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Meine Mutter!

„Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Schwester Marie Roumy am 14.Februar an den Folgen eines gewaltsamen Übergriffs auf die Einrichtungen des Straßenkinderprojekts „Chaine des Foyers St. Nicodmème“ in Douala in Kamerun gestorben ist“. Eine Dienst–Mail unter vielen in meinem heutigen Postfach.

„Meine Mutter…, meine Mutter…“. Jeder hat ein besonderes Anliegen, das anscheinend nur die gute Mutter Schwester Marie Roumy lösen kann.

„Meine Mutter…, meine Mutter…“. Jeder hat ein besonderes Anliegen, das anscheinend nur die gute Mutter Schwester Marie Roumy lösen kann.

Ich erinnere mich: Es ist der 10 März 2006 und ich habe vor wenigen Tagen meine erste Dienstreise nach Kamerun begonnen. Nun bin ich in Douala, dieser dampfenden Metropole in den Küstensümpfen Südkameruns angekommen und treffe Schwester Marie Roumy.

Die Schwester ist in Douala eine Institution. Sie scheint schon immer da gewesen zu sein und sehr früh hat sie erkannt, dass in den Straßen der rapide wachsenden Metropole Douala, besonders an zentralen Plätzen, sich mehr und mehr Kinder und Jugendliche rumtrieben, die kein Zuhause hatten. Seitdem hat sie vorsichtig die Kontakte zu diesen Kindern aufgebaut, von ihren Sorgen und Nöten erfahren, geholfen, wie sie es mit ihren bescheidenen Mitteln konnte und schließlich 1996 die Organisation Chaîne des Foyers St. Nicodème gegründet.

Inzwischen hat diese Organisation Kontakte zu über 10.000 Kinder gehabt, hat fünf Zentren für die Betreuung dieser Randgruppe in schwieriger sozialer Lage aufgebaut und begleitet solche Kinder und Jugendliche mit eigenen Sozialarbeitern rund um die Uhr auf der Straße.

Nun treffe ich also diese dynamische Frau, zunächst sehe ich aber nur Kinder. Eine Traube von 10-12 Jährigen und erst beim Näherkommen entdecke ich dazwischen die Schwester. Keine 1,60 groß, beachtliche O-Beine und im Alter schwer einzuschätzen, sicher aber steinalt. Die Kinder hüpfen um sie herum. „Meine Mutter…, meine Mutter…“. Jeder hat ein besonderes Anliegen, das anscheinend nur die gute Mutter Schwester Marie Roumy lösen kann. Die Sozialarbeiter der Organisation lächeln. So ist das nun mal, wenn Schwester Roumy auftaucht. Dann spielen sie nur noch zweite Geige und die Kinder kleben an der Schwester.

Meine Gefühle sind zunächst zwiespältig. Ist das nicht ein sehr paternalistischer Ansatz, wie die Schwester da versucht den Kindern persönlich zu helfen. Wie sie ihre eigenen Mitarbeiter, die ja für die Betreuung der Kinder angestellt sind und ihre Erfahrung und Fachkenntnis haben, einfach stehen lässt.

Immer unterwegs um zu helfen.

Immer unterwegs um zu helfen.

Im Laufe des Tages erlebe ich aber, wie ausgeklügelt das Netz der Strukturen und Mitarbeiter zur Betreuung der Straßenkinder ist. Ein Netz, das vor allem auch das Ziel hat, diesen Kindern den Ausstieg aus dem Leben auf der Straße zu ermöglichen. Und ich erkenne auch, dass diese Frau mit ganzem Herzen und körperlichem Einsatz nun mal nur für diese, ihre Straßenkinder lebt. In der Analyse ist sie dabei durchaus nüchtern und erkennt, dass sie es letztlich schaffen muss, dass die Kameruner und hier gerade die Mittel- und Oberschicht und die Regierenden ihre Fürsorgepflicht für diese Kinder und Jugendlichen erkennen. Dann könnte sich ihr Wirken langsam wieder überflüssig machen. Noch aber sind Straßenkinder in der kamerunischen Gesellschaft nicht akzeptiert und werden wegen der Nähe zur Kleinkriminalität eher verfolgt.

Nach einem langen Tag verabschiede ich mich, um viele Einblicke reicher geworden. Man kann diese Frau nur bewundern.

Seitdem habe ich Schwester Roumy alle zwei Jahre besucht, zuletzt im Mai 2012.  Die Organisation ist über die Jahre stark gewachsen und hat auch international viel Anerkennung gewonnen. 2006 hat sie den Dubai International Award für die Verbesserung von Lebensbedingungen gewonnen. Viel ist geleistet worden. Aber die Kosten, die diese große Organisation für die Betreuung von Straßenkindern verursacht, sind zuletzt auch eine große Belastung geworden. Die europäische Krise erreicht manchen wichtigen Geldgeber. Schwester Roumy ist sichtbar noch viel älter geworden, immer wackeliger auf den Beinen. Ihr Arm und ihr Knie sind verbunden, sie ist zuhause gestürzt. Während des Gespräches nickt sie hier und da ein. Aber wenn es um die Kinder geht, dann ist sie wieder hellwach. Finanzielle Sorge? Der Herr wird es richten und beim Verabschieden ist da auch wieder die Traube von Kindern, denen nur Mama Roumy helfen kann. Ihr Ton mit den Kindern ist streng, aber in ihren Augen sehe ich, wie bei unserem ersten Treffen, die Milde und Zuneigung zu diesen wilden Kindern. Jeder wird irgendwie bedacht, wenn auch nur mit ein paar Worten.

Im Mai 2013 wollte ich Schwester Roumy wieder treffen und nun diese Nachricht, von Übergriffen der Bevölkerung auf eines der Heime der Chaîne St. Nicodème, vom Krankenhausaufenthalt der Schwester und schließlich von ihrem Tod. Ich kann es noch nicht glauben und das Bild dieser kleinen, alten Frau mit dieser unfassbaren Energie werde ich nicht vergessen.

Über den Autor: Vincent Neussl arbeitet als Länderreferent in der Afrika-Abteilung von MISEREOR.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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