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„Ich bin eine Zeugin der weiblichen Beschneidung“

Agnès Niaré. Mitbegründerin und Leiterin der Organisation TAGNE. Mali. Setzt sich gegen weibliche Genitalverstümmelung, geschlechtsspezifische Gewalt und die Verheiratung von Minderjährigen ein.

Foto: Nicolas Réméné

Das sind meine Wurzeln

Ich bin eine lebende Zeugin der weiblichen Beschneidung. Im Alter von neun Jahren wurde ich unter erbärmlichen hygienischen Bedingungen beschnitten. Die starken Schmerzen, die ich während und nach der Operation hatte, das Trauma nach der Exzision und die Schwierigkeiten während der Geburt meiner Kinder machen mich zu einem lebenden Beispiel für eine Frau, die mit den Spätfolgen einer Beschneidung lebt. Vor mehr als 20 Jahren habe ich in meiner Nachbarschaft eine Frauengruppe gegründet. Während der zahlreichen Austausche, die wir hatten, wurde uns klar, dass wir allesamt beschnitten worden sind. Eines Tages besuchte uns eine meiner Schwestern. Sie kam aus Europa und erzählte uns ausführlich über weibliche Genitalverstümmelung, die nur in wenigen Ländern der Welt praktiziert wird. Dort ist uns die Idee gekommen, einen Verein zu gründen, der gegen Beschneidung kämpft.

Das verleiht mir Flügel

Die Partnerschaft zwischen MISEREOR und TAGNE hat die Umsetzung von Projekten ermöglicht, die überzeugende Ergebnisse erzielt haben. Dazu zählen:

  • die Sensibilisierung der Gemeinschaften,
  • die Selbstbestimmung der Frauen,
  • die Versöhnung von Dörfern, die verschiedene Meinungen vertraten,
  • die Unterzeichnung des Protokolls zur Abschaffung von Beschneidung und der Verheiratung von Minderjährigen von rund hundert Dörfern,
  • Entschädigungen der Opfer und ihrer Eltern zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit,
  • die Umsetzung von drei Bohrlöchern zur Trinkwassergewinnung,
  • der Bau von Mühlen sowie
  • die hohe Anzahl von Mädchen, die heute regelmäßig und dauerhaft zur Schule gehen.

Um hier nur ein paar Erfolge zu nennen.

Dafür setze ich mich ein

Für den Kampf gegen die Beschneidung, gegen die Eheschließung von Minderjährigen, und jegliche Formen der geschlechterbasierten Gewalt. Besonders liegt mir am Herzen, dass Frauen die Möglichkeit zur sozioökonomischen Selbstverwirklichung haben.

Meine Arbeit ist getan, wenn …

… in meiner Heimat Mali die Beschneidung, die Eheschließung von Minderjährigen und geschlechterbasierte Gewalt gestoppt worden sind und die Regierung ein Gesetz gegen geschlechterbasierte Gewalt mit einem Schwerpunkt auf Beschneidung verabschiedet hat. Dann würde ich laut und deutlich sagen, dass meine Arbeit vollendet ist.

Frauen können …

selbstbestimmt leben und auf sozialer, wirtschaftlicher, administrativer und politischer Ebene gleichberechtigt mit Männern Führungspositionen einnehmen, um ihren Status als Protagonistinnen des sozial-ökologischen Wandels zu behaupten.

Das Interview führte Ina Thomas.



Hintergrund FGM

Weibliche Genitalverstümmelung, im Englischen „Female Genital Mutilation“ (FGM) genannt, wird in etwa 30 Ländern Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens praktiziert. Auch in europäischen Ländern wie Deutschland steigt die Zahl der Betroffenen. Es migrieren mehr Mädchen und Frauen aus Herkunftsländern, in denen weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird.
In Afrika ist diese Praxis am häufigsten in West-, Ost- und Nordostafrika vertreten. Allein in Mali sind 89% der Frauen im Alter von 15-49 Jahren von Genitalbeschneidung betroffen, obwohl dort bereits seit 1999 sämtliche Beschneidungspraktiken verboten sind.

Wichtige Aufklärungsarbeit
Die MISEREOR-Partnerorganisation TAGNE leistet in den Dörfern rund um die Hauptstadt Bamako wichtige Aufklärungsarbeit. Die Mitarbeitenden sprechen mit betroffenen jungen Frauen und deren Familien sowie mit noch aktiven Beschneiderinnen, Dorfautoritäten, Lehrerinnen und Lehrern, religiösen Führungspersönlichkeiten, Politikern und Politikerinnen. Mit Erfolg: Allein zwischen Januar 2020 und Dezember 2021 nahmen 52.000 Personen an den Programmen von TAGNE teil. Sie verstehen heute die Gefahren der Beschneidung und setzen sich für Präventionsmaßnahmen und die Unterstützung der Opfer ein.

In gut 60 Prozent der rund dreitausend MISEREOR-Projekte spielen Genderthemen und Gleichberechtigung der Geschlechter eine wichtige Rolle. Aktuell unterstützt MISEREOR mit einer Fördersumme von mehr als 7,4 Millionen Euro rund 35 Projekte weltweit, die sich explizit für die Beseitigung von Gewalt an Frauen einsetzen. Dazu gehört auch die Abschaffung von weiblicher Genitalverstümmelung.


Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie setzen sich ein für eine friedlichere Welt. Für den Erhalt der Erde und für eine Ernährung, die nicht nur satt macht, sondern auch gesund ist und umweltschonend angebaut wurde.

Alle Interviews im Überblick


Weitere Informationen:

Mali – Genitalverstümmelung | MISEREOR

Geschrieben von:

Ina Thomas ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Misereor.

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