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Ein Virus stellt die Wachstumsfrage

Die Corona-Pandemie deckt einen lange vernachlässigten Zielkonflikt auf, nämlich zwischen betriebswirtschaftlicher Effizienz, einmündend in volkswirtschaftliches Wachstum, und Resilienz. Resilienz gilt als Fähigkeit einer Gesellschaft, eines ökonomischen, technischen oder sozialen Systems, externe Störungen zu verarbeiten, ohne die Überlebens- und originäre Funktionsfähigkeit zu verlieren. Die immensen Wohlstandszuwächse der vergangenen Jahrzehnte verdanken sich einer Schönwetterökonomie, die immer störanfälliger wurde, insbesondere durch industrielle Spezialisierung, global entgrenzte Absatz und Beschaffungsmärkte, Lean Management, Massenproduktion und – vor allem – Digitalisierung.

Damit eine chinesische Epidemie zu einer Pandemie werden konnte, bedurfte es eines Netzes weltweiter und hochfrequenter Austauschbeziehungen, sowohl den Güter- als auch Personenverkehr betreffend. Wenn alles mit allem verbunden und voneinander abhängig ist, lassen sich auch noch so weit entfernte Störungen nicht mehr einhegen, sondern breiten sich rapide aus, durchdringen schließlich den globalen Raum. Dass die moderne Zivilisation fortwährend fragiler wurde, wäre ohne digitale Kommunikationsmedien undenkbar gewesen, ganz zu schweigen von dem Kontroll- und Autonomieverlust infolge zunehmender Abhängigkeit von Technologie sowie externer Ressourcenzufuhr.

Politische Reaktionen auf das zum Normalzustand gediehene Notstandspotpourri unterwerfen sich dem Vorbehalt, den Wohlstands- und Technikkomplex nicht anzutasten, ganz gleich ob aus Gründen einer unverbesserlichen Fortschrittsgläubigkeit, die längst zum Religionsersatz geworden ist, oder weil für ursachenadäquate Maßnahmen, die nur in einer Anspruchsmäßigung bestehen können, keine demokratischen Mehrheiten existieren. Deshalb wird an den Symptomen herumgepfuscht, um politische Handlungsfähigkeit zu simulieren. Aber was kurzfristige Linderung verspricht, kann langfristig dasselbe sein, wie Feuer mit Benzin löschen zu wollen. So wird erstens versucht, noch tiefer in das Labyrinth technischer Innovationen vorzudringen, um die Kalamitäten eines entgleisten Fortschritts mit neuem, weitere Risiken und Ambivalenzen heraufbeschwörenden Fortschritt zu reparieren. Dieser Widersinn gipfelt darin, einen noch fahrlässigeren digitalen Durchmarsch ausgerechnet damit zu begründen, dass die Corona-Krise gezeigt habe, wie notwendig dieser sei.

Ein weiteres Reaktionsmuster besteht darin, ökonomische und soziale Krisensymptome mit einer stetig expansiveren Ausgabenpolitik zuzukleistern, um keine Verteilungskonflikte oder Empörung über notwendige Lebensstilkorrekturen zu riskieren. Folglich türmen sich die ökologischen und ökonomischen Schulden weiter auf, was einer doppelten Insolvenzverschleppung gleichkommt. Die Erfüllung einer europäischen Wohlstandsgarantie, auf die sich die Politik festgelegt hat, hätten sich Pipi Langstrumpf und ihr kongenialer Finanzminister, der Baron von Münchhausen, nicht trefflicher ausdenken können: Einfach solange Geld zu drucken, bis das Papier ausgeht. Statt die Verschuldung je zu tilgen, wird sie erstens durch Aufnahme ständig neuer Kredite in eine unbestimmte Zukunft verschoben, zweitens auf europäischer Ebene zusehends vergesellschaftet und drittens mit der Hoffnung legitimiert, aus der Krise herauswachsen zu können.

Würden sich die hierzu erforderlichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes auch nur annähernd realisieren lassen, wäre eine Katastrophe unausweichlich, weil damit ökonomische in umso höhere ökologische Schulden umgewandelt würden. Aber die Lebensgrundlagen können weder im Keller der EZB nachgedruckt werden, noch lässt sich mit ihnen verhandeln. Alle Versuche, die in das Bruttoinlandsprodukt einfließenden Güter von Umweltschäden zu entkoppeln, waren und sind zum Scheitern verurteilt.

Eine ökologisch tragfähige und zugleich ökonomisch resiliente Daseinsform setzt voraus, die Triade aus Wachstum, Globalisierung und Technologieabhängigkeit einzugrenzen. Wohlstandseinbrüche müssten keine soziale Krise heraufbeschwören, wenn sie als vorübergehendes und „normales“ Korrektiv innerhalb einer bescheidenen, aber dafür überlebensfähigen Ökonomie akzeptiert und gemeistert würden. Eine damit korrespondierende Güterversorgung würde zwischen einer bedarfsgerechten Untergrenze und einer ökologisch verantwortbaren Obergrenze schwanken. Dieser Abschied vom Wachstumsdogma zugunsten einer zyklischen Entwicklung erinnert an das biblische Gleichnis der fetten und mageren Jahre. Um „magere“ Phasen zu überstehen, müssen Strukturen und Kompetenzen bewahrt werden, die dazu verhelfen, durch handwerkliche und landwirtschaftliche Wertschöpfung in lokaler oder regionaler Dimension auch dann noch auskömmlich versorgt zu sein, wenn globale Lieferketten und ressourcenabhängige Technologien ausfallen. Eine solche Autonomie bedeutet zugleich Selbstbestimmung und Überlebensfähigkeit, erfordert jedoch, den fortschrittsbesoffenen Versprechungen eines längst gescheiterten, nur noch künstlich beatmeten Wohlstandsmodells widerstehen zu können. Um noch ein Gleichnis zu bemühen: Manchmal ist der Spatz in Hand eben doch der Taube auf dem Dach vorzuziehen.

Über den Autor: Nico Paech lehrt und forscht an der Universität
Siegen. Der Volkswirt ist einer der profiliertesten Wachstumskritiker Europas und gehört zu den bekanntesten Vordenkern der Postwachstumsökonomie im deutschsprachigen Raum.


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Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Jedes Wachstum hat seine Grenzen auf unserer Erde.

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