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Es geht! Anders fasten. Plastikfrei – Stück für Stück

Fastenzeit. Eine Zeit, um alte Lebensweisen zu überdenken, Neues auszuprobieren und auch sich selbst besser kennenzulernen. Fasten. Ein Begriff, der kurz innehalten lässt, denn Fasten bedeutet für Viele Verzicht. Und wer verzichtet schon gerne? Ich bekam relativ früh den Eindruck, dass Fasten etwas sehr Schweres sein muss. Denn kaum jemand, der sich vornahm zu fasten, schaffte es tatsächlich, die komplette Fastenzeit durchzuhalten. Das ist allerdings auch kein Wunder, wenn man Fasten ausschließlich als Verzicht betrachtet, wenn Fasten ausschließlich mit etwas Negativem verbunden wird und nicht mit etwas Positivem. Das Fasten könnte jedoch ebenso als eine kleine, positive Veränderung im Alltag betrachtet werden. So könnte auch die Fastenzeit als bereichernd empfunden werden – und nicht als eine Zeit des Leidens. Das Plastikfasten ist so eine Bereicherung.

Plastikmüll
„Wir haben das Plastik in die Welt gebracht, jetzt ist es auch unsere Aufgabe zu gucken, wie wir das Zeug wieder loswerden; nicht noch mehr Plastikberge zu produzieren, ist schon mal ein guter Anfang.“ © Etienne Girardet / Unsplash

Fastenzeit als Genuss

Nachdem ich die typischen Fastenrituale gefühlt tausende Male selbst gemacht hatte – Süßigkeitenfasten, Fernsehfasten, digitales und Social-Media-Fasten – und jedes Mal wieder daran verzweifelte, löste ich mich von dem Gedanken, etwas aus meinem Alltag verbannen zu müssen. Ich wollte die Fastenzeit genießen, Neues ausprobieren und mich selbst überraschen. So begann ich in der Fastenzeit, mich nur noch pflanzlich zu ernähren, was ich bis zum heutigen Tage beibehalten habe. Auch am Minimalismus probierte ich mich aus. Über meine sozialen Medien stieß ich irgendwann auf Zero Waste („Null Müll“). Ein Lebensstil, bei dem man versucht, keinen Müll mehr zu produzieren. Ein Marmeladenglas gefüllt mit Plastikresten. Das war alles, was die Zero Wasteler im Monat zusammenbekamen. Ein Glas! Das erschien mir unglaublich. Das wollte ich auch.

„Überall nur Plastik“

Ich kannte die Bilder von zugemüllten Stränden und von abgeschnürten Vögeln, Schildkröten und Delfinen. Ich war selbst auch schon einige Male mit Plastiktüten um die Wette geschwommen, hatte in Bolivien den Duft geschmolzener Computerbauteile eingesogen und war in Indien über Straßen spaziert, die mit Müll zugepflastert schienen. Mein eigener Mülleimer füllte sich wöchentlich mit haufenweise Verpackungsresten. Plastik über Plastik. Überall. Nicht nur im Mülleimer. Je tiefer ich in das Thema eintauchte, desto mehr wurde mir bewusst, dass dieses Marmeladenglas für mich noch einige Jahre weit entfernt lag. Plötzlich sah ich überall nur noch Plastik: Plastikbilderrahmen, Plastiklampen, Plastikhüllen, Plastiklichterketten, Plastiktacker, Mikroplastik in meinen Lieblingsvliesjacken, Plastik unter den Füßen – in Form von Schuhsohlen. Ich war verunsichert. Wollte ich wirklich Plastikfasten?

Zero Waste Selbstanbau Plastikfrei no plastic
„Über die sozialen Medien stieß ich irgendwann auf Zero Waste; einen Lebensstil, bei dem man versucht, keinen Müll mehr zu produzieren.“ © Markus Spiske / Unsplash

Plastikfasten kostet Zeit und Nerven

Um möglichst keinen Müll mehr zu produzieren, richtete ich den Fokus auf den Konsum. Doch wo fängt man am besten an? Ich konzentrierte mich bei meiner Recherche zunächst auf Hygieneartikel. Und stieß dabei auf zahlreiche alternative Ideen. Stück für Stück tauschte ich also meine Badeutensilien aus. Bambuszahnbürste, Zahnpastillen, Körper- und Haarseife, Bambusrasierer, selbstgemachte Peelings und Deo-Creme. Das funktionierte sehr gut. Weiter ging es in der Küche. Das größte Problem: Der wöchentliche Lebensmitteleinkauf! Nudeln, Reis, Kopfsalat, Tofu, Soja, Joghurt und Hafermilch. Im Supermarkt hatte ich da keine Chance. Also suchte ich zum ersten Mal Unverpacktläden auf. Plastikfasten kostet Zeit. Zeit und Nerven.

