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Oops, they did it again – die EU-Agrarreform wird (wieder) kaum etwas ändern

Als Ende Oktober 2020 die Beschlüsse des Europäischen Parlaments zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) gefasst wurden, musste ich an den Hit von Britney Spears denken, mit dem sie zu Beginn der „Nullerjahre“ die Charts eroberte: Oops, I did it again. Bezogen auf die EU-Entscheidung zur Agrarpolitik müsste das Europaparlament wohl abgewandelt singen: Oops, we did it again. Denn die nun beschlossene Gemeinsame Agrarpolitik wird augenscheinlich ein Rohrkrepierer im Hinblick auf eine echte sozial-ökologische Wende. Und damit wird sich (wieder) fast nichts ändern. Allerdings gibt es auch einige hoffnungsvolle Trends, etwa die Zunahme von Solidarischen Landwirtschaften.

Europäisches Parlament Innenhof
Die vom Europaparlament beschlossene Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) wird im Hinblick auf eine echte sozial-ökologische Wende nicht viel bewegen. © Erich Westendarp / Pixabay

Rahmenbedingungen für Veränderung

Alle sieben Jahre wird über mehr als 30 % des gesamten EU-Budgets entschieden – diese Gelder gehen nämlich an die Landwirte in der EU beziehungsweise an die Besitzer von Boden. Es geht um 387 Milliarden Euro. Ein großer Batzen, von dem man sich schon einige Bonbons kaufen kann – und der größte Einzelposten im EU-Haushalt! Weiterhin gehen etwa 70 % dieser Gelder an die Landwirte, ohne an bestimmte Auflagen geknüpft zu sein (außer der, dass die Gesetze einzuhalten sind). Und diese Gelder gehen zum großen Teil (80 %) an nur 20 % der Landwirte – das heißt, die großen Bodenbesitzer profitieren überdurchschnittlich davon.

Mit der bisherigen Ausrichtung der GAP werden die Ziele einer ökologisch und sozial nachhaltigen Landwirtschaft in der EU nicht erreicht. Dies zeigen auch diverse Gutachten und Stellungnahmen. Und da sich bis jetzt nicht viel getan hat, wird das wohl auch so bleiben. Das ist schade, denn die Bereitschaft, etwas zu verändern, ist da: Landwirte, Landhändler, Verarbeiter und Verbraucher; alle wollen mehr Klimaschutz, mehr Tierwohl und mehr Artenvielfalt. Aber es müssen die richtigen Rahmenbedingungen dafür hergestellt werden und die Arbeit auch richtig entlohnt werden. Die neuen Beschlüsse für die nächsten sieben Jahre bringen hier augenscheinlich keine Fortschritte.

Das kommende Jahrzehnt wird von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als entscheidend dafür angesehen, ob wir es schaffen, unsere natürliche Umwelt (Klima, Boden, Wasser, Biodiversität) halbwegs adäquat zu erhalten. Oder sie weiterhin extrem schädigen. Und zwar durch das Erreichen sogenannter Kipppunkte.

Das Verhalten der Wissenden

Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie wird stark auf die Wissenschaft gehört. Warum nicht genauso beim Klima-, Boden-, und Biodiversitätsschutz in Zusammenhang mit der Landwirtschaft? Klaus Hahlbrock, Biochemiker und ehemaliger Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, schreibt in seinem Buch „Kein Leben ohne Vielfalt“ (2020): „Das wahre Problem ist nicht das Wissen, das zur Genüge vorhanden ist, sondern das Verhalten dieses ,Wissenden‘ wider sein besseres Wissen.“ Das trifft leider auch auf die EU-Subventionen und Förderperiode der GAP zu. Der Anteil der Landwirtschaft an der ökologischen Zerstörung ist genauso bekannt wie die Möglichkeiten zu ihrer Genesung. Aber die Politik ist – ähnlich wie bei der Klimapolitik – nicht in der Lage, angemessen darauf zu reagieren. Ja, Landwirtschaft soll Lebensmittel erzeugen, das ist ihre Aufgabe – aber nicht auf Kosten der Umwelt und der Mitgeschöpfe.

Der Anteil der Landwirtschaft an der ökologischen Zerstörung ist genauso bekannt wie die Möglichkeiten zu ihrer Genesung. Aber die Politik ist nicht in der Lage, angemessen darauf zu reagieren.

Markus Wolter

Es fehlt ein „Agrar-Drosten“

Was wir bräuchten, wäre ein „Agrar-Drosten“. Ja, der smarte Virologe erklärt uns seit dem Frühjahr in ruhiger und sachlicher Manier, was zu tun ist, um die Pandemie einzudämmen. Wenn dann da einer wie der Drosten steht und erklärt: „Leute, es nützt ja nichts, aber die Tierbestände müssen abgestockt werden, außerdem die Moore teilweise wieder vernässt – entwässerte Moore sind für 25 % der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich – und ferner die Stickstoffdüngung reduziert sowie Humus aufgebaut werden; sonst werden wir in Zukunft so nicht mehr Landwirtschaft betreiben können.“ Und die ganzen Agrarpolitikerinnen und -politiker applaudieren und sagen: „Jawohl, stimmt. Und weil wir gerade dabei sind und uns überbieten in Maßnahmen, reduzieren wir gleich noch die Pestizide mit.“ Das würde der Söder dann sagen, weil der es ja immer besonders gut machen will. Tüchtig!

Getreidefeld Monokultur
Ein Ergebnis der EU-Förderung und für die Artenvielfalt genauso wertvoll wie ein asphaltierter Parkplatz: Getreidefeld bei Mainz. © Markus Wolter

Jo – und ratzfatz haben wir in einigen Jahren eine deutlich nachhaltigere Landwirtschaft. Hui, jetzt bin ich zu sehr ins Träumen geraten. Leider haben wir keinen Agrar-Drosten in Sicht.

Hoffnungsvolle Trends

Es gibt mir so viel Hoffnung, dass sich viele Bäuerinnen und Bauern auf den Weg machen. Hier sollten wir diejenigen unterstützen, die es anders machen wollen. Zudem sind auch generell gute Trends erkennbar. So hat zum Beispiel der Pestizid-Absatz bei vielen Landhändlern seit dem Peak 2014 deutlich abgenommen. Der Absatz an Saatgut für Zwischenfrüchte hingegen ist deutlich gestiegen. Außerdem gibt es mittlerweile über 250 sogenannte Solidarische Landwirtschaften, in denen Erzeugerinnen und Erzeuger gemeinsam mit Verbraucherinnen und Verbrauchern Verantwortung übernehmen. Und es gibt Ernährungsräte, die Stadt und Land wieder zusammendenken wollen in puncto Ernährung. Wenn jetzt obendrein noch der Posten des „Agrar-Drosten“ besetzt wird, dann gebe ich einen aus. Aber EU-amtlich!

Weitere Informationen

Mit Artenvielfalt den Hunger bekämpfen: Argumente für nachhaltige Landwirtschaft finden sich hier.

Geschrieben von:

Ich bin studierter Agrarwissenschaftler und selber Bioland-Landwirt mit Schwerpunkt Schweinehaltung gewesen. Bei MISEREOR arbeite ich zu den Themen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land und Saatgut.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Richtig. Und gut. Und richtig gut. DANKE!

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