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„Ich bin Afghanin“

Nahid Shahalimi. Deutschland. Aktivistin. Künstlerin. Autorin. Wünscht sich, dass Frauen-Solidarität im wahrsten Sinne des Wortes gelebt wird: Im gemeinsamen Einsatz für die gesamte Menschheit.

Foto: Dr. Isa Foltin

Das sind meine Wurzeln

Ich bin Afghanin. Ich wurde in Afghanistan geboren und habe meine ersten elf Lebensjahre dort verbracht. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Wir waren sehr privilegiert und wohlhabend. Mein Vater war mehrmals Minister und sehr einflussreich. Er starb leider sehr früh, und ab da wendete sich das Blatt. Weil meine Schwestern und ich keinen Bruder haben, es also keinen männlichen Erben in unserer Familie gab, hat man uns praktisch aus unserem Haus vertrieben und uns wurde das Geld genommen. Unser Geschlecht und unser Vermögen waren zum Fluch geworden. Meine Mutter entschied sich, Afghanistan zu verlassen. Wir gingen fünf Tage und vier Nächte über die Berge nach Pakistan. Ungefähr ein Jahr später kamen wir als Immigrantinnen nach Kanada. Da haben wir erneut bei null angefangen. Seit nunmehr 20 Jahren lebe ich mit meinen beiden Töchtern in Deutschland. Ich würde deshalb sagen, dass meine Wurzeln von vielen Veränderungen geprägt sind. Es gab viele glückliche Momente in meinem Leben. Ich bin verdammt stolz auf meine afghanischen Wurzeln. Meine Werte stammen von dort. Aber wahr ist auch: Wir mussten fliehen, weil wir Frauen sind. Immer wieder gab es große Herausforderungen in meinem Leben. Aber wenn es keine Widerstände gibt, wächst man nicht, oder? So sehe ich das.

Das verleiht mir Flügel

Damals, auf der Flucht nach Pakistan, als wir in den Bergen unterwegs waren, habe ich mich bewusst entschieden, irgendwann nach Afghanistan zurückzukehren. Mit elf Jahren wusste ich genau, was ich machen wollte. Geschichten erzählen. Durch Bücher und Filme auf die Situation von Frauen in meinem Heimatland aufmerksam machen. Heute weiß ich, dass das ein großes Privileg ist. Genau zu wissen, was man machen möchte. Viele wissen nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Ich habe den Luxus, dass ich mir aus allen Kulturen und Traditionen, mit denen ich in meinem Leben in Berührung kam, das Beste heraussuchen konnte. Das weitet den Blick und ist ein großes Privileg. Das ist das eine. Aber gleichzeitig ist es auch das Leid, das ich erfahren habe, was mich stark macht und mir Flügel verleiht. Ich habe die Fähigkeit, die Herausforderungen anzunehmen und etwas Konstruktives damit zu machen. Egal, was kommt, ich sehe das Glas immer halbvoll und nicht halbleer. Sogar wenn nur ein Tropfen im Glas ist, dann sehe ich es mit einem Tropfen gefüllt, nicht bis auf einen Tropfen geleert. Meine Mutter ist auch so. Sie hat immer das Ruder herumgerissen und gesagt: Okay. So etwas passiert. Wie können wir eine Lösung finden? Was können wir daraus machen?

