralisten leben und wirtschaften vor allem im Tiefland, das 60-65 % der äthiopischen Landfläche ausmacht. Dieses Gebiet gehört überwiegend zur halbtrockenen bis trockenen Klimazone. Pastoralisten sind auf Tierhaltung mit der Natur spezialisiert. Die hohe Variabilität der natürlichen Umwelt – im Ackerbau eher als Hemmnis angesehen –kommt ihnen besonders zugute. Damit ist Pastoralismus eine kostengünstige und ökologisch angepasste Art der Nahrungsmittelproduktion in trockenen Gebieten.

Durch die selektive Beweidung leisten Pastoralisten einen substantiellen Beitrag zum Schutz der natürlichen Umwelt.

Tim Bosch

Hauptmerkmal pastoraler Produktionssysteme ist die mobile Beweidung. Die Hirten lassen ihre Herden auf den Weiden ihrer Wanderrouten nur für begrenzte Zeiträume grasen. Da Wiederkäuer zudem nur eine bestimmte Menge täglichen Futters verdauen können, versuchen die Hirten, ihre Tiere mit möglichst nährstoffreichen Pflanzen zu füttern. Durch die selektive Beweidung schützen die Pastoralisten die Weiden vor einer Übernutzung – und leisten einen substantiellen Beitrag zum Schutz der natürlichen Umwelt.

Eingeschränkte Mobilität

Für das COVID-19-Observatory wurde mit Pastoralisten in der Umgebung von Moyale – einer Stadt an der Grenze zu Kenia – gesprochen. Hier herrscht aufgrund der klimatischen Extreme derzeit eine besonders prekäre Situation für die Hirten. Die wiederkehrende Trockenheit führte in dieser Region zu Wasserknappheit und kargen Weiden, die wenig Futter für die Herden bieten. Diese Situation wird durch die staatlichen Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung zusätzlich verschärft. Denn durch Ausgangsbeschränkungen und die Sperrung von regionalen Verbindungsstraßen ist die Mobilität der Herden erheblich eingeschränkt. Vor allem aber sind durch die Grenzschließung zum Nachbarland Kenia die sonst genutzten Wanderrouten nicht mehr zugänglich. Während der Trockenzeit weichen die Pastoralisten mit ihren Herden normalerweise auf diese Weidegebiete aus. Die massive Einschränkung der Mobilität reduziert die verfügbaren Weideflächen der Hirten und hebelt das System der Wanderweidewirtschaft aus.

Pastoralisten Äthiopien IDURUS
Knapp über 12 % der äthiopischen Bevölkerung betreibt Pastoralismus als Form der Tierhaltung. Charakteristisch ist die mobile Beweidung, bei der die Herden während ihrer Wanderschaft nur für begrenzte Zeiträume auf derselben Weide grasen. © IDURUS

Heuschreckenplage zerstört Weideflächen

Da nutzbares Grasland in der Region dementsprechend knapp ist, drängen viele Herden auf wenig Weidefläche. In der Folge wird daraus ein sich selbst verstärkender Prozess: Durch Trockenheit und mangelnde Mobilität findet eine intensivere Nutzung der verfügbaren Weiden statt. Da sich diese dadurch nicht regenerieren können, bleibt die Erholung des Ökosystems aus und es kommt zu Überweidung – und folglich zur weiteren Dezimierung von Weideland. Außerdem hat die besonders starke Heuschreckenplage seit Anfang dieses Jahres zur Zerstörung vieler Weideflächen beigetragen. In der Region fördert diese Ressourcenknappheit Landnutzungskonflikte unter den Pastoralisten.

Erhalt der Herde

Neben den Versorgungsproblemen sind viele Herden von einer weitverbreiteten Tierseuche betroffen. In den Interviews berichteten die Menschen immer wieder, dass Pastoralisten in Äthiopien und Kenia in Folge der Seuche vielerorts hohe Verluste bei ihren Herden erleiden mussten. Denn die staatlichen Kapazitäten zur Impfung der Tiere reichen aktuell nicht aus – obwohl der Erhalt der Herde die Lebensgrundlage der Pastoralisten darstellt.

Pandemie erschwert Lebensbedingungen

Der eingeschränkte Verkauf stellt die Pastoralisten vor zusätzliche Probleme. Denn die Möglichkeiten, Handel mit ihren Tieren und tierischen Erzeugnissen zu betreiben, sind aus verschiedenen Gründen beschränkt. Erstens ist der Betrieb von Märkten in weiten Teilen Äthiopiens aufgrund der Pandemie eingeschränkt – ähnlich wie in einigen anderen Ländern Subsahara-Afrikas. Auf den Märkten verkaufen die Pastoralisten normalerweise den Großteil ihrer Produkte. Unter dem schlechteren Marktzugang leidet aber nicht nur der eigene Verkauf, sondern auch der Erwerb von Lebensmitteln. Zweitens sind die Absatzmärkte oftmals weit von den Haushalten der Pastoralisten entfernt. Durch die Mobilitätsbeschränkungen sowie durch gestiegene Transportpreise ist vielen Hirten der Zugang zu möglichen Märkten verwehrt bzw. erschwert. Das ist auch der Grund dafür, dass keine Händler mehr von außerhalb – beispielsweise aus größeren Städten – in die Camps kommen, um dort die Produkte direkt beim Erzeuger einzukaufen.

