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Krasser geht es kaum

Eigentlich hatte ich gedacht, es könne mich nichts mehr schocken. Ich habe nach dem Genozid in Ruanda und Kongo Mitte der 90er Jahre einige der dortigen Flüchtlingslager besucht. Ich habe mir ein Bild von Notunterkünften auf einem Fußballfeld nach dem Erdbeben auf Haiti gemacht. Ich sah ein Massengrab, das nach dem Tsunami in Nagapattinam im Südosten Indiens entstanden war.

Minister Niebel trifft Father John Webootsa, einen langjährigen Partner von MISEREOR, der als Leiter der St. Johns-Gemeinde mitten im Korogocho-Slum lebt. © Allgaier/MISEREOR

Minister Niebel trifft Father John Webootsa, einen langjährigen Partner von MISEREOR, der als Leiter der St. Johns-Gemeinde mitten im Korogocho-Slum lebt. © Allgaier/MISEREOR

Aber jetzt lassen mich die Bilder aus Korogocho nicht mehr los. Mit einer Delegation um Bundesminister Dirk Niebel bin ich kürzlich durch diesen Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi gegangen, wo etwa 150.000 Personen auf engsten Raum zusammenleben. Und es war wirklich erschütternd. Wie die Menschen dort in aus dürren, rohen Ästen, Lehm und Blech zusammengezimmerten Hütten leben müssen. Wie sie versuchen, auf den staubig-steinigen Wegen mit dem Verkauf von Gegenständen, die wir in Deutschland schlicht als ekligen Müll bezeichnen würden, Cent-Beträge zu verdienen, um wenigstens das existenziell Allernötigste zu finanzieren. Über diesem Viertel hängt ein schwer erträglicher Dunst, der nach Fäkalien, Vergorenem und Qualm riecht.

Welche Zukunft haben diese Kinder, die in diesem Elends-Moloch groß werden? © Allgaier/MISEREOR

Welche Zukunft haben diese Kinder, die in diesem Elends-Moloch großwerden? © Allgaier/MISEREOR

Es ist erstaunlich, wie schnell sich in Nairobi die Szenerie verändern kann. Gerade noch waren wir an glitzernden Hochhäusern und herrlichen Parkanlagen vorbeigefahren, als fast schlagartig ein Riesengewimmel an Menschen beginnt und

die Straße immer enger und rumpeliger wird. Ich sehe unzählige Kinder, die uns lächelnd bestürmen und das Gespräch suchen, und ich frage mich, welche Zukunft diese Menschen haben werden, die in diesem Elends-Moloch groß werden. Das macht einfach nur traurig.

Minister Niebel trifft Father John Webootsa, einen langjährigen Partner von MISEREOR, der als Leiter der St. Johns-Gemeinde mitten im Korogocho-Slum lebt und sich seit Jahren für die dortigen Armen engagiert. Dieser Mann strahlt eine ungeheure Kraft aus; ein wahrer Hoffnungsträger in einem Umfeld, wo man nach Positivem wirklich lange suchen muss. Hinter dem Gemeindezentrum zeigt er uns die gigantische Müllkippe, die seit Jahrzehnten den gesamten Unrat Nairobis aufnimmt, und auf der Tausende Menschen täglich nach Verwertbarem suchen, um ihr Überleben zu sichern. Wir treffen Leute, die aus dem dort gesammelten Papier und anderen Zutaten eine Art Brikett herstellen, das sie anschließend verkaufen.

Father John Webootsa zeigt Minister Dirk Niebel die gigantische Müllkippe, auf der Menschen nach Verwertbarem suchen. © Allgaier/MISEREOR

Father John Webootsa zeigt Minister Dirk Niebel die gigantische Müllkippe, auf der Menschen nach Verwertbarem suchen. © Allgaier/MISEREOR

Der Minister ist sichtlich bewegt von dem, was er sieht; erst recht, als er später in einer Hütte des Slums einigen jungen Leuten begegnet, die aus den  Abfällen anderer, unter anderem alten Autoreifen, erstaunlich schöne Schuhe produzieren.  Man kann sie nur bewundern, mit welchem Überlebenswillen sie ihren Alltag meistern und  sogar ganz zufrieden dabei aussehen.

