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Unwetterwarnung? Egal!

Hungertuchwallfahrer müssen ziemlich hartgesotten sein. Egal, wie die äußeren Bedingungen auch sein mögen, es wird weitergewandert. Denn die Ankunft an den Orten, wo die nächste Pilgergruppe den Staffelstab  – genauer – das MISEREOR-Hungertuch übernimmt, ist minutiös geplant.  Ebenso wie die Verpflegung und Beherbergung der müden Teilnehmer. Durchbricht man diese Abfolge, gerät der Zeitplan aus dem Ruder und vor allem das rechtzeitige Eintreffen am Eröffnungsort der MISEREOR-Fastenaktion wird dann immer schwieriger.

MISEREOR Hungertuchwallfahrer unterwegs an der deutsch-belgischen GrenzenDiese Gewissheit im Kopf, blieben die Wallfahrer auch dann noch im Plan, als am Donnerstag die Nachricht von einer Unwetterwarnung die Runde machte. Ergiebige Schneefälle in der Eifel wurden prognostiziert, durch die die  wackeren Botschafter der Fastenaktion nach ihrem Start in Neustadt an der Weinstraße und der Tour quer durch Rheinland-Pfalz  nun auf ihrem Weg nach Aachen unterwegs waren. Egal, es sollte auf jeden Fall weitergehen, sagt Alexander Vogt aus Hannover, der die Wallfahrt seit 1992 mit zwei familiär bedingten Ausnahmen stets mitgemacht hat. Und irgendwie hat es Petrus mit den Wandersleuten dann doch gut gemeint. Die große Menge winterlichen Niederschlags traf erst später ein und die Wanderer verlebten einen erfreulichen Tag in malerischer Landschaft.

Eine warme Mahlzeit nach dem lange Marsch tut gut © Radtke/KNA

Eine warme Mahlzeit nach dem lange Marsch tut gut © Radtke/KNA

„Es ist immer wieder erstaunlich, wie wir überall freundlich und großzügig aufgenommen werden“, lächelt Vogt. „Da ergeben sich Gespräche und Begegnungen, die sonst kaum zustande kämen. In den Pfarrgemeinden auf der Strecke legen sich die Menschen mächtig ins Zeug, um die Pilger so warmherzig und offen wie möglich willkommen zu heißen und alles dafür zu tun, dass sie Kräfte sammeln, aber auch interessanten Menschen begegnen können. Das ist umso bemerkenswerter, als manche Zwischenstation buchstäblich zu nachtschlafender Zeit  eingelegt wird. Die Hungertuchwallfahrt macht keine Pause und geht auch noch um drei Uhr in der Früh auf irgendeinem Feldweg weiter.

Miteinander singen und beten, das hat etwas, auch für einen selbst. © Radtke/KNA

Miteinander singen und beten, das hat etwas, auch für einen selbst. © Radtke/KNA

Das kann doch gerade im Winter keinen Spaß machen, mag sich mancher Beobachter am Rande wundern. Doch es ist diese markante Mischung von sozialem Engagement für die Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika, Glaubenserfahrung und innerer Einkehr, die die MISEREOR-Pilger motivieren. „Um 4.30 Uhr miteinander zu beten und zu singen, das hat was – auch für einen selbst“, streicht einer der diesjährigen Teilnehmer die kontemplative und spirituelle Dimension des Rund-um-die-Uhr-unterwegs-seins heraus. Und Vogt ergänzt: „Ich bin beruflich stark eingespannt. Da ist die Hungertuchwallfahrt ein wunderbarer Kontrast, um wieder zu sich selbst zu kommen.“

Nebenbei lernen die Wallfahrer immer wieder ein neues Stück Deutschland kennen © Radtke/KNA

Nebenbei lernen die Wallfahrer immer wieder ein neues Stück Deutschland kennen © Radtke/KNA

Nebenbei lernt man auf jeder Tour wieder ein neues Stück Deutschland kennen. Oder wie dieses Mal auch die spannende Konstellation eines zumindest formal geteilten Dorfes: In Lichtenbusch, einem Stadtteil von Aachen, wandert die Gruppe auch durch jenen Bereich, der zu Belgien gehört, geht über Wiesen und durch Wälder, wo selbst Einheimische oft nicht sicher sind, ob die nun zu Deutschland oder zum Nachbarland gehören. Und immer wieder gibt es kurze spirituelle Impulse, die allen sehr wichtig sind. Wo man sich auch einmal an den Händen festhält oder in den Arm nimmt und ein beeindruckendes Gemeinschaftserlebnis entsteht. Nicht nur in Kirchen, sondern auch in der freien Natur oder wie nahe Lichtenbusch an einer Biogasanlage. Immer gibt es Stoff zum Nachdenken, der auch Querverbindungen zu den Themen knüpft, mit denen sich MISEREOR beschäftigt. Umweltschutz und Energieverbrauch – auch das sind Bereiche, über die zu reden ist, wenn man nach Wegen zu mehr Gerechtigkeit und weniger Hunger in der Welt sucht.

Endlich am Ziel: Ankunft der Hungertuchwallfahrer in St. Foillan in Aachen© Radtke/KNA

Endlich am Ziel: Ankunft der Hungertuchwallfahrer in St. Foillan in Aachen© Radtke/KNA

Zum Wallfahren gehört übrigens auch eine gute Portion Mut. Mut, auf fragende Blicke oder gar Unverständnis zu stoßen. Mut, Aufsehen zu erregen. Gerade dann, wenn man singend und mit dem Hungertuch unterwegs den Verkehr in den Einkaufsstraßen der Aachener Innenstadt aufhält. So mancher Passant wird erst auf diese Weise erstmals von der Fastenaktion erfahren  oder den Namen MISEREOR wahrgenommen haben. Aber die fragenden Blicke bilden eher die Ausnahme. Es überwiegt das Wohlwollen. Vor St. Foillan unterbrechen zwei Straßenmusiker ihr geplantes Programm und intonieren spontan das Lied der ankommenden Pilger: „Lobe den Herrn meine Seele…“ Da haben alle sogleich ein Lächeln auf den Lippen. Und jeder spürt:  Die Anstrengungen des langen Marsches haben sich gelohnt.

Die WDR Lokalzeit hat die Pilger ein Stück begleitet:

Sehen Sie hier Teil 1 und hier Teil 2.

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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