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Wir haben die Wahl: Faire Preise und wirkliche Kosten

Was man beim Gang durch den Supermarkt über faire Preise und wirkliche Kosten erfahren kann.

Einkauf in einem Supermarkt in Berlin. Stopp am Regal mit mehreren Dutzend Schokoladentafeln. Der Blick fällt auf die 100-Gramm-Tafeln. Reguläre Angebote von 78 Cent, 69 Cent und 47 Cent. Kann ein Kakaobauer mit seiner Familie davon leben? Erinnerung an die Begegnung mit dem Chocolatier Axel Emanuel Gbaou einige Monate zuvor in dessen kleiner Manufaktur in der Elfenbeinküste, dem größten Exportland von Kakao. Er habe in Deutschland Schokolade für weniger als einen Euro je Tafel in den Geschäften gesehen, sagt er. „Das ist schockierend, solche Preise führen zu Sklaverei bei den Produzenten.“

Wir fahren die Welt auf Verschleiß, unsere Lebensgrundlagen schwinden. Das liegt wesentlich daran, dass unsere Wirtschaft einen Großteil der Produktionskosten abwälzen kann, indem sie zum Beispiel ihre Abfälle in der Umwelt vermeintlich gratis deponiert oder Menschen so beschäftigt, dass es auf Kosten ihrer Gesundheit geht. Aber können Konsumenten durch ihre Entscheidungen überhaupt einen Beitrag zum Erhalt unseres Planeten und einer fairen Behandlung der Produzenten leisten? „Jeder kann etwas tun, indem er fair, biologisch, saisonal oder regional einkauft“, sagt Wilfried Wunden, Referent für Fairen Handel bei MISEREOR. „Allerdings fehlt beim Großteil der Produkte leider eine faire und biologische Alternative für die Verbraucherinnen und Verbraucher.“

Die Wahl bleibt oft schwierig, wie in dem Berliner Supermarkt: Kauft man das Kilo Bananen mit dem EU-Biosiegel für 1,85 Euro, deren Herkunft sich nachverfolgen lässt, indem man den QR-Code einscannt? Oder kann man genauso gut zum Kilo Bananen für 96 Cent greifen, das einen Aufkleber hat mit dem Siegel Rainforest Alliance? Wer in solchen Situationen ernsthaft entscheiden will, der muss schon tief in die Siegelkunde einsteigen. Das Vertrackte ist, keiner der beiden Preise spiegelt die tatsächlichen sozialen und ökologischen Kosten wider, die vom Anbau bis zum Verkauf der Bananen anfallen. Denn dann müsste ein Kilo Bananen mindestens zwei Euro kosten, jedenfalls, wenn die True-Cost- und True-Price-Initiativen richtig gerechnet haben.

Die Initiativen, zu deren Mitgliedern auch MISEREOR gehört, ermitteln in wichtigen Anbauländern die sogenannten externen Kosten. Dazu zählen etwa die Kosten für eine ausreichende Entlohnung und für eine soziale Absicherung der Arbeiter sowie externe ökologische Kosten, die unter anderem durch den Wasserverbrauch bei der Produktion oder das Anheizen der Klimaerwärmung entstehen.

Eine Kiste konventioneller Bananen mit ihrem Standardgewicht von 18,1 Kilogramm müsste demnach 6,70 US Dollar mehr kosten und eine Kiste Fairtrade-Bananen immer noch 3,65 US-Dollar mehr als bislang. Es macht also einen Unterschied zur fairen Banane zu greifen, auch wenn selbst dort noch längst nicht alle versteckten Kosten erfasst sind. Und auch die Berechnungen von True Cost sind nur eine Annäherung an die tatsächlichen Kosten, die Waren bei ihrer Herstellung verursachen, weil sich längst nicht alle biologischen oder kulturellen Verluste sinnvoll in Geldeinheiten ausdrücken lassen. Wie soll man etwa die Vernichtung einer Tier- oder Pflanzenart oder die unwiederbringliche Zerstörung eines Lebensraums oder einer Sprache monetär beziffern?

