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Es geht! Gerecht. – Es kommt auf jeden und jede von uns an.

Es ist ein nasskalter Morgen, typisches Aachener Februarwetter. Gut gerüstet steige ich auf mein Fahrrad und rücke noch einmal den Helm zurecht. Meine Route kennen Rad und ich auswendig. So gehen meine Gedanken ihre eigenen Wege. Eigentlich sollte ich jetzt in Bangladesch sein und den Menschen dort direkt begegnen. Aber Corona prägt noch immer unsere Arbeit.

Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel auf der morgendlichen Fahrt zur Arbeit in Aachen. © MISEREOR

Aus Sorge um die Sicherheit unserer Partner treffen wir sie weiterhin online. Zum Glück wissen wir nach den letzten beiden Jahren, dass uns diese Widrigkeiten nicht aufhalten – und unsere Partner ebenso wenig. Schließlich sehen wir uns einer Krise gegenüber, die wohl noch weitreichender ist als die aktuelle Pandemie: Die Klimakrise bedroht unsere Lebensgrundlagen und unser Leben, überall auf der Welt. Zugleich gibt es Hoffnung – wenn wir jetzt die gemeinsame Verantwortung annehmen. Wenn jede und jeder von uns handelt, wie es möglich und geboten ist. Wenn die größten Verursacher der Krise auch einen entsprechenden Beitrag leisten, um ihr zu begegnen. Das hat unser Motto der diesjährigen Fastenaktion geprägt: „Es geht! Gerecht.“ Dieses Leitwort fordert, und es motiviert zugleich.

Langsam nehme ich Fahrt auf, spüre den kühlen Nebel im Gesicht. Was für ein Unterschied zur Hitze auf den Philippinen, an die ich mich lebhaft erinnere. Dort, im zweiten Partnerland der Fastenaktion dieses Jahres, bin ich zuletzt 2019 gewesen. Damals habe ich die Insel Siargao besucht. Mitte Dezember letzten Jahres mussten wir erfahren, dass der Taifun Rai sie schwer getroffen und mehrere andere Provinzen ebenfalls verwüstet hat. Insgesamt sind mehr als 400 Menschen ums Leben gekommen, Hunderttausende haben ihr Heim verloren. Rai traf auf einen Inselstaat, der im Zuge der Klimakrise immer häufiger von heftigen Wirbelstürmen betroffen ist. Die Ärmsten erleiden zuallererst die Folgen der Klimaänderungen, obwohl sie selbst den geringsten Anteil dazu beigetragen haben.

Wie können wir heilen, statt nur zu lindern?

Plötzlich muss ich bremsen. Zum Glück hat mich der Autofahrer gerade noch gesehen. Wir nicken uns kurz zu. Nichts passiert, es geht weiter. Das sieht auf den Philippinen ganz anders aus, erinnere ich mich. Hier ist der Weg zur Arbeit, zum Markt oder zur Schule für viele Menschen jeden Tag wesentlich gefährlicher. Vor Corona haben 80 Prozent der Bevölkerung die überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel genutzt. Nun sind manche aufs Fahrrad umgestiegen, aber die Straßen sind darauf nicht ausgelegt. Das führt zu beklemmenden Szenen in den großen Städten. Wie in Cebu City, wo unser Partner, die Pagtambayayong Foundation, aktiv ist: Männer, Frauen und Kinder schlängeln sich hier auf ihren Fahrrädern zwischen Mega-Trucks hindurch. Ein gefährliches Unternehmen.

