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Kolumbien: Leuchttürme für den Friedensprozess

Vor wenigen Tagen feierte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ihr 72-jähriges Bestehen: Am 10. Dezember 1948 einigten sich die Vereinten Nationen auf 30 Artikel mit grundlegenden Ansichten von Rechten, die jedem Menschen zustehen sollten. Mittlerweile sind sie in mehr als 460 Sprachen übersetzt worden – trotzdem erreichen uns jeden Tag Nachrichten von schwerwiegenden Verletzungen dieser Grundrechte. Stefan Ofteringer, MISEREOR-Berater auf Zeit für Menschenrechte, hat schon viele beeindruckende Projekte, Partner und ihren Einsatz kennengelernt. Die Organisationen setzen zum Teil ihre eigene Sicherheit auf das Spiel, um für ihre Rechte einzustehen. In der Reihe „Mein Lieblingsprojekt“ berichtet er, welches Projekt ihn besonders beeindruckt hat.

Binnenvertreibungen sind in Kolumbien insbesondere in der Region Llanos Orientales ein großes Problem. Die Menschen leben deshalb oftmals provisorisch. © Florian Kopp/MISEREOR

Was ist dein Lieblingsprojekt als Berater auf Zeit für Menschenrechte?

Als mein Lieblingsprojekt würde ich ein regionales Netzwerk in Kolumbien bezeichnen, welches sich Red Llanos y Selva nennt und aus zehn verschiedenen Organisationen besteht. Es arbeitet mit den Betroffenen des dortigen jahrzehntelangen internen bewaffneten Konflikts und ist hierbei in einer Region im Südosten des Landes aktiv, die Llanos Orientales heißt. Das Gebiet macht fast die Hälfte der Fläche Kolumbiens aus, es leben jedoch nur neun bis zehn Prozent der Bevölkerung dort. Die Infrastruktur ist sehr schlecht, durch diese Abgeschiedenheit steht die Region auch nicht im Fokus der nationalen Medien oder Institutionen.

Viele Menschen im Osten Kolumbiens leben von der Landwirtschaft, die Lebensbedingungen sind einfach. © Florian Kopp/MISEREOR.

Gleichzeitig war sie stark von den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der größten Guerilla im Land, der FARC, und der kolumbianischen Regierung betroffen. Sie zählte sogar als sogenannte „rote Zone“ und stand unter starkem Einfluss der FARC-Guerilla. Deshalb ist dort auch die Zahl der zivilen Opfer hoch: Viele Menschen wurden zum Teil mehrfach aus ihrer Heimat vertrieben, auch das Verschwindenlassen, das heißt das Ermorden und Verscharren von vermeintlichen Gegnerinnen und Gegnern durch die staatlichen Sicherheitskräfte, ist ein großes Problem. Nachdem 2016 ein Friedensabkommen zwischen den beiden größten Konfliktparteien beschlossen wurde, bröckelt dieses unter der neuen Regierung wieder. Davon ist auch Llanos Orientales als ehemals rote Zone stark betroffen. Aktuell ist der Staat im zivilen Sinne kaum präsent, stattdessen operiert dort das Militär.

Umso wichtiger ist es, dass es Organisationen gibt, die sich für die Zivilbevölkerung und ihre Belange einsetzen. Genau in dem Bereich ist das Netzwerk stark. MISEREOR hat schon vor seiner Gründung mit acht der zehn Mitglieder zusammengearbeitet. Alle setzen sich, jeweils mit einem anderen Schwerpunkt, für die Betroffenen des bewaffneten Konflikts ein. Die einen arbeiten zur psychosoziale Konfliktbewältigung, während die anderen juristische Aspekte in den Blick nehmen. Alle wollen aber ihre Selbstorganisation stärken und die Menschen befähigen, ihre Rechte selber zu verteidigen. Nachdem lange Zeit nur ein loser Kontakt der Organisationen untereinander bestand, institutionalisierten die einzelnen Mitglieder 2017 schließlich ihre Zusammenarbeit. Seitdem besteht das Netzwerk Llanos y Selva offiziell. Mir gefällt besonders gut, wie sich die verschiedenen Partner in ihrer Expertise ergänzen und so vor Ort wirklich Veränderungen für die Zivilbevölkerung erwirken. Das wiederum strahlt positiv in die Region aus. Deshalb nenne ich es mein Lieblingsprojekt.

