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Ausbildung trotz(t) der Krise – die Kochschule An Rê Mai Sen in Vietnam

Vietnam befindet sich seit Anfang Februar erneut im Lockdown. Sämtliche Schulen und Ausbildungsstätten im ganzen Land sind geschlossen. Auch das Gastronomie-Ausbildungszentrum An Rê Mai Sen in Ho-Chi-Minh-Stadt ist davon betroffen und musste erneut auf Online-Schooling umstellen. Von alten und neuen Herausforderungen, den Risiken und Chancen in der Krise berichtet Julia Berghs. Als MISEREOR-Fachkraft ist Julia Berghs seit Februar 2020 als Ausbilderin bei An Rê Mai Sen tätig. Hier werden sozial benachteiligte Jugendliche zu Restaurant-Fachkräften sowie Köchinnen und Köchen ausgebildet.

Kochschule Mai Sen Vietnam
Ngo Tuan Anh konnte seine Ausbildung bei An Rê Mai Sen vor der Pandemie beenden; im Lockdown waren Kochschule und Restaurant geschlossen. © Klaus Mellenthin / MISEREOR

Strikte Einreiseregelungen

Die Corona-Situation in Vietnam ändert sich derzeit immer wieder ziemlich schnell. In den vergangenen Monaten konnten wir hier sehr frei leben – eigentlich komplett ohne das Coronavirus. Allerdings sind die Grenzen zu sämtlichen anderen Ländern seit dem 22. März 2020 geschlossen. Man kann Vietnam nicht so einfach verlassen bzw. einreisen. Es gibt nur sehr wenige internationale Flüge. Diejenigen, die doch einreisen dürfen, müssen in einem der zahlreichen vorgesehenen Hotels für mindestens 14 Tage in Quarantäne gehen.

Zweiter Lockdown in Vietnam

Mit Beginn des Februar 2021 wurde die Quarantäne sogar auf drei Wochen verlängert. Und seit dem 2. Februar befinden wir uns erneut im Lockdown. Das heißt, sämtliche Schulen und Ausbildungsstätten in ganz Vietnam wurden geschlossen. Auch wir müssen wieder auf Online Schooling umstellen. Mittlerweile ist Vietnam gut aufgestellt, die Internet-Verbindungen sind stabil und recht schnell. Allerdings fällt es den Auszubildenden manchmal schwer, sich in dieser Situation zu motivieren. Immerhin ist dies bereits der zweite Lockdown seit Ausbruch der Pandemie – der erste dauerte von Mitte März bis Anfang Mai 2020.

Mai Sen Bistro Vietnam
Herzstück der Partnerorganisation An Rê Mai Sen ist das Bistro, in dem nach überstandener Pandemie die Auszubildenden wieder ihr Publikum bewirten werden. © Klaus Mellenthin / MISEREOR

Wenige Zahlen, schneller Anstieg

Neue Corona-Erkrankungen innerhalb des Landes tauchten erst Ende Januar 2021 wieder auf. Demnach war „Patient 1“ wohl ein Flughafenmitarbeiter, bei dem die Infektion zunächst unentdeckt blieb. Die offiziellen Zahlen infizierter Menschen in Vietnam sind vergleichsweise gering: Seit Januar 2020 gab es 1.882 COVID-19-Fälle. Allerdings entfallen 300 davon allein auf die vergangenen sieben Tage (Stand: 2. Februar 2021). Dennoch bin ich optimistisch, dass Vietnam auch diesen Ausbruch bewältigen wird – durch sehr schnelles Handeln, organisierte Quarantäne und sehr viel Kontakt-Nachverfolgungen.

Hospitality Training Center setzt auf Online-Learning

Die Corona-Pandemie und der erste Lockdown hatten auch große Auswirkungen auf unsere Arbeit im Gastronomie-Ausbildungszentrum An Rê Mai Sen: Von heute auf morgen mussten wir das Ausbildungsrestaurant und die Schule für knapp zwei Monate schließen. Diejenigen unter den 110 Auszubildenden, die dazu in der Lage waren, kehrten vorübergehend in ihre Heimat zurück. Denn es fehlten die Einnahmen aus dem Restaurant. Aus der Not heraus stellten wir schnell auf Online-Lernen um.

