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Was macht eigentlich ein Transformationsdesigner?

Georg Krekeler ist langjähriger Berater von MISEREOR in Lateinamerika. Seit Jahren ist es einer seiner Schwerpunkte, die sozial-ökologische Transformation mit vielen Beispielen sicht- und greifbar zu machen. Dabei entstand unter anderem ein sogenannter Zukunftsalmanach mit dem Titel „Jenseits von morgen“. Dieser beinhaltet zahlreiche Geschichten des Gelingens aus der Projektarbeit – unter anderem von MISEREOR. Krekeler tüftelt intensiv an Konzepten und nennt sich daher auch Transformationsdesigner. Im Gespräch gibt er näheren Einblick in seine Arbeit.

Geschichten des Gelingens aus der Projektarbeit: Urban Gardening auf dem Dach des Büros des Klimaaktionsnetzwerks in Lima / Peru. © Georg Krekeler

Wie wird man zum Transformationsdesigner?

Georg Krekeler: Der Weg dorthin ist wie ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Hin- und hergerissen zwischen Frustration auf der einen und Neugierde auf der anderen Seite. In meinem konkreten Fall war meine beruflich-intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung mit dem Klimawandel ausschlaggebend für die Frustdominanz in meinem Inneren. Und da ich als Mensch doch recht harmoniebedürftig bin und irgendwie doch immer nach Licht am Ende des Tunnels suche, sagte ich mir, dass die Menschheit dazu im Stande ist, aus eigener Kraft eine freundlichere Zukunftsgestaltung auf die Reihe zu bekommen.

Um bei der Begrifflichkeit – die Rede ist von Transformation – etwas genauer zu werden, und ausgehend von der Tatsache, dass eigentlich immer Transformationen stattgefunden haben und weiterhin stattfinden, ist es notwendig, die Transformation als Bewegung oder Veränderung zu verstehen. Dabei sollte eine entsprechende Richtungsvorgabe als Unterscheidungsmerkmal ausgesprochen werden, um im „Getümmel“ diejenigen Transformationen zu identifizieren, um die es bei der sozial-ökologischen Transformation – kurz söT – geht. Interessant und gleichzeitig wichtig zu erwähnen ist, dass der Begriff der sozial-ökologischen Transformation in Deutschland ein Muss ist. Dagegen ist er in anderen deutschsprachigen Regionen wie zum Beispiel der Schweiz viel weniger gängig.

„Zukunft mit Zukunft“

In meinem Weltbild steht als Leitziel der angestrebten Transformationen die Zukunftsfähigkeit: Gern auch Enkeltauglichkeit, oder eine ‚Zukunft mit Zukunft‘, oder eben Zukunft mit und für alle. Wenn ich dies als Messlatte oder Unterscheidungskriterium anlege, trennt sich die Spreu ganz schnell vom Korn. Es sind einfach zu wenige Transformationen, die aus meiner Warte in die richtige Richtung zeigen oder gar das Ziel ‚Zukunft mit Zukunft‘ ansatzweise erreichen.

Eine mich ständig beschäftigende Frage ist, was ich dazu beitragen kann, um solche söTs zu entfachen, zu motivieren, stattfindende und originelle söTs als Augenöffner oder Motivationskatalysator anderen zugänglich zu machen. Die hierbei von mir zugrunde gelegte Hypothese ist, dass jede einzelne Person dazu in der Lage ist – wenn sie sich denn ihrer eigenen Gestaltungskraft bewusst und weiterhin willens ist, neue Realitäten entstehen zu lassen. Nicht nur das eigene Narrativ in diese Richtung hin zu trimmen, sondern damit beginnt, konkrete tägliche Routinen zu verändern, indem schrittweise eine größere Kohärenz zwischen der konkreten Lebenspraxis einerseits und den Überzeugungen und Prinizpien der Person erreicht wird.

Als Transformationsdesigner zum weiten Feld der söT unterstütze ich Menschen als Individuen, aber auch in der Gruppe dabei, gangbare Transformationsschritte zu identifizieren, gedanklich durchzuspielen, bestimmte Paradigmen zu hinterfragen und ggf. mit möglichem Transformationspotential anzureichern, vor allem aber die Diskurslastigkeit überwinden zu helfen und zur Tat zu schreiten.