Was macht das Projekt zu etwas Besonderem?

Vertrieben aus ihrer Heimat: Nach ihrer Flucht bleibt den Menschen meist keine andere Wahl als zunächst in provisorischen Hütten unterzukommen. © Florian Kopp/MISEREOR

Die Kombination und der Esprit des Netzwerks sind besonders. Der Partner hat ganz konkret die Menschen vor Ort im Blick, stärkt sie und schafft Vertrauen. Dadurch wiederum können sie wirklich etwas erreichen, auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Das ist wirklich bemerkenswert, besonders vor dem politischen Hintergrund der Region. Als „rote Zone“ war sie lange Zeit sehr umkämpft, es fanden zeitweise alle paar Monate Machtwechsel zwischen den Konfliktakteuren in den einzelnen Gemeinden statt. Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre beispielsweise hatte drei Jahre lang die FARC-Guerilla die Macht, bis eine Militäroperation stattfand und die staatlichen Kräfte die Überhand gewannen. Besonders gelitten hat darunter die Zivilbevölkerung: In einem Moment mussten sie unter dem Regime der FARC ihren Alltag bewältigen, im nächsten wurden sie von der Regierung beschuldigt, mit der Guerilla kollaboriert zu haben. Während eines Treffens brachte es ein Mann, ein einfacher Bauer, auf den Punkt. Er meinte nur: „Denkt ihr, wir sind jemals berücksichtigt worden? Wir wurden nie gefragt, aber im Fadenkreuz waren wir immer.“

In dieser Gemengelage baut das Netzwerk Vertrauen zu den Leuten auf. Es befähigt sie dazu, den Staat durch eigenes Handeln zu verändern. Die Ergebnisse sind meist ganz lebenspraktisch: Vertriebene werden wieder angesiedelt und Wohnbauprojekte realisiert, in anderen Fällen kommt die Wahrheit ans Licht. Diese konkreten, im Grunde durch die Bevölkerung selbst herbeigeführten Veränderungen führen zur Anerkennung dieser Menschen als Opfer des bewaffneten Konflikts. Das ist wirklich toll und zeichnet das Projekt aus.

Wie lassen sich die Methoden des Netzwerks zusammenfassen?

Wichtige Stichworte sind die Anwendung juristischer und psychosozialer Strategien zur Konfliktbewältigung und die Stärkung der Selbstorganisation der Betroffenen. Das Netzwerk hat sich zum Schwerpunkt gemacht, systematische Berichte über die Situation in der Region zu erstellen. Diese werden sowohl veröffentlicht, als auch spezifisch bei den Kontrollmechanismen der Vereinten Nationen und der kolumbianischen Übergangsjustiz, eingereicht. Übergangsjustiz meint dabei die im Rahmen des Friedensvertrags 2016 geschaffene Sondergerichtbarkeit für den Frieden, die zur Wahrheitsfindung sowie Opferentschädigung und somit einem nachhaltigen Friedensprozess beitragen soll.

Ein Teil der Organisationen arbeitet direkt in der Region, um die Selbstorganisation der Betroffenen zu stärken. Es finden Treffen statt, auf denen über die Erfahrungen gesprochen und die Bevölkerung über ihre Rechte informiert wird und sie sich vernetzen kann.

Auf der anderen Seite betreiben Netzwerkmitglieder aus der Hauptstadt Lobbyarbeit und wirken zu juristischen Fragen, die auf eine fachliche Aufarbeitung des Konflikts und der Menschenrechtsverletzungen abzielen.

Dies greift sehr schön ineinander. Das Wissen und die Erfahrungen werden in den Berichten gebündelt, die als Gemeinschaftswerk des Netzwerks z.B. auch an deutsche oder europäische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger bis hin zu den verschiedenen Kontrollgremien der Vereinten Nationen vermittelt werden. So ändert sich konkret etwas an der Situation der Menschen.

