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Die Gefahr bleibt – Drei Jahre nach der Flutkatastrophe in Pakistan

Beinahe ist das Thema schon wieder in Vergessenheit geraten: 2010 wurde Pakistan von einer Flutwelle unfassbaren Ausmaßes überrollt. Das über große Teile des südasiatischen Landes geströmte Wasser richtete in tausenden Dörfer und Städten gigantische Schäden an. Mehr als 1700 Menschen starben direkt durch die Katastrophe, etwa 20 Millionen Menschen mussten vor den Fluten fliehen und oft all ihr Hab und Gut zurücklassen. Die Überschwemmung vernichtete die Ernte ebenso wie viele tausend Häuser. Zahllose Nutztiere ertranken, auch Fisch- und Geflügelfarmen wurden weggespült.

Der Bau der neuen Häuser wird von den Familien selbst in die Hand genommen und entsteht nach dem Prinzip “Hilfe zur Selbsthilfe” .© Frank Falkenburg

Der Bau neuer Häuser nach der Flutkatatstrophe wird von den Familien selbst in die Hand genommen. Sie entstehen nach dem Prinzip “Hilfe zur Selbsthilfe” . © Frank Falkenburg

Drei Jahre später sind die Linderung der Not und der Wiederaufbau längst nicht abgeschlossen. Und gleichzeitig zieht MISEREOR-Berater Frank Falkenburg ein nüchternes Fazit: „Es kann leider auch weiterhin zu schweren Überschwemmungen kommen.“ Bislang sei es in vielen gefährdeten Bereichen nicht gelungen, den Schutz vor neuen Fluten zu verbessern. Der mangelhafte Zustand großer Entwässerungskanäle und eine ungeplante Siedlungspolitik tragen dazu bei, dass die Überschwemmungen zu einem Teil auch menschengemacht sind. Und aufgrund des durch den Klimawandel verstärkte Abschmelzen von Gletschern des Himalaja-Gebirges könnte das Risiko sogar noch steigen. Dass den leidgeplagten Bürgern des über 180 Millionen Einwohner zählenden Landes kaum eine Atempause bleibt, zeigte die Überschwemmungskatastrophe in der Provinz Sindh, die 2011 von heftigen Monsunregenfällen verursacht wurde. Erneut waren  viele tausend Familien betroffen und wurden zur vorübergehenden Flucht gezwungen. 95 Prozent der dortigen Baumwollernte versank im Wasser; die betroffenen Bauern konnten durch den Ernteausfall ihre Kredite für Investitionen in Saatgut und Düngemittel nicht zurückzahlen und mussten weitere Schulden machen – ein Teufelskreis, aus dem viele ohne fremde Hilfe nicht mehr herausfinden würden.

Mit lokalen Materialien und traditionellen Techniken zum neuen Haus

Der Wiederaufbau der Häuser findet mit traditionellen Hausbautechniken statt. © Frank Falkenburg

Der Wiederaufbau der Häuser findet mit traditionellen Hausbautechniken statt. © Frank Falkenburg

Die Partnerorganisationen MISEREORs in Pakistan waren nach der großen Flut 2010 schnell handlungsfähig, dank der jahrzehntelangen vertrauensvollen Zusammenarbeit konnten sehr rasch Hilfsprojekte gestartet werden. Insgesamt rund 11 Millionen Euro wurden bisher durch MISEREOR für Projekte zur Bekämpfung und Beseitigung der Hochwasserfolgen und für nachhaltige, langfristige Entwicklungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt. Entsprechend dem MISEREOR-Ansatz, begünstigte Familien dabei zu unterstützen, den Wiederaufbau selbst in die Hand zu nehmen, erhalten diese von örtlichen Partnerorganisationen zum Beispiel Material für den Bau von Dächern. Diese werden mit lokal angepassten Techniken aus Reetmatten, Holzlatten, Balken, Plastikplanen und Seilen errichtet. Boden und Wände der Häuser entstehen aus lokal verfügbarem Lehm in Eigenleistung. Die traditionellen Techniken des Hausbaus sind den Pakistanern meist bekannt; aufgrund des materiellen Verlustes und ihrer schwierigen finanziellen Situation benötigen sie lediglich ein paar Baumaterialien – ein gutes Beispiel für den Erfolg des Prinzips „Hilfe zur Selbsthilfe“. Ganz wichtig: Die Häuser werden zum besseren Schutz vor künftigen Überschwemmungen bis zu einem Meter höher gebaut.

Sauberes Trinkwasser und nachhaltige Landwirtschaft

Weitere Projekte dienen insbesondere der Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser und der Unterstützung von Kleinbauern für eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft. Die mangelnde Unterstützung durch den pakistanischen Staat, aber auch die extrem ungerechte Verteilung von Land machen es den armen Bevölkerungsschichten besonders schwer, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Viele Bauern müssen sich ihre landwirtschaftlichen Erträge mit Großgrundbesitzern teilen und zudem bis zu 50 Prozent der Kosten für den Anbau ihrer Feldfrüchte selbst tragen. Sie sind gezwungen, viel Geld in teuren Hybridsamen, in Pestizide und Dünger zu investieren. Fällt die Ernte schlecht aus, geraten sie leicht in eine Schuldenfalle und werden abhängig von lokalen Geldverleihern. Viele können nicht von dem leben, was sie selbst anbauen. MISEREOR fördert daher umfassende Programme zur Wiederbelebung der traditionellen Lebensgrundlagen auf dem Land, mit denen örtliche Partnerorganisationen die Bauern unterstützen.

Ein langer Weg zu mehr Selbstbestimmung

Diese Unterstützung wird in den kommenden Jahren fortgesetzt werden, auch über den Wiederaufbau in den Flutgebieten hinaus. Für die pakistanischen Bauern wird es ein langer Weg hin zu mehr Selbstbestimmung. „Erst eine Landreform könnte die Menschen aus der Schuldknechtschaft gegenüber den Großgrundbesitzern befreien“, sagt Ali Zaidi, Mitarbeiter der pakistanischen MISEREOR-Partnerorganisation Orangi Pilot Project. Doch davon ist Pakistan noch weit entfernt.

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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