Was macht man genau als ein solcher Designer?

Krekeler: Es geht um die Bereitstellung von Information, die die Notwendigkeit offensichtlich macht, dass es kein ‚Weiter So‘ geben kann, will man denn eine global-planetarische Zukunftstauglichkeit erreichen. Hierbei sollte man keine Zeit mit ‚hoffnungslosen Fällen‘ verlieren, die weiterhin daran festhalten, dass alles so weitergehen kann und man seine Komfortzone nicht zu verlassen braucht, und wenn dies doch der Fall sein sollte, dass dann eigentlich immer die Anderen schuld sind.

„Der Mainstream geht scheinbar unbeirrbar weiter – und zwar in die falsche Richtung.“ © Ehimetalor Akhere Unuabona / Unsplash

Good News – Geschichten des Gelingens

Die Menschen, die in ihrem Innersten seit geraumer Zeit spüren, das es so nicht weitergehen kann, aber in teils fatalistischer Weise glauben, dass man als Einzelne*r „sowieso“ nichts ändern kann – ich gehe mittlerweile davon aus, dass es die Mehrheit ist – können durch Good News in Richtung der Denkweise ‚Ja, es kann anders laufen, und ja, ich kann auch im Kleinen ganz konkret in meinem Leben und meinem unmittelbaren Umfeld anfangen, etwas beizutragen‘ gut erreicht werden.

Die Informationen und auch Positivbeispiele, wenn sie denn verortbar sind für die Menschen in ihrem eigenen Leben, können etwas an ihrem Motivationshemmnis verändern. Neben der Motivationsarbeit geht es auch um konkrete Hilfestellungen, um Stellhebel für konkrete söTs im jeweiligen Leben zu identifizieren (verantwortungsvoller und partnerschaftlicher Konsum, Wirtschaften rund um das Gemeinwohl usw.) in Form von Zukunftslaboren oder Ideenbrutkästen oder planerischer schrittweiser Annäherung an utopiebehaftete Zukunftsszenarien. Der Bogen kann weit gespannt werden. Und Kreativität ist willkommen. Holismus, Spiritualität, Social Presencing … es gibt ohne Zweifel viele Wege, die zur söT führen.  

Alles Große beginnt im Kleinen

Zwei Dinge sind meiner Erfahrung nach fundamental: einerseits Bescheidenheit (small is beautiful) und andererseits Co-Existenz. Vielen von uns ist, da wir in einer Zeit und Kultur des ‚höher, weiter, größer‘ leben, die Gewissheit abhandengekommen, dass alles Große, wenn überhaupt, dann im Kleinen zu existieren beginnt. In anderen Worten geht es darum, die Menschen zu ermutigen, in Sachen söT mit kleinen Schritten zu beginnen, da sie sonst wahrscheinlich überhaupt nicht beginnen. Bei der Co-Existenz handelt es sich um eine wirkliche Herausforderung; die Bemühung um größere Kohärenz zwischen Überzeugungen, Prinzipien und Werten einerseits und dem eigenen Leben mit seiner Praxis und seinem Alltag ist eine große Herausforderung. Nimmt man diese Herausforderung an, steht man am Beginn der eigenen söT-Story.

Wachstumsgeilheit vs. Gemeinwohlorientierung

Sehr schnell kommen dann viele von uns an einen Punkt, an dem man sich fragt, ob die eigene, nun gestartete Transformation überhaupt Sinn macht, da der Mainstream scheinbar unbeirrbar weitergeht und zwar in die falsche Richtung oder das man zum Beispiel mit einer Gemeinwohlökonomiekultur beim täglichen Wirtschaften wegen Akkumulation, Gewinnorientierung und Wachstumsgeilheit nur baden gehen kann, es sei denn, man akzeptiert – vorübergehend und bis sehr langfristig – zwei Wahrheiten, indem man mit denjenigen, die sich auch der Gemeinwohlökonomie verschrieben haben, anders transaktionell kommuniziert als beim Bäcker oder im Discounter.

