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Myanmar: „Jeder Tag hier ist die Hölle“

Heute Morgen erhielt ich eine Nachricht von einem guten Bekannten aus Yangon. Er beschreibt die Situation in der größten Stadt von Myanmar so: „Jeder Tag hier ist die Hölle. Noch nie dagewesene Verhaftungen, zügellose Schießereien und Tötungen durch Armee und Polizei. Das sind derzeit in ganz Myanmar tägliche Nachrichten, die wir nicht einmal mehr als seltsam empfinden. Wir sind stumm, wenn wir solche Nachrichten hören. Und das macht mich traurig.“

Yangon Myanmar Gedenken und Proteste 2021
In Myanmar wurden seit der Machtübernahme durch das Militär weit über tausend Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Kinder; etwa 8.500 Menschen wurden festgenommen, über 6.800 sind noch in Haft. © Zinko Hein / Unsplash

Während die dritte Corona-Welle in Myanmar gerade sehr langsam abebbt und viele Menschen in Trauer um ihre Toten zurücklässt, geht der Konflikt zwischen der burmesischen Armee – genannt „Tatmadaw“ – und ethnischen bewaffneten Gruppen sowie neu gegründeten Bürgerwehren weiter und nimmt an Härte zu. Ein Bürgerkrieg ist nicht mehr auszuschließen.

UN warnen vor „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Frau Michelle Bachelet, weist auf Menschenrechtsverletzungen hin, die von der Junta verübt würden, und warnt vor Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Weitgehend unbemerkt von den internationalen Medien – und überdeckt durch andere dramatische Ereignisse in der Welt – nehmen Kämpfe und Gewalt in Myanmar ihren Lauf. Weit über tausend Menschen wurden inzwischen von Militär oder Polizei getötet, darunter auch viele Frauen und Kinder. Etwa 8.500 Menschen wurden in den vergangenen Monaten festgenommen, über 6.800 sind immer noch in Haft.

Vertreibung und Flucht

Seit dem Militärputsch am 1. Februar 2021 mussten mehr als 200.000 Menschen in Myanmar ihr Zuhause verlassen und flüchten. Das berichtete das UN-Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) am 22. September. Einige der Geflüchteten konnten zwar nach Hause zurückkehren, wurden aber häufig durch neue Kämpfe wieder zur Flucht gezwungen. Zu der hohen Zahl an neuerlich vertriebenen Personen kommen noch die etwa 370.000 Menschen, die innerhalb Myanmars bis Ende 2020 bereits vertrieben waren und überwiegend in Lagern leben. Darüber hinaus gibt es fast eine Million Rohingya-Flüchtlinge, die nach den Pogromen 2017 nach Bangladesch flohen. Als seien Krieg, Vertreibung und Krankheit nicht genug, waren seit Ende Juli mehr als 125.000 Menschen in Myanmar auch noch von Überschwemmungen betroffen.

Mangel an gesundheitlicher Versorgung

Alle diese Zahlen geben nur sehr begrenzt wieder, was die Menschen derzeit in Myanmar erleben und durchmachen. Und jeder und jede hat eigene Geschichten zu erzählen: Mitarbeiter*innen von Partnerorganisationen berichteten etwa davon, dass bis zu 70 % der Kolleg*innen positiv auf COVID-19 getestet wurden. Viele haben durch Corona ihre Angehörigen verloren. Der Mangel an gesundheitlicher Versorgung, an Sauerstoff und Medikamenten war für viele traumatisch, mussten sie doch mit ansehen, wie ihre Liebsten starben, ohne dass sie substantiell Hilfe leisten konnten.

Protestbewegung Myamar 2021
Viele Menschen haben durch Corona ihre Angehörigen verloren; der Mangel an gesundheitlicher Versorgung, an Sauerstoff und Medikamenten war für viele traumatisch, mussten sie doch mit ansehen, wie ihre Liebsten starben, ohne dass sie substantiell Hilfe leisten konnten. © Zinko Hein / Unsplash

Hunger macht sich breit

Die Wirtschaft liegt weitgehend am Boden, Lieferketten sind unterbrochen, vielen Menschen auf dem Land und in der Stadt fehlt es am Nötigsten, sie hungern. Durch die Pandemie und Kämpfe in weiten Teilen des Landes konnte nicht oder nur eingeschränkt gesät werden. Vielen Bauernfamilien fehlte es schlicht an Geld für Saatgut und Dünger, da staatliche Subventionen weggefallen sind.

Vorbereitungen für die vierte Welle

Während die dritte Corona-Welle abklingt, bereiten sich MISEREOR-Partnerorganisationen auf die vierte Welle vor. Die Zahl der Corona-Infizierten liegt nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität bei über 458.000 und mehr als 17.500 Toten. Aufgrund der vergleichsweise wenigen Corona-Tests ist jedoch mit einer weit höheren Zahl an Infizierten und Toten zu rechnen. Manche Fachleute gehen von etwa zehnmal höheren Zahlen aus. Auch wenn dies im Bereich der Spekulation bleibt, erscheinen die offiziellen Zahlen als zu niedrig.

Wir hoffen, dass das nächste Jahr besser werden wird und Möglichkeiten eröffnet, die entwicklungspolitische Arbeit für die Ärmsten – vor allem in den Bereichen Ernährungssicherung, Bildung und Gesundheit – verstärkt weiterzuführen.

Corinna Broeckmann, Regionalreferentin für Myanmar und Thailand bei MISEREOR

Niedrige Impfquote

Bisher wurden in Myanmar drei Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Dies ist der niedrigste Wert innerhalb der ASEAN-Staaten. Auch hier ist eine schnelle Verbesserung nicht in Sicht, wenngleich sich die Vereinten Nationen um eine Erhöhung der Quote bemühen: Alles hängt derzeit von einer Verbesserung der politischen Situation ab und der Notwendigkeit, Frieden und Demokratie wiederherzustellen. Der internationale Druck auf das Militär zur umgehenden Rückkehr zur Demokratie muss weiter erhöht werden.

Humanitäre Notlage darf sich nicht weiter verschärfen

MISEREOR fördert weiterhin seine Partnerorganisationen in der Umsetzung humanitärer Arbeit und – soweit möglich – ihrer Entwicklungsarbeit. Wir hoffen, dass das nächste Jahr besser werden wird als das Jahr 2021 und Möglichkeiten eröffnet, die entwicklungspolitische Arbeit für die Ärmsten – vor allem in den Bereichen Ernährungssicherung, Bildung und Gesundheit – verstärkt weiterzuführen. Dazu braucht es allerdings dringend ein Ende der Gewalt und einen Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien, um die humanitäre Notlage nicht weiter zu eskalieren und Zugang zu den notleidenden Menschen zu erhalten.

Kardinal Charles Maung Bo, Erzbischof von Yangon, schrieb in einem Statement an die Konfliktparteien und die Menschen in Myanmar: „Lassen Sie uns zusammenkommen. Wir haben uns als Volk und als Nation vielen Herausforderungen gestellt. Wir werden uns dieser Herausforderung [der Pandemie] gemeinsam stellen. Vielleicht ist dies ein Aufruf an uns alle, eine Gemeinschaft zu schmieden, die den endgültigen Frieden und die Versöhnung herbeiführen wird.“


Weitere Informationen

Spenden für Flüchtlinge aus Myanmar | MISEREOR

Geschrieben von:

Corinna Broeckmann ist Regionalreferentin für Myanmar und Thailand bei MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Danke Corinna für deine eindrücklichen Worte, die mir die Situation und darin die Menschen in Myanmar nahe kommen lassen.

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