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Interessiert mich die Bohne! Ein Plädoyer für eine kleine runde Sache mit großer Wirkung

Am 10. Februar ist der „internationale Tag der Hülsenfrüchte“. Kein Witz. Den gibt es wirklich. Und wie der Name schon sagt, geht es dabei darum, Früchten, die in einer Hülse stecken, ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das hat tatsächlich seine Berechtigung. Denn wenn wir eines aus den aktuellen Krisen – Corona und Klima – lernen können, dann ist es doch das: Wir brauchen eine starke regionale Landwirtschaft und eine Lebensmittelerzeugung mit kurzen Lieferwegen, die mit der Natur arbeiten – und nicht gegen sie. Und aus Klimaschutzgründen braucht es pflanzliche Alternativen. Denn eines ist klar – die Tierhaltung in der derzeit praktizierten Form und Menge ist schwer unter Druck. Und genau da kommen die Hülsenfrüchte ins Spiel: Denn Bohnen, Erbsen, Soja, Linsen und Co. sind eiweiß- und nährstoffreich. Außerdem binden sie Stickstoff aus der Luft und benötigen daher keinen Stickstoffdünger, der nicht gut fürs Klima ist.

Saatgut Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru
Indigene Gemeinschaften im Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru tauschen Saatgut aus (Aktivitäten der Partnerorganisation FUCAI). © Adan Martinez / FUCAI

Auf die Linse gekommen

Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist zum Beispiel Bioland-Bauer Wolfgang Sickler auf die Linse gekommen. Er baut seit vier Jahren in der Nähe von Tübingen Bio-Linsen an. Wieder, denn bis in die 1960er Jahre war es üblich, dass Bauern ihre eigenen Eiweißpflanzen anbauten. Nicht nur fürs schwäbische Nationalgericht Linsen mit Spätzle. Doch dann wurde es kommerziell immer attraktiver, auf Weizen, Gerste und Raps zu setzen und damit verschwanden die Hülsenfrüchte aus den Fruchtfolgen und von den Speiseplänen. Sie wurden ersetzt durch mehr Fleisch. Deren „Produzenten“, die Schweine, Rinder und Hühner, wurden dann mit was gefüttert? Richtig. Mit einer Hülsenfrucht, nämlich der Sojabohne. Die stammt überwiegend aus Lateinamerika und der Anbau bringt die allen bekannten negativen Folgen mit sich: die Abholzung von Wäldern, z. B. in Brasilien, und belastetes Trinkwasser durch zu viel Gülle, etwa bei uns in Deutschland.

Lokal produziert, genossenschaftlich vermarktet

Wer hierzulande Linsen anbaut, so wie Bauer Sickler, hat also in mehrfacher Hinsicht die Nase vorn: Er erzeugt ein lokales, eiweißreiches Produkt aus einer Pflanze und stellt seinen Betrieb und die dahinterkommende Lieferkette robust auf. Dass er auf dem richtigen Weg ist, zeigt die stetig steigende Nachfrage. Vermarktet wird über die Erzeugergemeinschaft rebio mit Sitz in Rottenburg am Neckar an Naturkostläden und an den genossenschaftlichen Einzelhandel in Südwestdeutschland. Alles aus dem Ländle also. Angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen, wird er bald noch mehr anbauen, da ist sich Sickler sicher.

Chiclayo-Bohnen in Kolumbien

Was hierzulande wieder auflebt, funktioniert in Lateinamerika schon lange. Das Pendant zu Bauer Sickler sind in Kolumbien zum Beispiel Elvis Cohache und seine Frau Yenifer Lopez. Sie sind Indigene vom Volk der Cocama, haben vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen. Jedes Jahr wartet die Familie darauf, dass der Wasserstand des Amazonasflusses sinkt und das fruchtbare Tiefland preisgibt. Sobald die Flächen trocken sind, können sie Chiclayo-Bohnen anpflanzen. Die sind als Eiweißquelle in der traditionellen Küche ihrer Kultur verankert. Einen Teil der Ernte behält die Familie selbst, der Rest wird verkauft – zum Beispiel an Familien in den städtischen Zentren von Caballococha in Peru und von Puerto Nariño in Kolumbien. Elvis Cohache und Yenifer Lopez sind eine von 240 Familien in Peru und Kolumbien, die von MISEREOR darin unterstützt werden, ihre Unabhängigkeit in Sachen Ernährung zu stärken und die Pflanzenvielfalt zu erhöhen. Und: Durch den Anbau von Hülsenfrüchten wird in den höher gelegenen Parzellen auch Stickstoff im Boden fixiert, der die Bodenfruchtbarkeit, die Widerstandsfähigkeit und Vielfalt der „chagras“, Nutzflächen, erhöht.

Linsenpflanzen Feld
Linsen auf dem Feld von Bauer Sickler. © Markus Wolter

Lokale Linsen für Klimaschutz

Die Bedeutung von Hülsenfrüchten für die Ernährungssicherung, Klimaschutz und die wirtschaftlichen Chancen sind also nicht hoch genug einzuschätzen. Und? Lächeln Sie immer noch über den Tag der Hülsenfrüchte? Oder greifen Sie beim nächsten Einkauf statt zum Schweineschnitzel zum Linsengericht aus heimischen Linsen? Vielleicht sind es die von Wolfgang Sicklers Betrieb.

Geschrieben von:

Ich bin studierter Agrarwissenschaftler und selber Bioland-Landwirt mit Schwerpunkt Schweinehaltung gewesen. Bei MISEREOR arbeite ich zu den Themen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land und Saatgut.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Toller Beitrag über tolle Menschen, die unsere Welt mit ihren Aktivitäten besser machen! Wolfgang Sickler hat mich vor 30 Jahren zum Ökolandbau gebracht, dafür bin ich ihm heute wie damals sehr dankbar!

  2. Großartig Markus,
    Regionale ökologische Landwirtschaft und schonender Umgang mit endlichen Ressourcen sind ein MUSS als Beitrag zur Bewährung der Schöpfung.
    Henning Niemann

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