Gerade die Bereitschaft, die Koexistenz in Form dieser Parallelwelten oder -logiken zunächst als Begleiterscheinung und als Charakteristikum der söT zu verstehen, macht den entscheidenden Unterschied zu radikaleren Veränderungen in Form von Umbrüchen, eruptiven oder revolutionären Brüchen. 

Du erzählst seit mehreren Jahren in Deinem Zukunftsalmanach Geschichten des Gelingens aus Lateinamerika. Was hat Dir dabei besonders Mut gemacht?

Krekeler: Das Mit-Erleben von Veränderung, hervorgerufen durch das Handeln von Menschen, die auf den ersten Blick wohl wenig gegen den Mainstream auszurichten im Stand schienen, es aber dennoch getan und geschafft haben, Paradigmen auszuwechseln oder zumindest ordentlich ins Taumeln zu bringen.

Wenngleich der Spielraum, den sehr viele Menschen in sozio-ökonomischer Hinsicht im globalen Süden und damit auch in Lateinamerika besitzen, deutlich geringer ist als im globalen Norden, scheinen die Menschen im Süden wegen der historisch wenig stabilen und vorhersehbaren Situationen ein ausgeprägtes Improvisationstalent entwickelt zu haben, welches als ein unermüdlicher Motor wirkt, auch in Sachen söT.

„Alternative Entwicklungsverständnisse wie z. B. Buen Vivir sollten nicht an der ökonomisch-kulturellen Dominanz oder gar Arroganz des globalen Nordens scheitern.“ © Kamiel Choi / Pixabay

Alternative Lebensentwürfe

Im Rahmen von söT-Prozessen, die volle Fahrt aufgenommen haben, kann man immer wieder feststellen, dass nicht alles, was anders ist oder wird, unbedingt neu ist, sondern oft ein Zusammenwirken von im Rahmen des konventionellen Entwicklungsverständnisses bereits als überholt Geglaubtem mit Neuem. Dem stark am westlichen Weltbild orientierten Zivilisationsverständnis werden auf diese Weise teils Kosmovisionen und Lebensphilosophien als Gegengewichte und Alternativen entgegengestellt, auch wenn die Verortung dieser alternativen Entwicklungsverständnisse, z. B. Buen Vivir, das gute Leben,  an der ökonomisch-kulturellen Dominanz bis hin zur Arroganz des Nordens bzw. Westens meist gänzlich scheitert.         

Kann Transformationsdesign der entscheidende Impuls für Politik und Gesellschaft sein oder werden, um Wege in eine nachhaltige und zukunftsfeste Welt zu finden?

Krekeler: Es wird entscheidend davon abhängen, inwieweit Politik sich bei den ‚angestammten Pfaden‘ neu orientiert und zu neuen Pfaden aufbricht – bisher muss davon eher ausgegangen werden, dass es Teile der Gesellschaft sind und zukünftig noch stärker sein werden, die eine kritische Masse bilden und somit schrittweise für eine Umorientierung der Politik sorgen werden. Bewegungen wie Extinction Rebellion gehen davon aus, dass es gar keine solch große kritische – dafür aber konsequente, um nicht zu sagen radikale – Masse braucht, um die Politik zur Neujustierung zu bringen.

Ich glaube, dass man das Design der söT nicht überbewerten sollte und stattdessen genau hinschauen muss, wo sich kritische Masse bemerkbar macht und zu neuen Kräfteverhältnissen beiträgt und dadurch etwas in Bewegung setzen kann. Früher oder später wird die Politik auf Transformation setzen, wahrscheinlich ist es dann aber einerseits keine wirkliche Überzeugungsentscheidung als eher die übrigbleibende Option. Dies bedeutet auch, dass es dann sicherlich zu spät ist für eine wirklich andere zukunftstaugliche Option.

Local statt Global Players

Bei meiner ständigen Suche nach Licht am Horizont – oder eben am Ende der Röhre – setze ich verstärkt auf local statt global players – beim Thema Klimakrise/-notstand haben, wenn überhaupt, lokale Regierungen, allen voran die in vielen Megastädten, etwas an den Start gebracht, wenn es auch stärker um Resilienz, also eine gewisse Abfederung der Krise, aber auch deren Prävention, geht. Weiter oben in der Hierarchie findet man nur zahnlose Lippenbekenntnisse. In anderen Worten setze ich auf die kritische Masse der Gesellschaft im Schulterschluss zu Lokalregierungen, die es tatsächlich schaffen, sich zu neuen Paradigmen hinzutransformieren.