Für Radfahrende sehr gefährlich: Die Straßen in Cebu City auf den Philippinen. © Jacqueline_Hernandez_Photography / MISEREOR

Es braucht neue Lösungen, denke ich. Lösungen, die die Armen nicht zurücklassen, sondern ihnen ermöglichen, sich frei zu bewegen. Ökonomische Zwänge dürfen nicht länger die Sicherheit der Menschen und den Schutz unseres gemeinsamen Hauses aushebeln. Daran arbeiten unsere Partner vor Ort, etwa Pagtambayayong oder auch die Organisation IDIS in der Stadt Davao. Diese Arbeit machen Sie, unsere Spenderinnen und Spender, durch Ihre Beiträge möglich. So entstehen zum Beispiel Mobilitätskonzepte, die die Situation nachhaltig zum Besseren verändern. Und stets behalten unsere Partner dabei das Klima im Blick. Denn Veränderung, die heilen soll, anstatt nur zu lindern, muss gleichermaßen sozial und ökologisch angelegt sein. Es macht mir Mut, dass inzwischen so viele Initiativen dieses Prinzip beherzigen. In der Vorbereitung dieser Fastenaktion konnte ich einige davon kennenlernen – auf den Philippinen, in Bangladesch, hier in Deutschland.

Wenn die Ausnahme Alltag wird

Wieder unterbreche ich meine Fahrt, denn vor mir taucht ein Umleitungsschild auf, das es wenige Tage zuvor noch nicht gab. Das erinnert mich daran, dass das Hochwasser des letzten Sommers die ganze Region bewegt und teils verändert hat. Was für uns eine Katastrophe von selten dagewesenem Ausmaß war, ist auf den Philippinen keine Ausnahmeerfahrung mehr. Nochmals anders ist Bangladesch betroffen. Im „Land der Flüsse“ leben die Menschen ständig in Angst vor der nächsten Überschwemmung, fangen immer wieder nahezu bei null an. Der Anstieg des Meeresspiegels wirkt sich hier dramatisch aus. Und erneut tragen wieder die verwundbarsten Gruppen die Hauptlast: Die städtischen Armen leben besonders häufig in den gefährlichsten Zonen, direkt an Flüssen oder Meeresküsten.

Minara Begum lebt mit ihrer vierköpfigen Familie in Dhaka unter prekären Bedingungen. © K M ASAD / MISEREOR

Von unserer Partnerorganisation BARCIK, die diesen Menschen in der Hauptstadt Dhaka seit vielen Jahren zur Seite steht, weiß ich, was das bedeutet. Schicksale wie das von Minera Begum sind hier typisch. Schon im Alter von 13 Jahren hatte sie zweimal ihr Zuhause verloren, weil das Flussufer, an dem ihr Dorf lag, einfach weggebrochen war. Heute lebt sie unter unvorstellbaren Bedingungen, mit 18 Familien auf engem Raum. Zwei Toiletten stehen ihnen zur Verfügung, ein Bad und sechs Öfen, auf denen sie kochen können. Gesundheitsfürsorge gibt es nicht. Und doch findet Minera Begum jeden Tag die Kraft, sich für andere stark zu machen, als Aktivistin Rechte und Würde der Ausgegrenzten einzufordern.

Wie die Klimakrise wirkt…

Weil in Bangladesch immer mehr Menschen vor den Folgen der Klimakrise fliehen, nimmt die Bevölkerung von Dhaka täglich um schätzungsweise mehrere Hundert Menschen zu. Offiziellen Schätzungen zufolge könnte Dhaka bis 2030 die viertgrößte Stadt der Welt sein. Um dieser großen Herausforderung mit sinnvollen Konzepten zu begegnen, sind Fakten eine wichtige Grundlage. Deshalb hat unser Partner BARCIK die Menschen befragt, die in den rasch wachsenden Armenvierteln Zuflucht suchen. Mit alarmierenden Ergebnissen: Manche Familien müssen bis zu zehnmal im Jahr umziehen, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Besonders während des Monsuns sind Überschwemmungen und Staunässe an der Tagesordnung. Häufig fehlt dann das Brennmaterial zum Kochen. Die Menschen sind extremen Temperaturen fast schutzlos ausgeliefert – der Kälte im Winter ebenso wie der drückenden Hitze im Sommer.

