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Verzieh dich, Corona

Die Tochter sitzt am Tisch und weint. Tränen laufen über Wange und Maske. 19 ist sie. Sie versucht, die richtigen Worte zu finden. Worte, die beschreiben, dass ihr Vater eben noch da war, eben noch von seiner Japanreise zurückkehrte. Doch plötzlich fieberte und hustete er, musste ins Krankenhaus, fiel ins Koma. Als er nicht mehr ansteckend war, durfte sie an seine Seite, las ihm vor, redete mit ihm, beschwor ihn durchzuhalten. Er starb, innerhalb weniger Wochen, ein Fingerschnipp und weg. Wegen Covid-19.

Ich sitze am selben Tisch wie die Tochter. Drei Meter trennen uns – Sicherheitsabstand. Durch das offene Fenster klingen die Geräusche des letzten Berliner Sommers herein. Ich bin hier, weil ich einen Nachruf über ihren Vater schreiben soll. Über Eugen, den etwas kauzigen Mathematikprofessor. Nachrufe sind mein Beruf. Ich schreibe über die Leben von normalen Menschen und spende damit Trost. Seit acht Jahren mache ich das und es gibt dabei fast nichts von diesem Leben, was ich noch nicht gehört hätte.

Doch dieses Corona-Jahr ist anders. So viel Schmerz musste ich noch nie lindern. All das, was den Menschen sonst hilft, ihre Trauer zu verarbeiten, war nun vielfach nicht mehr möglich. Da sind Beerdigungen, an denen nur noch der kleinste Kreis teilnehmen durfte. Da sind die wichtigen Umarmungen unter Freunden, die nun zu gefährlich waren. Vieles hatte sich da aufgestaut, was sich nun bei mir entlud. Bei der Tochter von Eugen kam noch etwas anders dazu, dass ich bei all jenen Zugehörigen beobachtet habe, bei denen jemand wegen Corona verstorben war. Die Plötzlichkeit. Wie ein Überfall war die Krankheit da, breitete sich aus, in Eugen und in ganz Deutschland.

Kita zu – für meinen Sohn. Schule zu – für meine große Tochter. Wir alle hocken von morgens bis abends zu Hause. Mein Sohn spielt mit seinem Lego, meine Tochter lernt fürs Abitur. Ich arbeite von 7 bis 14 Uhr. Meine Partnerin von 14 bis 21 Uhr. Den Sohn betreuen wir abwechselnd. Sieben Tage die Woche, weil sonst zu viele Projekte liegen geblieben wären. Organisatorisch hat das super funktioniert, wie eine Maschine waren wir.

Doch nach ein paar Wochen rumste es im Maschinenraum. Wir waren überfordert, hörten einander nicht mehr zu, stritten. Familie braucht Zeit füreinander. Gerade, wenn draußen der Sturm tobt und unklar ist, wie das alles weitergehen wird. Meine Tochter brauchte den täglichen Obst- und Gemüseteller auf dem Tisch und die gemeinsame Joggingrunde. Meine Partnerin brauchte jemanden, der ihr zuhört und mein Sohn keine gestressten Eltern. Also drückte ich auf die Bremse. Nur noch das Allerwichtigste durfte auf meinen Schreibtisch. Als Selbstständiger bin ich zum Glück mein eigener Chef. Unser Zusammenhalt war wichtiger als neue Aufträge, auch wenn das Bankkonto leerer und leerer wird. Wie geht es uns und geht es uns gut genug? Das waren die wichtigsten Fragen des Tages, der Wochen und Monate zu Hause.

Wenn mich wiederum jemand fragte, wie es mir geht, sage ich nicht mehr „gut“. Ich halte kurz inne und antworte dann wahrheitsgemäß. Auf einmal ist es wichtig geworden, wie es uns geht. Keine Floskel mehr. Wir fragen einander, wir hören in uns rein und sind bereit zuzuhören. Wir sind bereit, von Erzieherinnen und Pflegern zu erfahren, wie sie mit der täglichen Belastung umgehen. Überhaupt schauen wir verstärkt auf Menschen, die an ihre Grenzen kommen: Alleinerziehende, chronisch Kranke, Frauen in gewalttätigen Familiensituationen. Dieses Gefühl verbindet, dass die gesamte Gesellschaft, die gesamte Welt mit dieser einen Situation umgehen muss.

Noch mehr Zusammenhalt wiederum war in unserer Kita notwendig. 15 Kinder, 25 Eltern, ein Querschnitt durch die Bevölkerung, vom nun auftragslosen Schauspieler über einen U-Bahnfahrer zu einem Staatsanwalt, zu einer Professorin. Ich bin dort im Vorstand aktiv und war für die Notbetreuung zuständig. Die Eltern schickten mir ihre Anträge, ich legte eine Tabelle an und gab acht, dass wir nicht über die erlaubten 50 Prozent Belegung kamen. Dann telefonierte ich herum und feilschte mit Geduld und Verständnis, ob der eine oder die andere an diesem Tag seine Kinder nicht doch zu Hause lassen kann. Damit die Alleinerziehende ihr Kind für zwei Tage schicken kann, obwohl sie nicht systemrelevant ist. Zum Glück klappte das. Wir wiederum gingen eine Betreuungspartnerschaft mit einer anderen Mutter ein, die eine Online-Ausbildung machte, aber nicht systemrelevant war. Sie brachte uns ihr Kind vormittags, wir ihr die beiden am Nachmittag. Monatelang hielten wir so durch.

Silvester. Wir standen auf dem Balkon. Es wurde 12 Uhr. Es war so still wie nie zuvor. Kein kriegsähnliches Böllergetöse, sondern Menschen, die sich über die Straße ein gutes, neues Jahr wünschten. Plötzlich fing einer an und rief: Hau ab Corona. Der nächste stimmte ein: Verzieh dich, Corona. Wir machten lauthals mit. Es war befreiend. Am lautesten rief unser Sohn.

Text: Karl Grünberg wohnt mit seiner Familie in Berlin und schreibt Nachrufe auf die Leben von normalen Berlinerinnen und Berlinern für die Zeitung „Tagesspiegel“.


TItelblatt frings I -2021

Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr berührender Beitrag. Aus dem Herzen gesprochen. Hau ab, Corona !

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