Was sind trotz der schwierige Situation Erfolge, die möglicherweise auch langfristig bleiben?

Einige der Organisationen des Netzwerks haben systematisch zum Thema Verschwindenlassen gearbeitet und die Geschichten wirklich sehr erfolgreich aufgeklärt. Besonders von staatlicher Seite aus hat man mit paramilitärischen Kräften, die Verbindungen zum Drogenhandel haben, kooperiert. Es sind fast 5.000 Opfer dokumentiert, die sie als vermeintliche Anhänger der Guerilla-Organisationen ermordet und verscharrt haben – immer namenlos. Hier hat das Netzwerk sehr erfolgreich gearbeitet, hunderte Fälle aufgeklärt und es geschafft, dass sich die Betroffenen organisieren. Dies hat zu massiver, hundertfacher Entschädigung von ihnen, Anerkennung der Opfersituation und symbolischen Übergabezeremonien der Leichname mit Anwesenheit von hohen staatlichen Stellen geführt. So konnte wahnsinnig viel bewirkt und Vertrauen zur Zivilbevölkerung aufgebaut werden.

Auch im Bereich der Binnenvertreibung haben sich viele Menschen selbst organisiert und Entschädigungen erreicht. Einige von ihnen sind sogar in die in die lokale Politik gegangen und spielen dort eine hervorragende Rolle, erwirken beispielsweise die Wiederansiedlung von Vertriebenen. Darüber hinaus spielt das Netzwerk eine große Rolle dabei, Kolumbien und seiner Bevölkerung zu verstehen zu geben, was in dieser ehemaligen roten Zone passiert. Wie ist die Situation der Leute vor Ort, wie wird mit Binnenvertriebenen und Opfern des Verschwindenlassens umgegangen? Sie geben ihnen eine Stimme und können wirklich etwas bewegen.

Das Red Llanos y Selva setzt sich für vertriebene Familien und ihren Verbleib in den neu erbauten Siedlungen ein. © Florian Kopp/MISEREOR

Das Netzwerk baut Leuchttürme in der Menschenrechts- und Friedensarbeit, die ausstrahlen – mindestens in der Region, wenn nicht sogar auf nationaler oder internationaler Ebene.


Krieg und Frieden in Kolumbien

Seit über 50 Jahren herrscht in Kolumbien ein interner bewaffneter Konflikt. Das 2016 geschlossene Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) hat das Land nur zeitweise zur Ruhe kommen lassen.

Jahrzehntelang bekämpften Guerillas wie die FARC und der ELN (Ejército de Liberación Nacional) den Staat, ursprünglich, weil dieser nichts gegen soziale Ungleichheit unternahm. Der Staat hat bei seinem Kampf gegen die Guerilla Mittel des schmutzigen Krieges eingesetzt und die rechtsgerichteten Paramilitärs unterstützt. Im Konflikt spielt auch die Kontrolle des Drogenhandels eine wichtige Rolle, die zwischen verschiedenen Konfliktparteien umkämpft ist. Infolgedessen starben unzählige Menschen, größtenteils Zivilisten. Mehrere Millionen Kolumbianer*innen flüchteten vor der Gewalt. Im Jahr 2016 gelang es Präsident Juan Manuel Santos, eine Friedensvereinbarung mit der FARC-Führung auszuhandeln.

Die aktuelle Regierung unter Präsident Duque hat jedoch Teile des Abkommens rückwirkend abgeändert bzw. nicht mehr weiter forciert. Derzeit sei der Friedensprozess massiv gefährdet, heißt es aus Fachkreisen, die Gewalt im Land nimmt wieder stark zu. Die Llanos Orientales sind hier besonders betroffen.


Mein Lieblingsprojekt

In der Reihe „Mein Lieblingsprojekt“ stellen MISEREOR-Mitarbeitende regelmäßig Projekte vor, die ihnen besonders am Herzen liegen und geben so Menschen aus dem Süden ein Gesicht.

Geschrieben von:

Jana Echterhoff ist Länderreferentin für Lateinamerika bei MISEREOR.

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