Asmani Begum bereitet vor ihrem Ein-Zimmer-Haus das Essen für die sechsköpfige Familie zu. © K M ASAD / MISEREOR

Asmani Begum ist 40 Jahre alt, eine starke Frau, Hauptverdienerin in ihrer Familie. Sie musste mit fünf Jahren aus ihrem Dorf fliehen und lebt jetzt seit 20 Jahren in Dhaka. Eindrücklich beschreibt sie: „Manchmal, wenn die Sonne wieder herauskommt, nachdem es geregnet hat, steigt aus dem Müll in unserem Wohngebiet feuchter Dampf auf. Die Feuchtigkeit und die plötzlichen Wetterumschwünge lassen uns krank werden. Ich habe das Gefühl zu ersticken, wenn ich in meinem Haus bleibe.“ Was mich an ihrer Geschichte besonders berührt, ist, dass sie sich von dieser brutalen Situation nicht geschlagen gibt, sondern handelt.

…und was Abhilfe schafft.

Dabei hilft ihr BARCIK mit verschiedenen Angeboten. Ganz wichtig ist die Vernetzung: Bei Treffen auf Gemeindeebene tauschen sich Asmani Begum und die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber aus, was der Klimawandel für sie bedeutet. Gemeinsam lernen sie mehr über Katastrophenmanagement in Städten und darüber, wie man Umweltschutzprojekte auf die Beine stellen kann – zum Beispiel zur Abfallentsorgung. Ein Stadtgarten-Programm von BARCIK hat ihr Leben ganz konkret verbessert: „Ich habe inzwischen Pflanzen auf meinem Blechdach angebaut. Das macht die Hitze im Sommer erträglicher. Heute ernte ich so viel Obst und Gemüse, dass meine Familie gut davon essen kann, und manchmal verkaufe ich auch etwas davon. Meine sechsköpfige Familie lebt in einem Ein-Zimmer-Haus, aber wenn es im Haus zu heiß wird, gehen wir nach draußen und setzen uns in den Schatten der Bäume.“

In ihrem Viertel hat Asmani Begum viele andere Familien inspiriert, eigene Gärten anzulegen. © K M ASAD / MISEREOR

Asmani Begum hat wertvolle Hilfe erfahren und gibt sie nun mit voller Kraft weiter. Bei Treffen auf politischer Ebene spricht sie mit lauter, entschlossener Stimme zugunsten ihrer Mitmenschen, besonders für die Älteren. Als Pionierin der Begrünung ihres Wohnviertels hat sie viele andere Familien inspiriert, in ihren Häusern kleine Gärten anzulegen. Sie hat eine Frauenorganisation mit 20 Mitgliedern gegründet, ist bis heute deren Vorsitzende. Das Wirken von Asmani Begum ist ein gutes Beispiel dafür, wie Entwicklung nachhaltig funktioniert: Ungerechtigkeit, Maßlosigkeit, Gier und Ausbeutung fügen unserer Welt und den Verwundbaren auf viele verschiedene Arten Schaden zu – aber andererseits führen viele verschiedene Wege zu Teilhabe und Würde. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die diese Wege ebnen und anderen zeigen.

Weil alles miteinander verbunden ist

Die vielen Geschichten, die unsere Fastenaktion in diesem Jahr erzählt, machen mir deutlich: Wir können Klimagerechtigkeit nicht einfach als eine Waage mit zwei Schalen betrachten, bei der sich eine Schale nach oben bewegt, wenn die andere heruntergedrückt wird. Was wir tun und wie wir leben, hier und im globalen Süden, ist über die Natur verwoben, und wir alle spüren die Auswirkungen früher oder später. Entsprechend müssen wir handeln. Dabei können wir vom Süden lernen. Immer wieder schaffen es unsere Partner auf beeindruckende Weise, Armut zu bekämpfen – ohne, dass das auf Kosten der Umwelt und des Klimas geschieht. Zum Beispiel mit Mobilitätskonzepten, die Sicherheit und Freiheit für viele Menschen bieten und dabei sogar unsere endlichen Ressourcen schonen. Oder mit innovativen Ideen dafür, wie man Städte lebenswerter macht, so dass sie vielen Menschen auf wenig Raum ein gutes Zuhause bieten.

