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Philippinen: Vor Ort auf der Insel Samar III – Braunes Land

Die Philippinen sind ein grünes Land, geprägt von Palmenwäldern und Reisfeldern. Es ist schwer sich daran zu erinnern, wenn man zwei Wochen nach dem Taifun durch den Süden der Insel Samar fährt – zwischen den beiden am stärksten zerstörten Städten Guiuan und Tacloban.

Dritter Teil eines Berichts von MISEREOR-Mitarbeiter Elmar Noé

Die Philippinen sind ein grünes Land, doch seit dem Taifun sind ganze Landstriche kahl.

Kahl und farblos sind die Landstriche, über die der Taifun hinweggezogen ist.

Wir haben die Nacht im zerstörten Guiuan verbracht und sind dann mit unserem gemieteten Minibus weitergefahren nach Tacloban, eine Fahrt zwischen den beiden am stärksten zerstörten Städten der Philippinen.
Die Fahrt geht die meiste Zeit entlang der Küste. Bis vor zwei Wochen ein Paradies mit grünen Palmen, weißen Stränden und Beach Resorts, die jedes Wochenende die Erholungssuchenden aus den Städten und auch viele Touristen angelockt haben. Dieses Paradies lässt sich nur noch vage erahnen, wenn man die pilzförmig aus dem Meer ragenden kleinen Inseln sieht, die jetzt ebenso kahl und farblos sind wie alle Landstriche über die der Taifun hinweggezogen ist.

Guiuan: Leben in zerstörten Häusern, Hütten, Unterständen

In Guiuan versuchen die Menschen sich in den Trümmern zurechtzufinden.

Blick aus einem zerstörten Haus in der Stadt Guiuan auf den Philippinen.

In Guiuan richten sich die Menschen in zerstörten Häusern ein.

Die, die die Stadt nicht verlassen wollen oder können, richten sich in zerstörten Häusern ein, wo es vielleicht noch eine trockene Ecke gibt oder bauen sich aus den Trümmern einfache Hütten und Unterstände.

Zwischen den zerstörten Markthallen gibt es improvisierte Marktstände, wo man ein paar Dinge kaufen kann, wenn auch zu sehr hohen Preisen. Es ist unglaublich woher die Menschen die Kraft nehmen, nach allem was sie erlebt haben; wahrscheinlich der Wille zu überleben.

21 Menschen überleben die Taifun-Nacht

Billy ist der Leiter einer Basisorganisation in Guiuan, die MISEREOR im Kampf gegen ausbeuterischen Bergbau unterstützt. Er erzählt uns wie er die Nacht des Taifun erlebt hat:

In sein kleines Restaurant am Busbahnhof von Guiuan hatten sich vor dem Taifun 21 Menschen geflüchtet, darunter waren vier Säuglinge und zwei Kinder. Als der Taifun um 2 Uhr nachts über Guiuan hereinbrach, flüchteten sie sich in einen kleinen Raum im hinteren Teil des Restaurants. Der Sturm dauerte bis 7:30 Uhr. Um 4 Uhr hatte er seinen Höhepunkt erreicht. Das Dach des Hauses war bald weggeflogen, der erste Stock im hinteren Teil des Hauses auch. Die Männer hielten die ganze Zeit verzweifelt die Decke des Raumes fest, in dem sie Schutz gesucht hatten, während die Frauen Planen über die Babys und Kinder legten und sie mit ihren Körpern schützten. Die Zeit kam ihnen endlos vor. Billy beobachtete, wie der Sturm einen Reisebus auf dem Busbahnhof 2 Meter in die Luft hob, dann fiel er wieder herunter. Eine zweite Sturmböe hob ihn nochmals hoch und warf ihn dann auf die Straße, wo er liegenblieb. Alle Menschen, die bei Billy Schutz gesucht hatten, haben den Sturm überlebt. Viele andere in der Stadt hatten nicht so viel Glück.

Wir besprechen noch wie die weiteren Hilfen organisiert werden sollen. Es ist klar, dass MISEREOR zusammen mit dem Philippine-Misereor-Partnership-Netzwerk die 350 Mitglieder von Billys Organisation, die auf der Insel Homonhon leben, beim Wiederaufbau unterstützen wird. Jetzt geht es darum Boote für die Fahrt auf die Insel zu beschaffen, eine zuverlässige Kommunikation aufzubauen und sicherzustellen, dass die Menschen ausreichend Nothilfe bekommen bis sie wieder selbst Fischen und Landwirtschaft betreiben können.

Von Samar nach Tacloban: Zwischen Schutt und Müll

 

Auf der Fahrt entlang der Südküste von Samar nach Tacloban gibt es keine Ortschaft und kein Dorf, das vom Taifun verschont geblieben ist. Die Menschen sind auch hier damit beschäftigt sich Notunterkünfte und kleine Hütten zu bauen oder die Reste ihrer Häuser zu reparieren.

Kahl und farblos sind die Landstriche, über die der Taifun hinweggezogen ist.

Massen an Schutt und Müll: Die nicht wiederverwertbaren Reste werden abends verbrannt.