Die nationalen und internationalen Agenden sind und bleiben wohl auch weiterhin vorerst Spielball von Interessen, Geostrategie und Hegemonien, wo die wirklich dringlichen Probleme dann doch fast gänzlich in die zweite Reihe zurückweichen müssen.

Wie sollte die sozial-ökologische Transformation Deiner Meinung nach global ablaufen?

Krekeler: Die söT im Süden mag in vielleicht anderen Bereichen beginnen als dies im Norden der Fall ist. Tatsache ist, dass sie möglichst jetzt und auch überall beginnen muss bzw. mehr Menschen in ihren Bann zu ziehen schafft, weil wir als Menschheit auf dem besten Weg sind, dem einizigsten für den Menschen verfügbaren Habitat der Erde derart zuzusetzen, dass eben dieses Habitat, unser Planet, damit begonnen hat, uns anzuzählen. Und dennoch scheinen es einige von uns, leider Gottes darunter die Einflussreichsten aus Finanzwelt, Wirtschaft und teils Politik, weiterhin zu ignorieren, dass wir die Basis für menschliches Leben auf diesem Planeten schon seit sehr langer Zeit systematisch zerstören.

Georg Krekeler ist langjähriger Berater von MISEREOR in Lateinamerika. Mithilfe eines Zukunftsalmanachs, der zahlreiche Beispiele aus der Praxis enthält, möchte der Transformationsdesigner die sozial-ökologische Transformation sicht- und greifbar machen. © Krekeler

Etwas ganz Wichtiges ist, die Kommunikation und hier vor allem die unterschiedlichen Ausgangssituationen, aber auch Stellhebel und Aufgaben zu verbessern bzw. gemeinsam zu denken; dies passiert bisher erstaunlicherweise kaum. Im Norden ist immer öfter die Rede von Degrowth und Postwachstum; dieser Ansatz erlaubt beispielsweise keine Übertragung im Verhältnis eins zu eins in den globalen Süden; zu schnell werden teils berechtigte Stimmen laut, die ein Recht auf Wachstum im Namen der Entwicklung einfordern für den Süden.

An diesem Beispiel kann aufgezeigt werden, dass ein Äquivalent zu Degrowth im Norden der Postextraktivismus im Süden sein kann. Aber selbst hier ist noch darauf zu achten, dass der Norden seiner Mitverantwortung gegenüber der extraktivistischen Ausrichtung der Volkswirtschaften im Süden gerecht werden muss: begonnen in der Kolonialzeit sind Extraktive Industrien die Nische für die allermeisten Länder des Südens, um am Welthandel teilzuhaben, wenn auch wie üblich zu sehr ungleichen Bedingungen. Würden wir das Übel beim Schopfe packen wollen, welches uns den ganzen Schlamassel erst eingebrockt hat, dann kämen wir gar nicht umhin, als uns um ein ganz neues Entwicklungsverständnis zu bemühen, bei dem statt ständigem Wachstum die Endlichkeit sowie die Regeneration des Planeten, der Ökosysteme usw. und der Sättigung der tatsächlichen Bedürfnisse der Menschheit als Teil der Natur und allen Lebens einzig und allein zählen müssten. Da wir hiervon jedoch sehr weit entfernt sind und deshalb die Rahmenbedingungen sowohl für den Süden als auch den Norden zunächst unverändert bleiben, werden die bestehenden Stellhebel in Süd und Nord in Sachen SÖT andere sein.

Das Interview führte Ralph Allgaier.


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Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Menschen wie diese inspirieren mich wirklich jeden Tag.

    Ich wünschte nur, die Menschen wären vernünftiger und würden den Experten (die ein Thema jahrzehntelang studieren) mehr vertrauen.

    Der Film “ Dont look up“ fasst das wirklich sehr gut zusammen… Es ist ein harter Kampf, aber einer, den man nicht aufgeben darf.

  2. Kleine Schritte führen auch zum Ziel. Das sollte man sich immer vor Augen halte.

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