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Krieg in der Ukraine – die weltweite Hungerkrise verschärft sich

Der Krieg in der Ukraine droht die globale Ernährungskrise zu verschärfen. Dabei wäre schon vor dem Krieg ein Aufschrei der Empörung überfällig gewesen. Steigende Nahrungsmittelpreise, eine von der Pandemie ausgelöste Welle der Armut und der fehlende finanzielle Spielraum vieler Staaten bedrohen das Überleben von hunderten Millionen Menschen. Es muss jetzt mit den richtigen Mitteln international gegengesteuert werden. Alte Fehler gilt es zu vermeiden. Das Recht auf Nahrung darf nicht als Kollateralschaden dieses Krieges herhalten!

Frieden Ukraine
Der Krieg in der Ukraine droht die globale Ernährungskrise zu verschärfen; bereits vor dem Krieg wäre ein Aufschrei der Empörung angesichts der zunehmenden Ernährungsunsicherheit weltweit mehr als überfällig gewesen. © Bookdragon / Pixabay

Erst COVID-19 und dann der Krieg

Der Krieg in der Ukraine ist eine akute Bedrohung für die bereits schwer beschädigte Ernährungssicherheit. Er verhindert Lebensmittelexporte und bedroht die Aussaat in der Ukraine. Darüber hinaus gefährden aber auch Wirtschaftssanktionen und darauffolgende Vergeltungsmaßnahmen die Versorgung mit Lebensmitteln. Die Hindernisse betreffen die Bezahlung von Lieferungen durch den Ausschluss russischer Banken aus dem SWIFT-System, Investitionen in Agrarbetriebe und nicht zuletzt den Seehandel. Dabei geht es nicht nur um den Handel mit Lebensmitteln, sondern auch um Mittel zur Herstellung von Lebensmitteln, besonders Gas, Öl und Dünger.

Ernährungssicherheit: Welche Rolle spielen Russland und die Ukraine?

Forscher des internationalen Forschungszentrum IFPRI haben die Bedeutung Russlands und der Ukraine für die Welternährung zusammengefasst:

  • Russland und die Ukraine exportieren 12 % aller international gehandelten Kalorien. Nordafrika und der Nahe Osten decken mehr als die Hälfte ihrer Importe aus der Region. Und bei einzelnen Produkten ist der Anteil am Welthandel besonders hoch, wie bei Weizen (34 %) und Sonnenblumenöl (73 %).
  • Massiv wachsende Energiepreise können dazu führen, dass über die Nachfrage nach Agrotreibstoffen die Lebensmittelpreise steigen, insbesondere für Pflanzenöle.
  • Russland ist Ursprung von 15 % der globalen Stickstoff-Importe und andernorts wird die energieintensive Düngerherstellung durch den knapperen, teureren Zugang zu Erdgas getroffen. Zudem stammen 17 % des international gehandelten Kalidüngers aus Russland und weitere 16 % aus Belarus. Zu erwarten ist, dass der Preis beider Dünger deutlich steigt.

Weltmarktpreise auf historischem Höchststand

Schon vor dem Krieg in der Ukraine bewegten sich die Weltmarkpreise für Lebensmittel auf dem Niveau der Nahrungspreiskrisen von 2007 / 2008 und der Krise von 2010 / 2011, die den arabischen Frühling anheizte. Zwischen Januar 2019 und Januar 2022 stiegen die Preise um rund 45 %. Allein seit Januar 2021 betrug der Anstieg 20 %. Bisher vermuteten Forscher des IFPRI, dass der Preisanstieg nur eine vorübergehende Folge von Logistikproblemen und wirtschaftlichem Aufschwung sein könnte. Noch Anfang Februar war mit Blick auf gute Getreidevorräte und Erntevorhersagen auf Preissenkungen zu hoffen. Der Krieg in der Ukraine macht diese Hoffnung auf einen Preisrückgang für die nahe Zukunft mehr als unwahrscheinlich.