Dafür setze ich mich ein…

Ich denke, der Hauptaspekt ist Gerechtigkeit. Sich fair zu verhalten. Mich hat die Tatsache zutiefst geprägt, dass wir Frauen uns mit solch großen Schwierigkeiten konfrontiert sahen, nur weil wir keinen Bruder hatten. Dass kein männliches Familienmitglied mehr da war. Wir hatten riesige Ländereien. Und das einzige, das wir verteidigen konnten, war das Haus. Das fand ich zutiefst ungerecht. Zu wissen, egal was du tust, es ist nie genug – nur weil du eine Frau bist und kein Mann. Dieses Gefühl hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In meiner Familie wurde kein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gemacht. Alle waren zum Beispiel sehr sportlich. Und die Frauen haben sogar mehr erreicht als die Männer. Es war die Gesellschaft, die das vermittelt hat. Dass du als Mädchen und Frau weniger wert bist. Und je älter ich wurde, je mehr ich erfahren und gelernt habe, desto deutlicher ist mir bewusst geworden, dass es diese Ungerechtigkeit in Bezug auf Frauen und Gender in allen Systemen auf der ganzen Welt gibt. Dafür gibt es Daten und Belege. Also: Mein Einsatz gilt der Geschlechtergerechtigkeit.

Es muss etwas passieren, weil…

… wir es unseren Kindern schuldig sind. Dass sie gesellschaftliche Systeme vorfinden, in denen Gleichberechtigung herrscht. Wir schulden es den Mädchen, die gerade heranwachsen. Dass sie nicht mehr wie wir um Gleichberechtigung ringen müssen. Sie werden ihre eigenen Probleme zu lösen haben. Sie sollen sich nicht mehr mit denselben idiotischen Angelegenheiten befassen müssen, nur weil sie Frauen sind. Es geht um eine dominante männliche Perspektive, die diese ungerechten Systeme geschaffen hat. Ob es nun um Frieden oder Freiheit geht: Ich bin davon überzeugt, dass wir keinen dauerhaften Erfolg haben werden, wenn wir nicht zurück an die Verhandlungstische gehen und sicherstellen, dass diese inklusiv besetzt sind und niemanden ausschließen – etwa wegen des Geschlechts.

Meine Arbeit ist beendet, wenn…

Laut aktueller Daten des Weltwirtschaftsforums wird es immer noch 135,6 Jahre dauern, bis die Gleichberechtigung von Frauen und Männern erreicht ist (Global Gender Gap Report). Wir haben also noch eine Menge Arbeit vor uns. Ich denke nicht, dass sie geschafft sein wird, während ich lebe. Auch noch nicht in der Lebenszeit meiner Kinder. Ich hoffe einfach, dass die Menschheit endlich aufwacht und das Ruder herumreißt. Ist es nicht idiotisch, dass wir immer noch um Geschlechtergerechtigkeit kämpfen müssen? Wir verlieren gerade unseren Planeten Erde durch den Klimawandel! Das Problem liegt meiner Meinung nach in vielen Fällen an der Gier mächtiger weißer Männer. Sie sind so gierig, dass sie nicht genug bekommen und alles mit sich in den Abgrund reißen. Das ist doch längst kein Witz mehr. Wir sehen doch bereits die Veränderungen. Es gibt zum Beispiel schon Kämpfe um Wasser. Aber wir nehmen uns nicht die Zeit, genau hinzuschauen und Lösungen zu finden. Stattdessen beuten wir unseren Planeten immer weiter aus und zerstören ihn. Dass ist auch ein Grund, warum endlich etwas passieren muss, um auf die vorherige Frage zurückzukommen. Wir müssen uns zusammenschließen und gemeinsam vorgehen. Es muss einen Konsens darüber geben, dass wir an die Ursachen herangehen, die die Menschheit zerstören.

