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Kongo: Militarisierung bringt keinen Frieden

Während Deutschland in der „Zeitenwende“ massiv in Aufrüstung investiert, setzt der Kongo auf den Papstbesuch im Juli als Segensbringer – nicht nur für den krisengeschüttelten Osten des Landes, sondern für die ganze Nation.

Kongo Selbsthilfe Spargruppen
In selbstorganisierten Spargruppen können Frauen im Kongo ihr Überleben und das ihrer Kinder sichern. © CDJP Goma

Radio Okapi aus Kinshasa meldet weitere Angriffe durch die „M23“, eine der vielen Milizen, nördlich von Beni, die auch über schwere Waffen verfügen sollen. Meldungen wie diese gibt es täglich im Kongo. Und die Regierung? Ausgesetzt. Seit fast einem Jahr herrscht Kriegsrecht in den Provinzen Nordkivu und Ituri, um gegen die unzähligen Milizen vorzugehen. Militärs verfügen Ausgangssperren und Versammlungsverbote. Und das Leben der Menschen geht weiter, irgendwie. Wie es immer weiterging, in den rund 30 Jahren chronischer Krise.

Fünf Millionen Vertriebene

Dass Militarisierung allein keinen Frieden bringt, zeigen zu viele Kriegsschauplätze dieser Welt. Der Ostkongo ist dafür ein erschütterndes Beispiel. Der UN-Friedensmission MONUSCO (Mission de l’Organisation des Nations Unies en République Démocratique du Congo), einer der teuersten UN-Friedenseinsätze, gelingt es seit rund 30 Jahren nicht, den von regionalen und auch internationalen Interessen geleiteten Konflikt in der rohstoffreichen Region beizulegen. Die Zahl der durch die Auseinandersetzungen mehrfach Vertriebenen wird auf über 5 Millionen Menschen geschätzt. Und nun kommt noch das seit Mai letzten Jahres per Dekret verhängte Kriegsrecht hinzu. Die anfängliche Hoffnung ist Ernüchterung gewichen. Die Situation ist schlimmer als je zuvor.

Überlebenskunst an jeder Ecke

Es war im Mai 2021, als der Vulkan Nyaragongo einen Teil der Millionenstadt Goma unter einem glühenden Lavastrom begrub. Der grauschwarze Lavastein dient nun als Baumaterial für hastig gebaute Häuser, Geländemarkierungen und Pistenbelag. Das zeichnet ein düsteres Stadtbild – mit allerorts informellen Märkten, Gemüsefeldern und Überlebenskunst an jeder Ecke. Tausende harren weiter ohne jede Unterstützung aus. Ihre Wohnungen zerstört, die Rückkehr in ihre Siedlungen hat die Regierung verboten mit der Begründung eines zu hohen Risikos bei erneuter Vulkanaktivität – allerdings ohne den Menschen eine Alternative zu ermöglichen.

Kongo Vertriebene
Notdürftige Unterkunft in Zelten: die Zahl der durch die Auseinandersetzungen mehrfach Vertriebenen im Kongo wird auf über 5 Millionen Menschen geschätzt. © CDJP Goma

Erfolg für selbstorganisierte Spargruppen

Einige von ihnen besuchen wir mit der diözesanen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (CDJP) an einem regnerisch-kühlen Morgen. Frauen, die durch selbstorganisierte Spargruppen zumindest wieder ihr Überleben und das ihrer Kinder sichern können, anstatt betteln zu gehen. Es sind ältere und jüngere alleinstehende Frauen mit kleinen Kindern. Viele sind unfallversehrt, eine Folge der panikartigen Flucht vor der glühenden Lava. Die Zukunft der Kinder ist ebenso ungewiss wie ihre, denn seit nun mehr einem Jahr gibt es keinen Schulunterricht für die Kinder und ob die Frauen je einen Bauplatz, geschweige denn Mittel für ein Heim bekommen können, ist fraglich. Und trotzdem sind sie dankbar. Viviane berichtet, dass sie bereits einen kleinen Gewinn mit der Kartoffelernte ihrer Gemeinschafsfelder erwirtschaftet haben, der ihr Hoffnung gibt.

