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Es geht! Gerecht. „Wir dürfen die Umweltgerechtigkeit nicht vergessen.“

In Bangladesch ist die Klimakrise längst angekommen. Der steigende Fluss- und Meeresspiegel kann für die 160 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner innerhalb weniger Jahrzehnte zur existentiellen Bedrohung werden. Und sorgt schon jetzt dafür, dass immer mehr Menschen vom Land in die Stadt fliehen. Allein in der Hauptstadt Dhaka kommen jeden Tag etwa 2.000 Klimaflüchtlinge an. Die MISEREOR-Partnerorganisation BARCIK arbeitet hier mit Geflüchteten und unterstützt sie dabei, ein würdiges Leben in der Stadt zu entfalten. Pavel Partha, Leiter von BARCIK, blickt im Interview auf unsere gemeinsame Verantwortung im Kampf gegen die Klimakrise, auf die Frage, warum Küstenbauern zu Klimaflüchtlingen werden und ob wir selbst eigentlich glücklich sein können, wenn unsere Nächsten und Nachbarn es nicht sind.

Bangladesch Monsun Überschwemmung
In Bangladesch ist die Klimakrise längst angekommen: Der steigende Fluss- und Meeresspiegel kann für die 160 Millionen Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte zur existentiellen Bedrohung werden. © Hasib Matiur / Unsplash

Was bedeutet Gerechtigkeit für Sie konkret?

Pavel Partha: Ich denke, dass Gerechtigkeit zunächst einfach als etwas verstanden werden kann, das man bekommt, weil es einem bedingungslos und ohne Vorbehalte zusteht, man muss sie sich nicht erst ‚verdienen‘. Gerechtigkeit wird in Bezug auf die Grundrechte stets eingefordert, dabei wird allzu häufig die Umweltgerechtigkeit ignoriert. Die geht im Mainstream-Diskurs meist unter, denn ‚Gerechtigkeit‘ wird durch die anthropozentrische Sichtweise geprägt, die Rechte anderer Lebewesen verletzt. Ein Beispiel: Nahrung ist das Grundrecht aller Lebewesen. Aber um eine gute, saubere und sichere Nahrung für den Menschen zu gewährleisten, werden viele Mikroorganismen, Schnecken oder Vögel durch die chemische Nahrungsmittelproduktion getötet. Wie können wir also Gerechtigkeit für wen sicherstellen?

Wo erleben Sie Gerechtigkeit in Ihrem täglichen Leben?

Pavel Partha: Ich erlebe Gerechtigkeit in meinem Alltag durch meine Umgebung und bezogen auf die Grundbedürfnisse. Dieses Mein ist kein Singular, es ist Plural und dazu gehören meine Familie und Freunde, meine Weggefährt*innen und meine Nachbarn. Wenn ich einen glücklichen Tag ohne Leiden erleben möchte, dann ist es nicht möglich, wenn mein Nachbar krank und unglücklich ist.



Wie verschaffen Sie dem Anliegen Klimagerechtigkeit mehr Gehör?

Pavel Partha: Ich schreibe regelmäßig Kolumnen für Tageszeitungen in Bangladesch und versuche, den ungehörten Geschichten der Gerechtigkeit und unterdrückten Stimmen mehr Gehör zu verschaffen. Ich engagiere mich in Menschenrechtsgruppen, Umweltorganisationen und zivilgesellschaftlichen Netzwerken im lokalen und globalen Kontext. Vor allem aber setze ich auf das Engagement lokaler Gruppen und ihren Geist, um Gerechtigkeit für Marginalisierte zu gewährleisten. Ich habe Jugendgruppen organisiert, die jetzt Mitglied in lokalen Katastrophenschutzkomitees sind und sich aktiv an der Sozialarbeit beteiligen. Ich möchte aber noch stärker lokale Jugendgruppen, soziale Aktivist*innen, Intellektuelle, lokale Behörden und Verwaltungen, glaubensbasierte Organisationen sowie politische Entscheidungsträger*innen zusammenbringen.

Dorfschule Satkhira District Bangladesch
„Wir müssen in einem ganzheitlichen Ansatz denken, dass wir alle Lebewesen sind, die Teil der Natur sind. Und als Menschen haben wir eine besondere Verantwortung.“ Besuch in einer Dorfschule im Satkhira-District von Bangladesch. © BARCIK

Wie kann mehr Klimagerechtigkeit erreicht werden? Was motiviert Sie, diese einzufordern? Aus welcher spirituellen Haltung heraus?