Pastoralismus Äthiopien Kamelherde Trockenheit
In der Not bleibt häufig bleibt nur der Verkauf von Tieren aus der Herde, die notgedrungen zu niedrigen Preisen veräußert werden. © IDURUS

Als dritter Punkt sind die fallenden Viehpreise zu nennen. Einerseits entstehen diese durch die gesunkene Nachfrage, denn durch die seit der Krise schlechteren Verdienste hat die Bevölkerung insgesamt eine geringere Kaufkraft. Andererseits sind durch die Ausbreitung der Tierseuche und die anhaltende Dürre die Bedingungen für die Tierhaltung deutlich schlechter geworden. So ist beispielsweise im südlichen Moyale der Preis für lebende Ziegen im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte eingebrochen. Insgesamt müssen die Pastoralisten daher mit erheblichen Einkommenseinbußen umgehen. Eine im September interviewte Pastoralistin, 50 Jahre, aus Gulali (Moyale) fasst die Situation treffend zusammen: „Die Ausbreitung von Tierkrankheiten in Verbindung mit der Dürre hat die Preise für lebende Tiere nach unten gedrückt. Marktbeschränkungen haben ebenfalls stark dazu beigetragen, da die Händler keinen Zugang zu den lokalen Märkten haben.“

Teufelskreis der Verschuldung

Die wirtschaftlichen Gegebenheiten lassen den Pastoralisten meist nur wenig Alternativen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Normalerweise wird in solchen Situationen anderen bzw. komplementären Tätigkeiten nachgegangen, etwa dem Sammeln von Brennholz zur Herstellung von Holzkohle, Gelegenheitsjobs in den nahegelegenen Städten oder dem Hüten von Tieren für andere Pastoralisten im Dorf. Durch die staatlichen Restriktionen entfällt jedoch ein Großteil dieser Einkommensmöglichkeiten. Häufig bleibt daher nur der Verkauf von Tieren aus der Herde, die notgedrungen zu niedrigen Preisen veräußert werden. Langfristig ist durch diesen Ausverkauf aber eine schlechtere Einkommenssituation zu erwarten. Eine weitere Lösung stellt oft das Leihen von Geld dar. Aufgrund des schlechten Zugangs zu Krediten leihen sich die Pastoralisten ihre Geldmittel oftmals von Verwandten und Freunden. Jedoch birgt auch diese Praxis eine Gefahr: „Es werden Darlehen von Verwandten bezogen, weshalb viele Hirtenfamilien in einen Teufelskreis der Verschuldung geraten“, berichtet eine andere Pastoralistin aus Gulali (Moyale).

Ernährungssicherheit in Gefahr

In der Summe gefährdet die so entstehende finanzielle Notlage die Ernährungssicherheit der pastoralen Haushalte. Als Reaktion darauf wird der Lebensmittelkonsum sowohl qualitativ als auch quantitativ reduziert, da viele Produkte knapp oder zu teuer sind. Zum einen geht dadurch die Diversität in der Nahrungsaufnahme verloren, da vermehrt auf erschwingliche Grundnahrungsmittel wie Mais zurückgegriffen wird. Zum anderen verringern die Haushalte ihre täglichen Mahlzeiten. So wird teilweise nur eine Mahlzeit pro Tag aufgenommen, wodurch langfristig eine Unter- sowie Mangelernährung bei Kindern und älteren Menschen zu erwarten ist.

Die finanzielle Notlage gefährdet die Ernährungssicherheit der pastoralen Haushalte.

Tim Bosch

Kaum Hilfe, viel Bedarf

An dieser Stelle könnte staatliche Unterstützung Abhilfe schaffen, doch erreicht diese die Pastoralisten bislang kaum. Die befragten Hirten erhielten entweder gar keine Unterstützung oder nur kleine Lebensmittelpakete, die den tatsächlichen Bedarf in den betroffenen Zonen kaum deckten. Dahingegen ist für die Pastoralisten in der Region der Bedarf an Hilfsmaßnahmen sehr dringend. Dieser reicht von der Einrichtung von Viehmärkten und der Erschließung des bislang nicht nutzbaren Weidelandes bis zur Vorbeugung von Landnutzungskonflikten und verstärkten Investitionen in die Infrastruktur. Damit sind sowohl eine bessere Wasserversorgung für Mensch und Tier als auch die Stärkung der lokalen Gesundheitsstrukturen gemeint. Es fehlt an Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung und an Fachpersonal, überdies auch an ausreichender Versorgung mit Impfstoffen, um die grassierende Tierseuche einzudämmen. Vor allem letzteres ist dringend erforderlich für den Erhalt der Herden und damit der Lebensgrundlage der Pastoralisten.

Autor Tim Bosch studiert an der Freien Universität Berlin im Master-Studiengang Geographische Entwicklungsforschung (M.Sc.) und ist für die Koordinierung und Planung der Erhebung sowie die Analyse der Daten verantwortlich.


Weitere Informationen zum COVID-19-Observatory.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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