Privatisierung des Trinkwassers

Die Welt schaut weg – und der Staat ist beinahe nur präsent durch Profitgier und Behördenwillkür. Zum Beispiel im Trinkwasserbereich. Die Regierung schafft es seit Jahrzehnten nicht, die Trinkwasserversorgung sicherzustellen. Statt nun Eigeninitiative zu ermöglichen, wird auf Privatisierung gesetzt. Unternehmen liefern im Staatsauftrag in Akutfällen teures Trinkwasser in Kanistern. Die Firmen und die Behörden verdienen gut daran. Nur Wenige können sich das leisten und greifen wie ein Gutteil der Bevölkerung auf Regenwasser zurück, das infolge des Vulkanausbruchs eine Gefahr für die Gesundheit ist, wie Faustin, Mitarbeiter der CDJP, erklärt.

Wir besuchen eine weitere Gruppe, die sich auf den Spartag vorbereitet. Zum Abschluss erhebt sich eine Frau. Tiefe und feine Lebenslinien prägen ihr ausdrucksstarkes Gesicht mit der hohen Stirn. Sie trägt einen ehemals rotbunten Pagne und eine grau zerschlissene Strickjacke. Zunächst leise, dann mit immer kräftigerer Stimme spricht sie ein Gebet, dessen Worte ich nicht verstehe, das mich aber im Herzen tief bewegt. Prinzip Hoffnung.

Hoffen gibt Halt

Die CDJP der Ortskirche gibt hier einen kleinen Anschub, solidarisch und konkret. Handelnde sind die Frauen, die in ihrem Leben dadurch wieder eine Perspektive für sich und ihre Kinder finden. Das ist auch einmal mehr von Bedeutung, zumal „Erweckungskirchen“ einen immer größeren Zulauf erfahren. Beten als Betäubungsmittel – ein Gebet, für das sich Kardinal Ambongo der Erzdiözese Kinshasa schämt, weil es Nichthandeln, Gehorsam und Unvermögen der Regierung legitimiert.

Kongo Verletzungen Vulkanausbruch
Alleinstehende Frauen, die an Gehbinderungen leiden – eine Folge der panikartigen Flucht vor der glühenden Lava. © CDJP Goma

Der Papst als Friedensbringer

Der Papst „wird es richten“. Bis zu seinem Besuch Anfang Juli 2022 wird es ruhig bleiben, so die Prognose der CDJP und anderer Aktivist*innen. Die Kirchen und Regierungskommissionen stehen in der Vorbereitung zusammen, um die Mammutaufgabe zu bewerkstelligen, die erwarteten 1,5 Millionen Gläubigen in Goma willkommen zu heißen. Vor der Sorge um Sicherheit noch die viel größere Schwierigkeit: Es gibt keine Wasserversorgung in Goma. Das verschleppte Problem ist nun eine ernste Sache. Papst Franziskus kommt für Frieden. Er wird Überlebende treffen, die Schreckliches erlebt haben. Er wird ihnen zuhören, ihnen einen Moment menschliche Zuflucht schenken. Er wird eine Messe mit über einer Million Gläubigen feiern und dann noch am selben Abend zurück in die Hauptstadt fliegen. Das Prinzip Hoffnung: eine Zeitenwende jenseits von Waffen für den Kongo.

Geschrieben von:

Astrid Meyer ist Regionalreferentin mit dem Schwerpunkt DR Kongo bei MISEREOR.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das hast Du seh treffend und gut geschrieben, könntest auch als Journalisten arbeiten.
    Aber so lange die Korruption in Afrika nicht besiegt, oder abgenommen hat wird sich dort, so befürchte ich nicht viel ändern. Zumal einige Nationen es auch nicht wollen, weil auch sie davon profitieren.
    Da kann auch der Papst nich viel helfen .

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