Eine große Herausforderung im ersten Lockdown war, dass viele unserer ehemaligen Auszubildenden ihre Jobs verloren.

Julia Berghs

Uns war klar, dass wir während des Lockdowns mit den Azubis in Kontakt bleiben mussten, denn unser Training Center insgesamt und die Ausbildungen wären sonst gefährdet gewesen. Die Online-Kurse waren eine gute Erfahrung für die Auszubildenden, aber auch für uns Ausbilder und Ausbilderinnen. Deswegen wollen wir diese Form der Vermittlung in Teilen auch nach dem Lockdown fortführen. Eine große Herausforderung im ersten Lockdown war, dass viele unserer ehemaligen Auszubildenden ihre Jobs verloren; vor allem diejenigen, die in Hotels gearbeitet haben. Jedoch gelang es uns, innerhalb von ein bis zwei Monaten alle Betroffenen wieder in ausgesuchten Restaurants unterzubringen.

Ausbildung Kochschule Mai Sen Vietnam
Drei Köche bei der Arbeit (von links nach rechts) Ngo Tuan Anh, der 2020 als Supervisor tätig war, Giang Thi Linh und Le Ngoc Nhi. © Doreen Meister

Ausbildung mit Zukunft

Das Gastronomie-Ausbildungszentrum An Rê Mai Sen, Partnerorganisation von MISEREOR, wurde 2014 von Francis Van Hoi gegründet. Francis kam 1976 als Flüchtling nach Deutschland und machte dort eine Kochausbildung. Das Zentrum ist inspiriert vom deutschen dualen Ausbildungssystem und wurde nach dem ersten salesianischen Missionar in Vietnam, Pater Andrej Majcen, benannt. Pater Andrej war für Francis stets Mentor und Vorbild. Seit 2017 wird das Ausbildungszentrum von den Salesianern Don Bosco (SDB) in Vietnam geführt. Im Hospitality Training Center absolvieren 110 Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen eine Ausbildung zum Koch bzw. Köchin oder zur Restaurant-Fachkraft.

„Hier möchte ich wirken!“

Als ich 2016 An Rê Mai Sen kennengelernt habe, stand für mich sofort fest: Hier möchte ich mitwirken. In der Hotellerie und Gastronomie sind solche Projekte leider eher selten. Anfangs habe ich ein paar Ausbildungseinheiten durchgeführt, Unterrichtsmaterialien zusammengestellt und mit der Zeit dann gemeinsam mit den Auszubildenden kleine bis große Veranstaltungen organisiert. Nach meiner anfänglichen Freiwilligentätigkeit konnte ich später als Fachkraft eingesetzt werden. Zu meinen aktuellen Tätigkeiten gehören nach wie vor die Ausbildung der Auszubildenden, aber vor allem auch, die Ausbilder und Ausbilderinnen auszubilden, zuverlässige Arbeitgeber für unsere Azubis sowie Absolventinnen und Absolventen zu finden, Zwischen- und Abschlussprüfungen durchzuführen und das gesamte Ausbildungszentrum voranzubringen.

Mai Sen Kochschule Vietnam Familie
Die Azubis von An Rê Mai Sen kommen aus armen Familien: Thanh und Tai lebten mit ihrer Mutter lange Zeit auf der Straße; die Ausbildung in der Gastronomieschule hat ihr Leben verändert. © Klaus Mellenthin / MISEREOR

Zeitweilig „coronafreie Zone“

Wegen der Pandemie-Situation musste auch die Abschlussprüfung der Absolventinnen und Absolventen 2020 um einen Monat verschoben werden. Und auch das neue Ausbildungsjahr startete erst Mitte September 2020 – statt Mitte August. Über mehrere Wochen hinweg mussten alle Mitarbeitenden mit Mund-Nasen-Schutz arbeiten. Als Ho-Chi-Minh-City vorübergehend zur „coronafreien“ Zone erklärt wurde, durften diese dann abgelegt werden. Das Tragen dieser Masken war in Vietnam auch schon vor der Pandemie weit verbreitet. Aufgrund der hohen Luftverschmutzung auch schon lange vor dem Ausbruch der Pandemie.