Schutt wird so gut es geht auf Haufen zusammengetragen. Die nicht wiederverwertbaren Reste des Mülls werden dann verbrannt. Abends legt sich beißender Rauch über die Landschaft aber irgendwie müssen die Menschen ja mit den Massen an Schutt und Müll klarkommen.

Im Dorf Osmena, etwa auf halber Strecke zwischen Guiuan und Tacloban zeigt uns der Gemeindepfarrer, Fr. Romy, eine interessante Idee um die rußenden und auch teuren Kerosinlampen zu ersetzen, die die Leute zur Zeit benutzen, weil sie abends kein Licht haben: Er bringt den Menschen in der Gemeinde bei Kerzen aus Salz und Speiseöl herzustellen. Eine ältere Dame aus der Gemeinde habe ihm das gezeigt. Die Kerzen brennen sehr gut, rußen nicht und das Speiseöl ist deutlich günstiger als Kerosin, dessen Preis ständig steigt.

Als wir dann Tacloban erreichen…

…bin ich wieder mal an dem Punkt, dass ich denke „schlimmer kann es nicht werden“. Aber die große und schöne Stadt in Trümmern zu sehen, mit ganzen Stadtteilen, die ausgelöscht sind, ist trotzdem schockierend. Ich war vor etwas über einem Jahr das letzte Mal hier und nichts erinnert mich an die Stadt, wie ich sie kannte.

Zerstörung wo man hinblickt, auch wenn mir Len Manriquez von unserer Partnerorganisation PECOJON sagt, dass es schon viel besser aussieht als selbst noch vor 24 Stunden. Die Straßen werden mit schwerem Gerät freigeräumt und Müll wird verbrannt. Die Menschen haben Angst vor Seuchen, die von toten Tieren ausgehen könnten, die noch unter den Trümmern liegen. Len ist seit dem ersten Tag nach dem Taifun immer wieder in Tacloban gewesen und kennt die zerstörte Stadt in der Zwischenzeit gut.

Die Kirche von Santo Nino: Aufgeräumt und geputzt, aber ohne Dach.

Die Kirche von Santo Nino: Aufgeräumt und geputzt, aber ohne Dach.

Im Santo Nino Parish der Diözese Tacloban erzählt uns Fr. Gani, wie sie die Nothilfe so gut wie irgend möglich koordinieren. Zum Glück kommt jetzt immer mehr bei den Menschen an. Als es während unserem Gespräch mal wieder stark zu regnen anfängt, werden eilig Schüsseln aufgestellt – auch hier sind die Dächer zerstört oder undicht, die schöne Kirche von Santo Nino ist zwar aufgeräumt und geputzt, aber ohne Dach und mit zerstörten Fenstern wirkt das ehemals stolze Gebäude zerbrechlich.

Improvisierter Check-in am zerstörten Flughafen in Tacloban.

Der Check-in am zerstörten Flughafen in Tacloban funktioniert mit viel Improvisation reibungslos.

Als Len Manriquez uns den Flughafen zeigt, bin ich froh schon vorab zu sehen wo wir am nächsten Tag abfliegen sollen. Der Flughafen ist völlig zerstört, Das Dach des Terminals ist notdürftig geflickt, die Wände fehlen, der Tower hat keine Fenster mehr. Der Betrieb kann nur durch das mobile Equipment der US Air Force aufrechterhalten werden. Umso überraschter bin ich am nächsten Tag, dass der Check-in bei Philippine Airlines auch ohne Strom und in all dem Chaos mit viel Improvisation doch sehr reibungslos funktioniert. Dass der Abflug verspätet ist überrascht nicht, da ständig Transportflugzeuge landen und starten. Auf ihrem Rückweg nach Cebu nehmen sie Passagiere umsonst mit, die die Stadt verlassen wollen. Die Menschen stehen dafür in langen Schlangen stundenlang an und verlassen ihren Platz in der Schlange auch bei Nacht und Regen nicht, nur um eine Chance zu haben die Stadt zu verlassen.

Niemand weiß, wo er in Zukunft wohnen soll

Die Nacht vor unserem Abflug verbringen wir im Privathaus einer Hotelbesitzerin, in dem deren Angestellte Zuflucht gefunden haben.

Feldbetten in einem Schlafraum in Tacloban.

Unsere Feldbetten: Für uns ein Zeichen von Freundschaft und Hilfsbereitschaft, die berührt.

Unsere Feldbetten in dem großen Wohnraum, indem alle schlafen, werden hergerichtet wie in einem Hotel: Für unsere Gastgeber ein kleines Stück Normalität in all den Unsicherheiten, wo niemand von ihnen weiß, wo er in Zukunft wohnen soll.

– Für uns ein Zeichen von Freundschaft und Hilfsbereitschaft, die berührt. Es bleibt der Eindruck einer unfassbaren Katastrophe aber auch von Menschen, die ihr Möglichstes tun ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Weitere Berichte aus den Philippinen

Teil I: Im Trümmerfeld von Guiuan

Teil II: Philippinen:  Hilfe, die ankommt!

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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