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Aachener Friedenspreis: Pioniere für Gerechtigkeit

Für den Verein Aachener Friedenspreis (AFP) war es eine große Kraftanstrengung: Als klar wurde, dass die diesjährige Verleihung des Preises an den brasilianischen Menschenrechtler Benedito Barbosa und den französischen Priester Père Antoine Exelmans coronabedingt nur virtuell würde stattfinden können, standen die Verantwortlichen vor einer großen Herausforderung. Und sie haben sie grandios gemeistert!

Preisträger Benedito Barbosa vom Menschenrechtszentrum Gaspar Garcia in Sao Paulo / Brasilien. © Centro Gaspar Garcia/MISEREOR

Pünktlich um 19 Uhr konnte man am diesjährigen Tag der Menschenrechte online und live eine Veranstaltung ganz neuen Formats sehen – per Video. Die AFP-Vereinsmitglieder Halice Kreß-Vannahme und Christoph Kriescher stehen in dem Streifen in der menschenleeren Aachener Aula Carolina, in der die renommierte Auszeichnung traditionell vergeben wird. Sie führen durchs Programm, als wäre der Saal so gut gefüllt wie immer. Und sie werden angestrahlt von vielen schönen und hellen Lichtern, als Symbol für das, was vom Aachener Friedenspreis an diesem Abend in die Welt ausgesandt werden soll: Es gibt Hoffnung auf eine menschlichere und gerechtere Welt. Verzweifelt nicht und engagiert Euch für ein würdevolles Leben für alle Menschen!

Viele emotionale Momente

Schön ist an diesem Abend auch, dass eine größere Gruppe von Interessierten, alle Beteiligten inklusive der Preisträger selbst, die Veranstaltung nicht alleine verfolgen müssen. Der engere Kreis der Aktiven und Geehrten kommt in einem virtuellen Zoom-Raum zusammen, schaut gemeinsam das Preis-Video mit intensiven Einblicken in die Arbeit der Preisträger, tauscht sich im Anschluss aus, es werden kleine Reden gehalten, es wird gelacht und gewunken, und es gibt viele emotionale Momente.

Auch für MISEREOR ist es ein besonderes Ereignis. Benedito Barbosa ist seit vielen Jahren Partner des Aachener Werks für Entwicklungszusammenarbeit. Seine Organisation, das Centro Gaspar Garcia (CGG) in der brasilianischen Metropole Sao Paulo, setzt sich für Obdachlose und Menschen am Rande der Gesellschaft ein, denen die Vertreibung aus ihren Wohnungen droht.

Foto: Florian Kopp / Misereor

Zehntausende wurden bereits von Barbosa und seinem Team unterstützt. Obdachlose, Vertriebene, Straßenhändlerinnen und -händler kennen ihn persönlich und wissen, wie sehr er sich für sie einsetzt und an ihrer Seite steht. Barbosa ist ein Pionier der Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit. Als Afrobrasilianer ist er Sprachrohr für viele, deren Stimme kein Gehör findet. Tagtäglich und oft auch nachts setzt sich Barbosa dafür ein, Menschen eine würdige Unterkunft zu verschaffen, er engagiert sich dafür, dass sie sich ihrer grundlegenden Rechte bewusst und dass bessere Rahmenbedingungen zugunsten benachteiligter Bevölkerungsgruppen auf den Weg gebracht werden. Im Film wird man auch Zeuge gewaltsamer polizeilicher Übergriffe gegen den unbeugsamen Mann, der sich nicht einschüchtern lässt. Obwohl er vielen Gefahren ausgesetzt ist.

Blick nach Marokko

Der Blick geht an diesem Abend auch nach Marokko, wo Preisträger Père Antoine Exelmans sich mit seinem Projekt „Vivre L’espoir“ (Hoffnung leben) in herausragender Weise für Flüchtlinge – oft unbegleitete Minderjährige – auf ihrem Weg Richtung Mittelmeer und Europa einsetzt, sie beherbergt, betreut, berät und sich um ihre physische und psychische Gesundheit kümmert.

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi würdigte in seiner Laudatio die Arbeit des CGG, das „von außerordentlicher Bedeutung“ sei. „Wenn der Staat nicht anders agiert als bisher, müssen wenigstens die Rechte der Armen und Ärmsten gestärkt werden. Wir wissen um die Erfolge des CGG: 13.000 Familien konnten vor Obdachlosigkeit bewahrt werden. 500 Obdachlose werden sozialpsychologisch betreut, so dass ihnen der Wiedereinstieg ins gesellschaftliche Leben und in den Arbeitsmarkt ermöglicht werden kann. Von großer Bedeutung ist auch die Unterstützung der Straßenhändler, zu einem sehr großen Teil Frauen, die von Gewalt bedroht sind. Auch eine Müllsammlerkooperative gibt es. In Sao Paulo gibt es ein großes Müllproblem, das so auch zu einem nicht unerheblichen Problem entschärft wird.“

Jeder ist gefragt

Die Aachener Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen erklärte: „Jeder Einzelne von uns ist gefragt. Vor allem aber die Politik, denn das Recht auf Freiheit, Sicherheit und Leben darf nicht darauf basieren, wo ein Mensch geboren wird oder aufwächst. Wir als Gesellschaft haben die Pflicht, den Menschen, bei denen die Menschenrechte nicht gewahrt werden, unsere Aufmerksamkeit zu schenken und an Lösungen zu arbeiten. Wir dürfen nicht müde werden, hinzusehen und zu handeln. So wie die beiden Preisträger des Aachener Friedenspreises dürfen wir auch nicht abstumpfen oder nur auf unseren eigenen Teller schauen. Der Teller so vieler Kinder, Frauen und Männer ist leer.

Die Preisträger zeigen sich ob der vielen lobenden und aufmunternden Worte sehr dankbar. Und hochmotiviert zum Weitermachen. „Der Preis stärkt uns in einer schwierigen Zeit“, sagt Benedito Barbosa, den alle nur „Dito“ nennen. „Wir beklagen 177.000 Tote in Folge der Corona-Pandemie in Brasilien, zehn Prozent der weltweit Infizierten kommen aus unserem Land.“ Dito zeigt sich kämpferisch: „Eine andere Welt ist möglich.“

Geschrieben von:

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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