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“Die Sorge um Amazonien ist auch unsere Sorge”

Vor einem Jahr fand die Synode für Amazonien „Neue Wege für die Kirche und für eine integrale Ökologie“ in Rom statt, an der auch deutsche Vertreterinnen und Vertreter beteiligt waren. Gemeinsam mit den beiden Hilfswerken Adveniat und MISEREOR haben sie in einer Onlineveranstaltung am 20. Oktober 2020 ein erstes Fazit gezogen und stellten sich der Frage “Ein Jahr Amazonien-Synode – was nun?” 

„Eine Synode des Aufbruchs für Amazonien und den Planeten – und dann kam Corona. Dieser Eindruck mag in Deutschland vorherrschen. Doch dieser Eindruck ist falsch. Die Beschlüsse der Synode werden vor Ort mit den Menschen an der Basis diskutiert und umgesetzt.” 

Pater Michael Heinz,
Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat 

“Prozesse wurden verlangsamt, natürlich auch durch die Corona-Pandemie. Doch Prozesse dauern in Amazonien generell viel, viel länger. Das gehört zur Kultur. Das sehe ich nicht negativ, sondern positiv, weil so Prozesse reifen können. Man muss den Dingen die Zeit geben, sich entwickeln zu können. Auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit. Schnelle Prozesse sind häufig nicht nachhaltig. Wir wollen aber nachhaltige Veränderungen. Prozesse gehen trotz der Corona-Pandemie weiter, Gott sei Dank! Es ist jetzt unsere Aufgabe gerade an der Basis, die Strukturen und Prozesse mit Leben zu füllen.” 

Bischof Johannes Bahlmann,
Bischof von Óbidos im brasilianischen Amazonas-Gebiet 

“Eine große Frucht des einjährigen Prozesses ist sicherlich CEAMA (neue kirchliche Amazonas-Konferenz innerhalb des Rates der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen CELAM, Anm. d. Red.), die genau dabei helfen will, ein Motor der Evangelisierung zu sein. Ziel ist es, die gemeinsame Pastoral Amazoniens auf den Weg zu bringen. Durch CEAMA rückt das, was sonst vielleicht am Rande diskutiert wurde, in den Mittelpunkt: Die Situation und Kirche in Amazonien.“    

Pater Michael Heinz,
Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat 

“In der neu gegründeten Konferenz CEAMA sind Indigene aktive Teilnehmer*innen und Protagonist*innen. Sie gestalten die Kirche aktiv mit, es wird nicht nur über sie geredet, sondern mit ihnen. Das ist ein wichtiges Zeichen. Frauen können zudem beratend zur Seite stehen. Auch das ist ein entscheidender Schritt.”   

Schwester Dr. Birgit Weiler,
Dozentin an der katholischen Universität in Jaén und Lima in Peru und theologische Beraterin der Kommission für Gerechtigkeit und Solidarität der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM) 

„Worum geht es eigentlich bei der Synode? Es geht um indigene Ortskirchen, es geht um eine Kirche mit ‘amazonensischem’ Gesicht. Und eine solche Ortskirche wird eine immense Bereicherung sein für die Weltkirche. Diese indigene Ortskirche ist keine Bedrohung für die Einheit der Kirche, sondern sie wird nur das Verspechen der Vielfalt in der Einheit des Heiligen Geistes einlösen.“ 

Dr. Paulo Suess,
Theologe und ehemaliger Generalsekretär des Indigenenmissionsrates CIMI 

“’Amazonisiere’ dich, Deutschland – was heißt das? Leon Souza von REPAM sagt dazu, dass es uns zu einem verantwortungsbewussten, weniger konsumorientierten Lebensstil verpflichtet.” 

Regina Reinart,
MISEREOR-Länderreferentin Brasilien 

“Politische Nächstenliebe verlangt eine klare Position der Kirche insgesamt, um sich gegen ungerechte politische Strukturen, wie sie in internationalen Abkommen zum Beispiel zwischen der EU und den Mercosur-Ländern vereinbart werden sollen, zu engagieren. Wir müssen Nein sagen zu Abkommen, die Menschenrechte missachten und hohe Umweltrisiken beinhalten, oder diese Abkommen entscheidend nachbessern.“ 

Pirmin Spiegel,
Hauptgeschäftsführer des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR 

„Die indigenen Völker gemeinsam mit anderen sozialen Bewegungen kämpfen nicht um das irdische Paradies, sondern für eine Welt, in der alle die gleichen Lebenschancen haben, und die sich in ortskirchlichen Strukturen mit ihren einheimischen Theologien und Liturgien widerspiegelt. Das wünschen wir uns und solche Kirchen haben Kraft für Widerstand und all das, was von außen kommt.“ 

Dr. Paulo Suess,
Theologe und ehemaliger Generalsekretär des Indigenenmissionsrates CIMI 

Foto: © Gamabrini/OPAN

Wenn ich mich bei unseren Partner*innen in Amazonien umhöre, dann vernehme ich, dass vor allem drei Aspekte des synodalen Weges als besonders wichtig hervorgehoben werden und an denen wir dran bleiben müssen: Zum einen ist das die Inkulturation, dann gilt es, Liturgien der autochthonen Völker zu schaffen und die Stunde der Frauen auszurufen.”   