Von der Fastenzeit in den Alltag

Mit dem Ende der Fastenzeit war ich ein klein wenig erleichtert. Aber mir war auch bewusst, dass das nicht das Ende war. Mein Badezimmer war plastikfrei, ich kannte nun die Geschäfte für meine plastikfreien Einkäufe und wusste, wo ich was herbekam. Ich hatte verschiedenste Dinge ausprobiert und selbstgemacht. Um müllfrei leben zu können, bedarf es einer guten Planung und dem Ausbilden von Gewohnheiten. Das hatte ich jetzt gelernt. Nebenbei schienen Freunde und Verwandte sich inspirieren zu lassen und berichteten mir von selbstgemachten Cremes und Seifen. Und da war sie wieder, die Bereicherung, nicht nur für mich, sondern auch für mein Umfeld. Wir setzten uns mit unserem Konsum und der Umwelt auseinander.

Inga Clever Workshop Plastikfrei
„Mittlerweile gebe ich Workshops zum Thema Plastikfrei – Stück für Stück, denn ich weiß, dass es ein langer Weg ist; und auch ich bin noch lange nicht am Ziel.“ © Kolleg21

Workshops zu „plastikfreien“ Alltagslösungen

Mittlerweile gebe ich Workshops zum Thema „Plastikfrei – Stück für Stück“, denn ich weiß, dass es ein langer Weg ist. Und auch ich bin noch lange nicht am Ziel. Aber ich weiß auch, dass es essentiell ist, dass wir uns mit unserem Plastikproblem auseinandersetzen. Wir haben das Plastik in die Welt gebracht, jetzt ist es auch unsere Aufgabe zu gucken, wie wir das Zeug wieder loswerden. Nicht noch mehr Plastikberge zu produzieren, ist schon mal ein guter Anfang. In meinen Kursen tauschen wir uns aus, suchen nach Lösungen, Möglichkeiten und machen ganz viel selbst. Gemeinsam ist es so viel leichter und auch ich lerne immer wieder dazu.

Spüli selbstgemacht Zitronenpaste zero waste
„In meinen Kursen tauschen wir uns aus, suchen nach Lösungen, Möglichkeiten und machen ganz viel selbst: gemeinsam ist es so viel leichter und auch ich lerne immer wieder dazu.“ © Kolleg21

Eingeschliffene Lebensweisen überdenken

Ob ich jemals beim Marmeladenglas ankomme – ich weiß es nicht. Aber das ist vielleicht auch nicht entscheidend. Ich habe meine alte Lebensweise überdacht und verändert, ich habe Neues gelernt und es geteilt – und damit bin ich gerade ziemlich glücklich.

Über die Autorin

Mein Name ist Inga Clever. Ich wurde 1994 in Gelsenkirchen geboren. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Bolivien habe ich internationale Soziale Arbeit in Ludwigsburg studiert und jeweils für ein Semester in Spanien und in Indien gelebt. Nach Abschluss meines Studiums kehrte ich nach Gelsenkirchen zurück und habe gemeinsam mit der Künstlerin Godana Karawanke auf dem Gelände einer Geflüchteten-Unterkunft eine Kreativwerkstatt eröffnet. Neben der Arbeit in der Werkstatt bin ich Teil des Kolleg21 (Agenda21 Gelsenkirchen), worüber ich in einigen Projekten tätig bin, wie etwa Fairtradetown Gelsenkirchen, Plastikfrei – Stück für Stück. Außerdem bin ich aktiv im Netzwerk TeamGlobal und bei Foodsharing Gelsenkirchen.


Weitere Informationen zur Fastenaktion 2021

Weitere Informationen zum Thema

Plastikfasten (allgemein) hier und zu einem nachhaltigeren Alltag hier.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frau Clever, vielen Dank für Ihren Bericht voller persönlicher Erfahrungen ! Tatsächlich Respekt, mir fehlt zu einem solch großen Projekt noch der Mumm.

  2. ich komme gerade aus einer reha-massnahme zurueck nach hause. dort wurde vieles in plastik angeboten. das fiel mir auf! hygiene könnte doch auch anders praktiziert werden. zuhause hielt sich mein mann schon mehr ans „plastik sparen“. da fiel mir auf, das er obst ohne tüte mitbrachte. ein anfang ist gemacht!

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