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Geld geben und gut?! Warum sich Cash Transfers auch für NGOs lohnen

„Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Gesicht der Welt verändern“ – dieses afrikanische Sprichwort beschreibt ganz trefflich das Selbstverständnis und daraus abgeleitet die Herangehensweise an heutige Entwicklungszusammenarbeit, besonders die privater NGOs.

Ein Mann hält 100 nigerianische Naira in der Hand. © CANVA

Auf der ganzen Welt betreiben oder fördern Entwicklungsorganisationen kleinere und größere Projekte, um arme, risikogefährdete oder anderweitig marginalisierte Menschen oder Gruppen zu unterstützen ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen und ihre Lebensgrundlage zu verbessern. Der inhaltliche Schwerpunkt der Unterstützung lag und liegt dabei nach wie vor vielfach darauf, diese Menschen mit kritischen Gütern und Dienstleistungen direkt zu versorgen oder über indirekte Wege (Beratung, Schulung, etc.) Selbsthilfekapazitäten zu stärken. Ein funktionierendes Modell – mit Schönheitsfehlern: Beschaffung, Lagerung, Logistik und administrative Verwaltung ziehen erheblich Kosten nach sich. Außerdem kann selbst optimale Abstimmung vor Ort nicht gänzlich ausschließen, dass Hilfe dieser Form als „von außen bestimmt“ erlebt werden könnte. Bleibt also die Frage, wie Projekte gestaltet sein müssten, um gleichwertige Ergebnisse auch effizienter und gerechter zu erreichen.

Ein ganz anderer Weg…

Haushalte, die in extremer Armut leben, also nach internationalen Standards weniger als 1,90 US$ pro Person am Tag zur Verfügung haben, sehen sich mit einer ganzen Reihe an Problemen konfrontiert, die ihre Möglichkeiten, der Armut aus eigener Kraft zu entkommen, massiv behindern. Die Haushaltseinkommen reichen nicht einmal, um genügend Güter des täglichen Bedarfs zu kaufen, auskömmlich bezahlte Arbeit lässt sich kaum finden, Sparen ist somit unmöglich und Mikrokredite für Zukunftsinvestitionen unerreichbar. Damit sind diese Menschen den Folgen möglicher Krisen (Jobverlust, Krankheit, Umweltkatastrophen, Pandemien, und ähnliches) schutzlos ausgeliefert.

Leben im Slum: Nairobi
Nairobi/Kenia

Mit Blick auf diese Problemlage gewinnt die Diskussion um Cash Transfer Programme (CTPs), also der Ansatz Zielpersonen mit (monatlichen) Geldtransfers/Direktüberweisungen zu unterstützen, an Stelle traditioneller Hilfen immer mehr Beachtung. Auch wenn Formate wie Zugang zu beruflicher Weiterbildung oder Bildung generell, die Anregung gemeinschaftlicher Savings Groups oder die Umstellung auf Methoden nachhaltiger Landwirtschaft zur Ernährungssicherung wichtige Beiträge zur Armutsreduktion leisten, riskieren sie doch, dass das „Grundproblem Einkommensarmut“ zumindest vorerst fortbesteht. CTPs setzen dagegen genau an dieser Stelle an und enthalten in der Tat einige attraktive und beachtenswerte Aspekte: Die Hilfe ist einfach und schnell ausgeteilt, sie setzt an der Wurzel „Einkommensarmut“ direkt an, ist leicht konvertierbar/austauschbar, und die Empfänger werden in ihrer Autonomie, Eigenverantwortung und Entscheidungshoheit ernstgenommen.

Empirische Auswertungen von (Pilot-)Projekten und Feldstudien zeigen, dass Cash tatsächlich nicht nur in der Lage ist, Einkommensarmut (nachhaltig) direkt zu reduzieren, sondern dazu noch weitere Indikatoren positiv beeinflusst: Die Nutznießer befriedigen nicht nur ihre akuten Grundbedürfnisse, sie ernähren sich dabei sogar ausgewogener, Schul- und Arztbesuche nehmen zu und es wird in Saatgut, Werkzeuge und Anschaffungen für das kleine Familienunternehmen oder den eigenen Haushalt investiert. Zudem können viele sogar ihre Schulden reduzieren oder kleine Ansparungen machen. Bemerkenswert ist auch, dass gängige Befürchtungen, das Geld könnte missbraucht werden (zum Kauf von Alkohol/ Tabakwaren oder für Bestechungsgelder) sich empirisch nicht bestätigen lassen. Auch die Annahme, es werde negative Effekte im Aggregat nach sich ziehen (z.B. zu weniger Arbeitsmarktpartizipation, inflationärem Preisdruck oder höheren Geburtenraten führen) ließ sich nicht nachweisen. Am interessantesten ist aber, dass Empfänger solcher Cash-Transfers einen gewissen Domino-Effekt anstoßen: indem sie das Geld auf den lokalen Märkten ihrer Umgebung ausgeben, profitieren indirekt sogar solche Haushalte nachweislich, die überhaupt keinen direkten Transfer erhalten hatten. So tragen dies Transfers nachhaltig zur Armutsreduktion bei, entfachen lokale Multiplikatoreffekte, und stärken den sozialen Zusammenhalt.

auch für NGOs!?