Weizenfeld Ukraine
Weizenanbau in der Ukraine: der Krieg verhindert wichtige Lebensmittelexporte und bedroht die Aussaat in der Ukraine. © Polina Rytova / Unsplash

Ausbreitung der Armut unter COVID-19 treibt den Hunger

Schon vor der russischen Invasion hatte sich im Schatten der COVID-19-Pandemie der Hunger in katastrophalem Ausmaß ausgebreitet. Allein von 2019 auf 2020 war die Zahl der Hungernden laut FAO um 118 Millionen auf bis zu 811 Millionen Menschen angestiegen. Steigende Preise auf den lokalen Märkten verstärkten dabei den Effekt von Einkommensverlusten durch die COVID-19-Pandemie. Die Weltbank schätzt, dass durch die Pandemie 97 Millionen Menschen in extreme Armut geraten sind. Diese Menschen hätten sich auch ohne Preissteigerung nicht mehr genug Nahrung kaufen können, geschweige denn eine gesunde Ernährung – diese kostete bereits vor den Preissteigerungen mehr als das doppelte des durch die internationale Armutsgrenze festgelegten Wert von 1,90 US-Dollar pro Tag. Ein angemessenes Echo auf diese Katastrophe blieb aus – waren wir in den reichen Staaten bisher zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um für eine angemessene Lösung zu kämpfen?

Dem Globalen Süden fehlt finanzieller Spielraum

Vielen Staaten, die von der Ausbreitung der Armut besonders betroffen sind, fehlt durch die Pandemie noch mehr als sonst der finanzielle Spielraum, um einzugreifen. Diese Staaten mussten in der Krise viel ausgeben und gleichzeitig leiden sie unter fehlenden Einnahmen aus Export oder Tourismus. Die Aufnahme von Schulden in der Krise und die schlechte wirtschaftliche Lage nährt zudem die Sorge, die Staaten könnten ihre Schulden nicht zurückzahlen. Somit steigen die Kosten zusätzlicher Kredite. Fehlende Fremdwährung (vor allem in US-Dollar) und der drohende Wertverfall der lokalen Währungen gefährden die Möglichkeit, Lebensmittelimporte bezahlen zu können.

IPC Karte Ernährungsunsicherheit 2022
Seit 2020 haben sich Hungerkrisen massiv ausgebreitet: die orange bis dunkelrot gefärbten Regionen zeigen Gebiete, in denen große Bevölkerungsanteile akut von Hunger bedroht sind; aber auch in anderen Teilen der Welt können große Teile der Bevölkerung sich keine ausreichende Versorgung mit dem Nötigsten leisten. (© IPC / FAO)

Wie auf die Krise reagieren?

Das Recht auf Nahrung braucht nun Vorrang vor anderen, vor allem wirtschaftlichen, Interessen. Dazu scheinen einige Punkte aus jetziger Sicht geeignet:

  • Die Reaktion auf die bereits vor dem Krieg bestehende Krise muss international koordiniert werden. Der Welternährungsrat (CFS) in Rom wurde genau dafür eingerichtet und nach der Nahrungspreiskrise im Jahr 2009 reformiert. Vertreter der Staaten verhandeln dort regelmäßig, wie die weltweite Ernährungssicherheit erreicht werden soll. UN-Organisationen, Wissenschaft, Wirtschaft, aber auch Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Gruppen (Städtische Arme, Bäuerinnen, Fischer*innen, indigene Gruppen, u.v.m.) können sich in einem geordneten Verfahren Gehör verschaffen. Bisher blockierten einzelne Staaten jedoch eine Verhandlung zur COVID-19-Krise. Deutschland und andere Staaten müssen sich jetzt klar gegen solche Blockaden und für eine Sondersitzung einsetzen.
  • Sanktionen – so wichtig sie sein mögen – dürfen nicht den Handel mit Lebensmitteln und die Nahrungsproduktion betreffen. Dies gilt vor allem für den Ausschluss aus SWIFT und die Seefracht. Hier müssen Mechanismen für Zahlung und Transport offengehalten werden.
  • Food First! Höhere Energiepreise dürfen nicht zur vermehrten Nutzung von Lebensmitteln als Energieträger dienen. Der Verbrauch und Anbau von Futtermitteln muss reduziert werden, um mehr für den direkten menschlichen Konsum zur Verfügung zu haben. Die in Deutschland bereits geplante Reduzierung der Tierbestände sollte daher nun schnell umgesetzt werden. Dabei ist klar: Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Den betroffenen Bäuerinnen und Bauern gebührt bei nun steigenden Kosten für diesen Wandel noch stärker unsere solidarische Unterstützung.
  • International braucht die humanitäre und langfristige Hilfe gegen den Hunger nun noch mehr Finanzmittel als zuvor. Die Menschen, die unter bestehenden Hungerkrisen leiden, dürfen nicht für die russische Invasion bestraft werden. Mittel für Hilfe in Osteuropa müssen zusätzlich sein und dürfen nicht aus Mitteln für andere Weltregionen umgeschichtet werden.
  • Den armgemachten Menschen weltweit muss auch außerhalb von internationalen Hilfslieferungen der Zugang zu Lebensmitteln ermöglicht werden. Der beste Weg dazu muss in den lokalen Kontexten mit den von Hunger betroffenen gesucht werden. Neben dem Ausbau existierender Programme (z.B. für Schulspeisungen) können kleine, günstig zu implementierende Direktzahlungen eine Option darstellen, wie sie die Nobelpreisträger Esther Duflo und Abherjit Banerjee vorschlagen.
  • International müssen Kontrollen gegen die Spekulation mit Lebensmitteln umgesetzt werden. Beispielweise in den USA wurden solche Regulierungen über die letzten Jahre gerade erst zurückgenommen, wie Forscher der Uni Bonn anmerken.

Wie sollte nicht reagiert werden?

Wir dürfen das Essen nicht vom Tisch der Hungernden wegkaufen. Die Unterstützung des Verbrauchs von Futtermitteln und Dünger in reichen Ländern vergrößert andernorts die Knappheit. Mit Blick auf Futtermittel, Dünger und Energieverbrauch sollten jetzt vielmehr die Anstrengungen zu einer gezielten Reduktion des Verbrauchs unterstützt werden. Das ist nicht nur für die Welternährung sinnvoll. Gerade mit Blick auf den neuen IPCC-Bericht sind solche Reduzierungen auch im Kampf gegen die Klimakatastrophe nötig, denn die intensive Tierhaltung und die energieintensive Herstellung von Stickstoffdünger heizen das Klima zusätzlich an. Ebenso wenig sinnvoll ist es, die Reduzierung des Pestizideinsatzes mit Verweis auf potentiell höhere Ernten aufzuschieben. Die Schäden des hohen Pestizideinsatzes für unsere Umwelt, und besonders im Globalen Süden auch für menschliches Leben, bleiben inakzeptabel. Der (teilweise) Verzicht auf tierische Produkte und die Umstellung bestimmter Konsumgewohnheiten mag schwerfallen, ist aber im Vergleich das kleinere Übel und der geringere Preis für eine bessere Ernährungssicherheit.

Resiliente Ernährungssysteme fördern

Langfristig müssen gerade ärmere Länder die Gefahr internationaler Schocks für die lokale Versorgung reduzieren. Dazu gehört die verbesserte Produktion vor Ort, die verringerte Nutzung importierter Dünger und angepasste, vielfältige Anbausysteme, die weniger empfindlich auf (Klima-)Schocks reagieren. Zusammengefasst unter dem Begriff Agrarökologie helfen MISEREOR-Partnerorganisationen Menschen in vielen Ländern, solche Systeme aufzubauen. Die Fastenzeit lädt uns ein zu Umkehr, zum Blick auf die Armgemachten, zum Teilen. Diese Fokussierung des Blicks auf das, was wirklich zählt, ist gerade jetzt auch in der Politik zentral: Die Hungernden können nicht warten!

Geschrieben von:

Dr. Lutz Depenbusch ist Referent für Landwirtschaft und Ernährung bei MISEREOR.

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