Mit den krassen sozialen Gegensätzen in Nairobi, aber auch in ganz Kenia,  komme ich nicht klar. Während es den Bürgern von Korogocho fast an allem fehlt, sitzen die Privilegierten der Stadt in bestens bewachten Villen und Nobelrestaurants. Während ausländische Touristen nach einer Safaritour sich im herrlichen Hotel-Park sonnen, kämpfen ein paar Kilometer weiter die Bewohner eines stark heruntergekommenen Dorfes darum, sich einigermaßen ausreichend ernähren zu können. Und es ist frustrierend, dass man auch nach Reisen in anderen Armutsregionen der Welt zu einem ähnlichen Befund kommt.

Lesen Sie dazu auch „Gefräßige Barsche und ein bisschen Hoffnung“ :

Auf den ersten Blick sieht es am Viktoriasee aus wie am Meer. Eine herrliche Oase mitten in Afrika. In Kisumu, einer kenianischen Stadt am Rande des riesigen Wasserreservoirs, blicken die Einheimischen nicht ohne Sorge auf den zweitgrößten Süßwassersee der Welt….

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ralph Allgaier

    Lieber Eckhard,
    vielen Dank für Deine schnelle Reaktion. Schön, dass Du meinen Blog liest. Und Du hast mit Deinen Anmerkungen natürlich einen wichtigen Aspekt angesprochen, der zum Hintergrund vieler Armutssituationen dieser Welt genannt werden muss. Ich habe auch in Argentinien und Paraguay erfahren, welche extremen Auswirkungen durch Korruption gerade die Armen zu spüren bekommen. Und mich erfasste ein Gefühl der Hilflosigkeit, weil die Strukturen von Korruption und Selbstbedienungsmentalität überaus schwer zu finden und noch schwerer zu bekämpfen sind. Hierzu müssten sicherlich viel größere Anstrengungen unternommen werden, um dieses Problem zu reduzieren.
    Herzliche Grüße
    Ralph

  2. Ralph Allgaier

    Lieber Martin,
    vielen Dank für Deine schnelle und freundliche Reaktion. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich mit meiner Beschreibung von Korogocho nicht längst sattsam bekannte Platitüden wiederhole. Insofern hat mich Dein Kommentar sehr gefreut.
    Herzliche Grüße

  3. Lieber Ralph,
    Als auch Kenia-Gereister mein Eindruck: Das Schlimme ist ja eigentlich die Korruption im Lande, die Herrschenden versorgen sich und ihre Clans vornehmlich selbst auf’s Beste und keiner von denen hat ein wirkliches Interesse daran, dass Chancen auf Bildung und bessere Lebensbedingungen bei den Armen entstehen.
    Viele Grüße
    Eckhard

  4. Lieber Ralf,

    auch ich habe die „Korogocho-Erfahrung“ gemacht. Während meiner Traineezeit habe ich einige Tage im Slum mit den Comboni-Brüdern der St. John´s Gemeinde gelebt. Auch ich habe weder vorher noch nachher solche Lebensbedingungen gesehen. Ich war in vielen Gegenden, die von Armut geprägt sind, aber immer strahlten die Menschen Zufriedenheit aus und die Kinder lachten mich an. Nicht so im Slum Korogocho. Ich begegnete traurige, leblose Kinderaugen, aus denen die Hoffnungslosigkeit sprach. Diese Erfahrungen haben mich Nachhaltigkeit geprägt und noch immer zeige ich Freunden meine Photos von den Baracken und den dort lebenden Menschen, um auf die Lebensbedingungen aufmerksam zu machen.

    Die St. John´s Gemeinde ist in der Tat eine Oase inmitten dieser tristen Umgebung. Es ist bewundernswert, wie die Verantwortlichen dieses Projekt auf- und ausgebaut haben. Die Bedeutung für die Menschen ist immens und ich hoffe, dass das Projekt auf lange Sicht Hoffnung gibt.

    Beste Grüße aus Lusaka,
    Martin

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