Pavel Partha: Ich glaube fest daran, dass ich nicht alleine leben kann, sondern auf andere angewiesen bin – das ist die Interdependenz des Lebens. Ich glaube, dass ich Teil der Natur bin, wie es auch ein Frosch oder ein Baum oder ein Schuppentier ist. Wir alle haben die gleichen Rechte zu leben, ohne jegliche Kontrolle oder Diskriminierung. Die Menschen zerstören Bäume, Wälder, Flüsse und Wildtiere nur für ihren Profit und ihr Überleben. Es gibt keine Gerechtigkeit für die Bäume oder Flüsse. Bäume geben uns Sauerstoff, Nahrung und Schutz. Wie können wir diesen Beitrag vergessen? Wir müssen also in einem ganzheitlichen Ansatz denken, dass wir alle Lebewesen sind, die Teil der Natur sind. Und als Mensch haben wir mehr Verantwortung, für die Mutter Natur zu denken.

Wer muss nach Ihrer Meinung für Gerechtigkeit sorgen? Jede*r Einzelne? Die Politik? Der globale Norden? Der globale Süden? Was würden Sie Deutschen zum Thema Klimagerechtigkeit sagen?

Pavel Partha: Die Klimakrise ist ein globales Phänomen. Aber die Vulnerabilitäten und Bewältigungsstrategien hängen dabei vom jeweiligen Kontext ab: Extreme Hitze, Versalzung oder Überschwemmungen behindern nicht alles Leben in ähnlicher Weise. Wenn wir die ungleichen Kontexte verstehen, dann können wir sehen, wer anfälliger ist und wer mit Katastrophen zurechtkommen muss. Insbesondere Frauen, Kinder, indigene Völker, Menschen des globalen Südens, Menschen mit Behinderungen, Senioren, städtische Arme sind mehr als andere Klimaopfer. Den Deutschen sage ich: ‚Handeln Sie gemeinsam, um den Krieg, den Waffenhandel, den Handel mit Wildtieren und die auf Chemikalien basierende landwirtschaftliche Produktion zu stoppen. Naturbasierte Lösungen und ökologische Lebensgrundlagen brauchen mehr politische Aufmerksamkeit und mehr Budget. Denken Sie an die Klimaflüchtlinge und stärken Sie aktiv deren Fähigkeiten und Lebenskompetenzen zur Klimaanpassung. Respektieren Sie die internationalen Richtlinien wie das Pariser Abkommen und schenken Sie dem Klimaschutz mehr Aufmerksamkeit.‘

Wie betrifft Sie der Klimanotstand vor allem?

Pavel Partha: Ich lebe in der Stadt, spüre die extreme Hitze und bin im Monsun mit Staunässe konfrontiert. Ich arbeite vor allem mit den Küstengemeinden, die durch ungleichmäßige Zyklone und extreme Versalzung mehr unter dem Klimawandel leiden. Die Menschen wandern von der Küste ab und kommen in die Stadt, um dort in den Slums leben zu müssen, was Druck erzeugt und die Demografie der Stadt verändert. Ich finde es unerträglich, dass die Küstengemeinden zu dieser Klima-Migration aufgrund des diskriminierenden Lebensstils der reichen Stadtbewohner*innen gezwungen sind.

Warum die Küstenbauern jetzt zu Klimaflüchtlingen werden, ist meine Frage an den globalen Norden. Sie können keine fossilen Brennstoffe verwenden und keine Waffen produzieren, aber ironischerweise sind sie gezwungen, aus ihren Dörfern abzuwandern. Dass dies eine Ungerechtigkeit ist, lässt sich nicht verneinen. Aber es geschieht im Namen unseres unbestreitbaren luxuriösen Lebensstils und der gefährlichen Kohlenstoffemissionen. Wenn mein Nachbar, meine Nächsten, leiden, wie kann ich mich dann glücklich fühlen? Diese diskriminierenden Klimaerscheinungen beeinflussen mich, mein Denken und Empfinden und behindern meine tägliche Arbeit. Denn ich bin ein Teil dieses Bodens und ein Teil dieser Mutter Natur.

Pavel Partha BARCIK Bangladesch
Pavel Partha und BARCIK setzen alles daran, die politischen Entscheidungsträger und Institutionen dafür zu sensibilisieren, das Wissen der Menschen und ihre Stimmen in den Mainstream-Klimadiskurs einzubeziehen. © Pavel Partha

Zur Person: Pavel Partha arbeitet seit 2003 beim Bangladesh Resource Centre for Indigenous Knowledge (zu Deutsch: Ressourcenzentrum für indigenes Wissen Bangladesch), BARCIK. Als Leiter von BARCIK verantwortet Pavel auch den Arbeitsbereich „Ökologische Bildung und Klimagerechtigkeit“. BARCIK arbeitet mit den städtischen Armen, um deren Lebenssituation zu verbessern. Hierbei geht es um Schaffung des Zugangs zu staatlicher Unterstützung in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Wohnraum. Zudem gibt es verschiedene Aufklärungskampagnen und politische Lobbyarbeit zu den Themen Abfallwirtschaft und Schaffung einer sauberen Umwelt.


Weitere Informationen zum Thema und den Ländern der Fastenaktion 2022.

Fastenaktion 2022 Es geht! Gerecht.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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