Gleichzeitig finden wir in unserem täglichen Leben kleine Stellschrauben, an denen wir selbst drehen können, um im großen Gefüge etwas zu bewegen. Wenn Sie diese Möglichkeiten entdecken möchten, bietet Ihnen die Fastenzeit wertvollen Raum. Das bringt unsere Kernbotschaft, die wir in diesem Jahr zur Fastenaktion formuliert haben, schön auf den Punkt. „Fasten heißt fragen: Woraus lebe ich? Wofür setzen wir uns ein? Was können wir teilen? In der Fastenaktion finden wir Antworten und handeln gemeinsam. Gegen globale Ungerechtigkeit und die Zerstörung der Schöpfung. Mit Aktionen, Spenden und unserer politischen Stimme.“

Bitte unterbrechen Sie kurz!

Nun bin ich beinahe an meinem Ziel, der Geschäftsstelle MISEREORs, angekommen. Aber ich muss mich doch noch gedulden: An einer Einmündung warte ich, während mir Autos entgegenkommen. Eines bleibt stehen und die Fahrerin winkt mir zu, lässt mich die Straße überqueren. Eine Unterbrechung im scheinbar unaufhaltsamen Verkehrsfluss. Hier hat jemand nur eine kleine Stellschraube gedreht, und auch für mich geht es weiter. Es geht! Gerecht. So macht eine einfache Entscheidung einen großen Unterschied. Es kommt auf jede und jeden von uns an. Deshalb lade ich Sie an dieser Stelle ein, ein Zeichen zu setzen für eine klimagerechtere Welt, in der wir alle in Würde leben können. Unsere Partnerorganisationen bringen jeden Tag gute Konzepte auf den Weg. Mit Ihrer Unterstützung können sie diese wichtige Arbeit fortsetzen. Wir freuen uns, wenn Sie diesen starken Hebel nutzen und uns in diesem Jahr Ihre Fastenspende anvertrauen.

Die Bremse funktioniert. Ein bisschen atemlos komme ich zum Stehen, steige vom Rad, nehme meinen Helm wieder ab. Eine gute Fahrt war das. Wie schön, dass Sie mich dabei begleitet und meine Gedanken geteilt haben! Für heute verabschiede ich mich von Ihnen. Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie gerade sicher und in freundlicher Begleitung unterwegs sind.


Fastenaktion 2022 Es geht! Gerecht.

In Bangladesch und auf den Philippinen setzen MISEREOR-Partnerorganisationen alles daran, die Schalter hin zu einer gerechteren Welt umzulegen. Unterstützen Sie diese Arbeit mit Ihrer Spende! Mehr erfahren >>

Geschrieben von:

Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer bei MISEREOR. Bevor er 2012 zu MISEREOR kam, war er 15 Jahre in Brasilien als Pfarrer tätig und bildete in verschiedenen Ländern Lateinamerikas Laienmissionare aus.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wirklich schön geschrieben. Auch, weil wichtig!

  2. Guten Tag Herr Spiegel,
    ich fahre zwar auch mit dem Rad zur Arbeit und da gehen mir auch oft viele Gedanken durch den Kopf, auch mal abschweifend zu Erlebtem in anderen Ländern.
    Aber diese Gedanken dann anschliessend so schön zu formulieren, so schön zu kombinieren mit dem hier und jetzt und dann auch noch für Leser so interessant wiederzugeben, dass haben Sie wirklich toll hinbekommen. Ich möchte sie dazu beglückwünschen und Ihnen dafür danken, haben Sie toll geschrieben!

    Viele Grüße
    Markus Kruschewsky

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