Die gute Nachricht: Forscher tragen mittlerweile immer mehr Informationen über die wahren Kosten zusammen und schaffen damit die Grundlage für mehr Transparenz beim Einkauf. Die schlechte Nachricht ist, dass die Preise für viele Produkte steigen dürften, sollten tatsächlich die versteckten Kosten der Produktion berücksichtigt werden.

Was dies bedeutet, hat der Wissenschaftler Tobias Gaugler von der Universität Augsburg beispielsweise für Fleisch errechnet. Dafür hat er auf Erzeugerebene Umweltschäden berücksichtigt, die durch Überdüngung, Emissionen und Energieverbrauch sowie Sojafutter aus Südamerika entstehen. Bislang kommt die Allgemeinheit für diese Kosten auf, etwa durch höhere Kosten für eine Aufbereitung von Trinkwasser. Werden die versteckten Kosten einkalkuliert, würden sich „die Preise auf Erzeugerebene verdreifachen“, sagt Gaugler. Aber er glaubt nicht, dass diese Preise komplett an den Verbraucher weitergegeben würden: Bislang schlagen Verarbeiter und Händler noch einmal kräftig auf den Preis der Erzeuger auf.

Würden die versteckten Kosten berücksichtigt, würde sich einiges ändern, das zeigt ein Blick auf die deutsche Landwirtschaft. Deren gesamte externe Kosten betragen laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group rund 90 Milliarden Euro, bei einer Bruttowertschöpfung von gerade einmal rund 21 Milliarden Euro. Zwar könnten die externen Kosten durch nachhaltige landwirtschaftliche Methoden und moderne Technologien um rund ein Drittel reduziert werden. Doch um mehr zu erreichen, braucht es einen gesellschaftlichen Wandel unseres Konsumverhaltens. Das heißt, wir müssten weniger und anders konsumieren.

Solange die versteckten Kosten nicht berücksichtigt werden, bleibt die Sache mit dem Preis im Supermarkt schwierig. Der Preis vermittelt nicht, ob ein Produkt unter Ausbeutung von Menschen oder Umwelt produziert worden ist. Wenn man wolle, könne man die Verbraucher aber schon heute besser informieren, sagt MISEREOR-Referent Wilfried Wunden. Er schlägt vor, alle Nahrungsmittel mit einem QR-Code zu versehen, mit Verbraucher und Verbraucherinnen beim Einkauf übers Smartphone alle Informationen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen abrufen könnten. Chocolatier Axel Emanuel Gbaou von der Elfenbeinküste verkauft in seinem kleinen Laden seine Schokotafeln für umgerechnet vier Euro. Deswegen kann der Unternehmer der Frauenkooperative, die ihn beliefert, für ein Kilo Kakaobohnen fünf statt dem üblichen einen US-Dollar zahlen. Die Frauen wiederum können ihre Kinder in die Schule schicken, statt sie in der Ernte einzusetzen, so wie es viele der Kakaobauern in Westafrika tun. Monatlich produziert die Manufaktur 10.000 Tafeln. Ein kleiner Schritt hin zu ehrlichen Preisen. Aber dafür ist der Chocolatier auf Verbraucher angewiesen, die seine Ware kaufen. Wer solche Angebote als Verbraucher nutzt, macht einen kleinen Unterschied.

Über den Autor: Caspar Dohmen ist Wirtschaftsjournalist, Autor und Dozent. Er lebt in Deutschland und schreibt vor allem Features, Hintergrundberichte und Reportagen für die SZ, den Deutschlandfunk, SWR und den WDR. Er hat verschiedene Bücher verfasst, auch zum Thema Arbeit: „Profitgier ohne Grenzen“, „Das Prinzip Fairtrade“ und zuletzt „Schattenwirtschaft“.


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Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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