Regina Reinart,
MISEREOR-Länderreferentin Brasilien 

“Auch der Schutz der Umweltschützer*innen und der Menschen, die sich für die Umwelt und Andere aktiv einsetzen, muss jetzt besprochen werden. Eine Frucht der Synode ist auch, dass wir hellhöriger geworden sind, wenn Menschenrechtsverletzungen und Morde an indigenen Aktivist*innen passieren und solidarisch reagieren können.”   

Pater Michael Heinz,
Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat 

“Das aktuelle Beispiel (das geplante EU-Mercosur-Handelsabkommen, Anm. d. Red.) zeigt, wie wir als Organisationen in Deutschland und Europa einen Beitrag leisten können. Wir sind sehr froh, dass die EU vor zwei Wochen den Vertrag in der Form abgelehnt hat, damit Menschenrechte, Klimaschutz und Demokratie gewahrt werden. Auch das ist eine direkte Folge der Amazonien-Synode, von Querida Amazonia und des postsynodalen Weges.”   

Pirmin Spiegel,
Hauptgeschäftsführer des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR 

“Wir wollen Brücke sein und die Erfahrungen, die die Menschen in Amazonien machen, auch in Deutschland präsenter werden lassen, so dass wir voneinander lernen können.” 

Pater Michael Heinz,
Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat 

Foto: © Florian Kopp / Misereor

“Die Sorge um Amazonien ist auch unsere Sorge, denn es geht um das Sorgetragen des gemeinsamen Hauses Erde und damit um nachhaltiges, würdiges und gutes Leben für alle.“ 

Pirmin Spiegel,
Hauptgeschäftsführer des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR 

Alle Redner*innen des Abends waren sich trotz dieser ersten Erfolge einig über den gravierenden Einschnitt, den die Corona-Pandemie für den synodalen Prozess, aber auch die Amazonien-Länder und -Gesellschaften insgesamt bedeutet hat. Die Krise stellt weiterhin alle vor enorme Herausforderungen – wie sehr, davon erzählten die Teilnehmenden durch Erfahrungsberichte aus verschiedenen Ländern Amazoniens: 

“Die Menschen, die hauptsächlich ihr Leben in der Corona-Krise verloren haben, das sind die Armen. Das Gesundheitssystem ist völlig zusammengebrochen. […] Menschen mussten sich selbst organisieren und daran waren vor allem Frauen beteiligt. Ohne die Frauen, die häufig über traditionelle Medizinkenntnisse auf Pflanzenbasis verfügen, wären die Zahlen der Corona-Toten noch viel höher geworden.” 

Schwester Dr. Birgit Weiler,
Dozentin an der katholischen Universität in Jaén und Lima in Peru und theologische Beraterin der Kommission für Gerechtigkeit und Solidarität der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM) 

“Ich bin froh, dass wir uns trotz der Pandemie aufgemacht haben, diese Wege weiter zu gehen. Die Zahlen sind hoch, einige sind gestorben, auch Menschen, die ich persönlich kenne, und das geht einem nahe.”    

Bischof Johannes Bahlmann
Bischof von Óbidos im brasilianischen Amazonas-Gebiet 

Foto: © Corinna Würzberger / MISEREOR

“Die Indigenen haben ihre weisen Frauen und Männer verloren, das Rückgrat ihrer Gemeinschaften. Viele Indigenengemeinschaften befinden sich im Trauerprozess. So sagte mir eine Frau: ‘Wir fühlen uns wie Waisen, diejenigen, die uns inspiriert und geführt haben, sind nicht mehr da.” 

Schwester Dr. Birgit Weiler,
Dozentin an der katholischen Universität in Jaén und Lima in Peru und theologische Beraterin der Kommission für Gerechtigkeit und Solidarität der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM) 

Erste Folgeschritte der Synode wurden somit – trotz der andauernden Corona-Pandemie – bereits gegangen, andere Themen und Aufgaben müssen weiterverfolgt werden. Dabei gilt es – sowohl in Amazonien als auch in Deutschland und Europa – dass es viele engagierte Menschen braucht, die an vielen Orten etwas im Kleinen und Großem bewegen. Jeder und jede kann schon durch seinen nachhaltigen Lebensstil und ihr bewusstes Konsumverhalten einen Unterschied machen.  


Aufnahme des Podiumgesprächs

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