In Einzelfällen unterstützen NGOs heute schon Pilotprojekte, die helfen, tiefere Einblicke in die Funktionsweise von Cash Transfers zu gewinnen. Eine davon ist GiveDirectly, die 2016 in Kenia den bisher größten Feldversuch dieser Art gestartet hat: Über 20.000 Menschen nehmen teil, einige von ihnen erhalten über 12 Jahre hinweg jeden Monat eine Zahlung. Besonders interessant ist: Durch die Nutzung lokaler Infrastrukturen im Bereich Mobile Money Payment Systems, ist es GiveDirectly möglich, über 90 Cent jedes Dollars aus dem Programmbudget direkt an die Empfänger auszuteilen und ist damit deutlich kostengünstiger als jede andere Form der Entwicklungszusammenarbeit.

Auch andere Projekte konnten trotz verschiedener Kontexte und Zielgruppen vergleichbar bemerkenswerte Kosten-Nutzen Effektivität aufweisen. Oder anders gesagt: diese Hilfe zur Selbsthilfe wirkt. Höchst effektiv. Tiefgreifend. Nachhaltig. Entscheidend dafür ist die Berücksichtigung einiger Kriterien:

  • Es muss sichergestellt sein, dass die relevanten Bevölkerungsgruppen tatsächlich mit dem Geld erreicht werden.
  • Der Geldfluss muss eine ausreichende Höhe haben. Nur wenn mehr Geld vorhanden ist, als zur Deckung der unmittelbaren Grundbedürfnisse notwendig ist, können Menschen Entscheidungen über zukunftsgerichtete Investitionen tätigen.
  • Die Zielgruppe muss klar definiert werden. Andernfalls besteht das Risiko, Programmressourcen zu dünn auf zu viele Teilnehmer zu verteilen, oder andersherum zu wenig Menschen einzuschließen, was jegliche positive Effekte aufheben könnte.

Sogar in Krisenzeiten!

Wo oder wann lohnt es sich also ein CTP zu initialisieren? Bereits 2014 haben die Wirtschaftswissenschaftler Paul Niehaus und Christopher Blattman zwei Bedingungsgefüge vorgestellt, die sich besonders für den Einsatz von Cash Transfers eignen. Zum einen ist dies der klassische Entwicklungshilfekontext, in dem arme Menschen in politisch stabilen Ländern monetäre Unterstützung zu ihrer persönlichen Entwicklung erhalten. Überraschender dürfte aber die Einschätzung der beiden Ökonomen sein, dass CTPs sich auch und besonders als „Post-Krisen-Intervention“ eignen. Als solche könnten CTPs bedeutsam und stabilisierend zum Wiederaufbau nach militärischen Auseinandersetzungen oder Bürgerkrieg, Naturkatastrophen, oder, ganz aktuell, Pandemien wie COVID-19 beitragen – ein Vorschlag, der erst kürzlich auch von den Vereinten Nationen aufgegriffen wurde.

Auch wenn CTPs in diesem Sinne den Funken für die berühmte Hilfe zur Selbsthilfe darstellen können, sind sie selbstverständlich kein Allheilmittel. In erster Linie leisten sie primär wirtschaftliche Entwicklungshilfe; Maßnahmen politischer und gesellschaftlicher Entwicklung sind daher gleichwertig nach wie vor unerlässlich, genau wie Trainings- und Bildungsprogramme. Nichtsdestotrotz bieten CTPs eine ganze Reihe von situativ anpassbaren Ausgestaltungs- und Kombinationsmöglichkeiten, die mindestens ähnliche, vermutlich sogar bessere Ergebnisse zu erzielen als dies Projekte in diesem Bereich mit traditionelleren Herangehensweisen bisher konnten. So sind sie zumindest ein attraktiver Baustein im „Werkzeugkasten“ der privaten Entwicklungszusammenarbeit. Denn am Ende bleiben es die vielen kleinen Dinge an den vielen kleinen Orten, die das Gesicht der Welt verändern.

Autor: Nicolas Klas

Die Gedanken und Ansichten dieses Artikels sind die des Autors und müssen nicht zwingend denen MISEREORs entsprechen.


Dieser Artikel fasst eine Studie zusammen, die zahlreiche Cash Transfer Programme (CTPs) weltweit analysiert, diese hinsichtlich ihrer Effektivität, Zielrichtungen und Designs vergleicht, Gemeinsamkeiten auswertet und daraus Schlüsse für die Nutzbarkeit von CTPs in der Entwicklungszusammenarbeit von Non-Government Organisationen ableitet.


Die vollständige Studie im PDF-Format und englischer Sprache kann hier heruntergeladen werden: Zum Download >


Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo!
    Ein gut geschriebener Artikel! Und ein guter Ansatz.
    Für den Geldgeber ist sicherlich noch wichtig, die Kette bis zum konkreten Geldnehmer nachvollziehen zu können. Das schafft Vertrauen. Ähnlich arbeiten Plan und andere.

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