Frauen können…

…sich hoffentlich endlich in Solidarität zusammentun. Wirkliche Solidarität. Nicht nur mit Worten. Nicht nur über Hashtags. Sondern, indem sie wirklich gemeinsame Sache machen und ihre Egos beiseiteschieben. Es geht nicht darum, dass wir alle Busenfreundinnen werden. Es geht darum, dass alle zusammenkommen und ihre unglaubliche Intelligenz bündeln. Sodass wir Strategien finden, die hilfreich für die gesamte Menschheit sind. Es geht darum, wirklich alle einzubinden. Ich glaube, dass Frauen das schaffen können. Weil wir anders denken. Wir brauchen alle! Frauen wissen das. Wir brauchen jedes Geschlecht. Wie brauchen Männer. Und wir brauchen Frauen. Und die anderen Geschlechter, über die wir ja noch nicht einmal sprechen. Wir brauchen Minderheiten-Gruppen. Wir brauchen Menschen mit Behinderung. Wir brauchen die Jugend! Frauen können diese Inklusion herstellen, wenn sie Solidarität im wahrsten Sinne des Wortes leben. Nicht, um sich hervorzutun, nicht, um ein Poster-Girl zu werden. Natürlich wird Frauen-Solidarität in europäischen Ländern ein anderes Gesicht haben als beispielsweise in Amerika. Länder befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen von Feminismus. In Deutschland ist es möglich, offen über Dinge zu sprechen, die in Afghanistan nicht gesagt werden können. In Afghanistan passierte ein großer Rückschritt (durch die Machtübernahme durch die Taliban im August 2021). Ein Rückschritt, nicht nur um 20 Jahre, sondern um 500 Jahre! Aber es geht um dieselbe Sache! Um dieselbe Art der Solidarität. Diejenigen, die jeweils die Expertise haben, müssen gehört und an der richtigen Stelle eingesetzt werden! Wenn das nicht passiert, wird es sehr schlecht um die Menschheit bestellt sein, fürchte ich.


Hintergrund

Nahid Shahalimi wurde 1973 in Afghanistan geboren, floh 1985 mit ihrer Mutter und ihren Schwestern über Pakistan nach Kanada, wo sie unter anderem Bildende Kunst und Politik studierte. Seit 2000 lebt sie mit ihren Töchtern in München.
Ihr Buch „Wir sind noch da! Mutige Frauen in Afghanistan“, das wenige Monate nach der Machtübernahme durch die Taliban erschien, lässt 13 afghanische Frauen zu Wort kommen: Aktivistinnen, Künstlerinnen, eine Ärztin, Geschäftsfrauen und Trainerinnen, die sich für die Gleichberechtigung in ihrem Heimatland einsetzen. Ziel des Buches war, die Sprachlosigkeit, Wut, Trauer und Ohnmacht, die alle nach den dramatischen Ereignissen im August 2021 gefangen genommen hatte, in etwas Produktives und Sinnvolles umzuwandeln. In ein gemeinsames Zeugnis von Frauen, das Mut macht. Um nach vorne blicken und an einer hoffnungsvolleren Zukunft arbeiten zu können, müsse man als erstes akzeptieren, dass die Taliban nun an der Macht seien, sagt Nahid Shahalimi. „Akzeptanz meint nicht, Unrecht zu akzeptieren, das passiert“, fügt sie hinzu. „Es meint zu akzeptieren, dass wir vieles verloren haben, was wir in den vergangenen Jahren dazugewonnen haben. Um dann als zweiten Schritt so viel wie möglich von der afghanischen Kultur zu bewahren. Für die nächste Generation. Für die Mädchen und Jungen von Afghanistan.“


Veranstaltungshinweis

Die Lage der Frauen in Afghanistan ist auch Thema des Online-Podiums „Umkämpft und bedroht: Frauenrechte in Afghanistan“ am 10. März 2022, 18.00–19.30 Uhr, auf Zoom.

Es sprechen:

  • Nahid Shahalimi, Aktivistin, Künstlerin und Autorin
  • Luise Amtsberg MdB, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung
  • Anna Dirksmeier, MISEREOR-Länderreferentin für Afghanistan
  • Dr. Maria Flachsbarth, Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB) e.V.

Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie setzen sich ein für eine friedlichere Welt. Für den Erhalt der Erde und für eine Ernährung, die nicht nur satt macht, sondern auch gesund ist und umweltschonend angebaut wurde.

Alle Interviews im Überblick


Geschrieben von:

Nina Brodbeck arbeitet bei MISEREOR in der Abteilung Kommunikation.

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