Auszubildene Kochschule Mai Sen Vietnam
Die Corona-Pandemie und der Lockdown hatten auch große Auswirkungen auf die Arbeit von Julia Berghs (Bildmitte): Von heute auf morgen mussten das Ausbildungsrestaurant und die Schule für knapp zwei Monate schließen. © Klaus Mellenthin / MISEREOR

Zurück zum Old Normal?

In den letzten fünf Monaten des Jahres 2020 war hier beinahe „alles beim Alten“. Wir konnten unseren Alltag zwischen September und Dezember ohne COVID-19 leben. Bis dahin waren die Infektionszahlen sehr niedrig (von denen die meisten wohl „eingeflogen“ wurden). Meine Familie und Freunde in Deutschland konnten das nicht glauben, vor allem da Vietnam direkt an China angrenzt und mit knapp 95 Millionen Menschen ein bevölkerungsreiches Land ist. Als sich das Virus Anfang des Jahres in verschiedenen Ländern verbreitete, hat Vietnam schnell reagiert und nach und nach die Grenzen geschlossen.

Tourismus am Boden

Durch die sehr strikten Einreisebeschränkungen seitdem ist der internationale Tourismus völlig eingebrochen. Der lokale Tourismus konnte sich zwischenzeitlich erholen und nach wie vor gibt es großen Bedarf an gut ausgebildetem Gastronomie-Personal. Ende November konnten unsere Auszubildenden gemeinsam mit fünf weiteren Restaurants der Stadt ein großes Catering auf die Beine stellen. Insgesamt kamen mehr als 3.500 Gäste zu dem großen Event #apieceofgermany in Vietnam, eine Feierlichkeit zum 45-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Vietnam und Deutschland. Veranstalter war das deutsche Generalkonsulat in Ho-Chi-Minh-City. Die Auszubildenden von An Rê Mai Sen haben verschiedene Weihnachtsplätzchen, Lebkuchenhäuser und -herzen, über 100 Liter Gulasch- sowie Kartoffelsuppe und jede Menge frisch gepresste Säfte angeboten. Zum Veranstaltungsende waren wir restlos ausverkauft. Wir hoffen auf weitere Erfolge wie dieses Event, wenn sich auch in Vietnam die Situation wieder bessert.

Auszubildender Mai Sen Kochschule Vietnam
Le Nguyen Anh Khoi ist einer von 110 Auszubildenden bei An Rê Mai Sen. © Doreen Meister

Die kleinen Dinge im Leben

Durch meinen Aufenthalt, meine Arbeit und neue Freundschaften in Vietnam sehe ich viele Dinge gelassener und genieße eher „die kleinen Dinge im Leben“. Besonders gefällt mir die Arbeit mit meinen Auszubildenden, die aus dem ganzen Land und von den verschiedensten ethnischen Gemeinschaften zu uns nach Ho-Chi-Minh-Stadt kommen. Unsere Azubis sind zwischen 17 und 23 Jahren alt, sehr wissbegierig und dankbar für die Möglichkeiten, die ihnen hier geboten werden. Für mich als Ausbilderin ist es immer wieder spannend, sie auf ihrem Weg des „Erwachsenwerdens“ zu begleiten.

Über die Autorin

Julia Berghs arbeitet seit über 15 Jahren in der Hotellerie. Nach einer Hotelfachausbildung zog es sie nach Berlin, wo sie sechs Jahre in der internationalen Hotellerie gearbeitet und ein Studium zur Hotelbetriebswirtin absolvierte. Die täglichen Begegnungen mit Menschen verschiedenster Nationalitäten und Kulturen haben sie dabei immer fasziniert und motiviert. Schließlich wollte sie selbst mittendrin in einer fremden Kultur leben. Seit 2016 ist sie bei An Rê Mai Sen tätig. Für Vietnam entschied sie sich auch aus persönlichen Gründen. Denn ihr Partner – geboren und aufgewachsen in Deutschland – hat vietnamesische Wurzeln und die Verwandtschaft lebt größtenteils in Vietnam. Es war ebenfalls sein Wunsch, mehr über das Heimatland seiner Eltern zu erfahren.


Weitere Informationen zur MISEREOR-Partnerorganisation MAI SEN.

Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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