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Madagaskar: Was tut ein Bauer ohne Land?

Eine dominierende Rolle bei der Ausbeutung der madagassischen Rohstoffe spielt der australisch-britische Konzern Rio Tinto. Über dessen Rolle sprachen wir mit Florence Aimée Ralisiarisoa Ep. Ratrimomoria, Präsidentin des Verwaltungsrates der madagassischen MISEREOR-Partnerorganisation BIMTT sowie deren Geschäftsführer Kotondrajaona Rajoelisolo.

Was fördert Rio Tinto in Madagaskar?

Florence Aimée Ralisiarisoa Ep. Ratrimomoria und Kotondrajaona Rajoelisolo

Florence Aimée Ralisiarisoa Ep. Ratrimomoria und Kotondrajaona Rajoelisolo

Rio Tinto ist eine der großen Minengesellschaften, die Ilmenit, ein Titaneisenerz, fördern. Die größte Mine betreibt der Konzern im Südosten des Landes, an der Küste. Dort entsteht derzeit auch ein riesiger Tiefseehafen. Rio Tinto ist der Hauptinvestor, womit sich das Unternehmen natürlich alle Rechte für die Nutzung des Areals gesichert hat.

Welche Folgen hat denn der Bau dieses Tiefseehafens für die Region?

Zunächst ist der Hafen auch für andere Firmen interessant. Er soll Madagaskar zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort machen und Geld in eine der ärmsten Regionen des Landes bringen. So betrachtet, sieht das Projekt erst einmal ganz positiv aus. Aber je genauer man hinsieht, desto offensichtlicher werden die Probleme: Viele Bauernfamilien wurden vertrieben. Sie hatten keinerlei Mitentscheidungsrechte und verloren ihr Land fast entschädigungslos. Ohne Land aber haben sie keine Lebensgrundlage mehr. Die Nomaden können mit ihren Tieren zumindest woanders hinziehen. Aber auch Weideland steht wegen der zunehmenden Ausbeutung von Rohstoffen immer weniger zur Verfügung.

Wer steckt hinter Vertreibung und Zerstörung?

Wir sind überzeugt davon, dass Rio Tinto in diesen Zusammenhängen die Polizei bzw. die Gendarmerie bezahlt, damit diese mit Blick auf ihre geschäftlichen Interessen handeln. Korrupt ist aber nicht nur die Polizei. Der ganze Staat ist käuflich. Bis hin in die höchsten Instanzen.

Der Hafen soll auch wirtschaftlichen Aufschwung bringen, wie Sie selbst sagten. Geht zumindest diese Rechnung auf?

Nein. Der Bedarf an Arbeitskräften ist sehr begrenzt. Rio Tinto braucht nur Spezialisten, keine Menschen aus der Region, die nicht entsprechend ausgebildet sind. Diese Spezialisten stammen meistens von den Philippinen. Und sogar das, was die wenigen Arbeiter konsumieren, wird von außen eingeführt, hauptsächlich aus Südafrika. Selbst Gemüse und Eier sind importiert. Die Region profitiert in keiner Weise von der Minen-Gesellschaft und deren Angestellten.

Was ist mit den Steuern und Abgaben?

Die Steuern und Abgaben, die Rio Tinto bezahlt, gehen direkt in die Staatskasse. Und von dort aus fließt in die Region nichts zurück. Eigentlich sind Minengesellschaften und andere große Unternehmen in Madagaskar verpflichtet, bestimmte Summen in soziale Projekte zu investieren. Rio Tinto übernimmt zum Beispiel teilweise die Studiengebühren von jungen Menschen. Auch eine höhere Schule haben sie gebaut. Den Menschen vor Ort, die zum Großteil Analphabeten sind, helfen solche Projekte aber rein gar nichts.

Was passiert mit den Menschen, die vertrieben wurden? Welche Perspektive haben sie?

Was soll ein Bauer tun ohne Land? Noch nicht einmal für den Bau eines neuen Hauses haben die Menschen Unterstützung von Rio Tinto oder dem Staat bekommen. Viele Familien sind in die Städte gezogen. Aber auch hier gibt es für sie keine Perspektiven. Immer wieder hört man von Eltern, die ihre Kinder dazu drängen, sich zu prostituieren. Das sind Mädchen von 13 Jahren, die ihren Körper verkaufen, um ihre Familie über Wasser zu halten. Manchmal zeigen die Eltern anschließend ausländische Freier an, um damit noch zusätzlich Geld zu verdienen. Um zu überleben, werden sie kriminell.

Gibt es den Dialog zwischen Nichtregierungsorganisationen und Rio Tinto über diese vielen Missstände? Ist Rio Tinto in irgendeiner Weise gesprächsbereit?

Nein. Und die Menschen haben Angst. Eine Menschenrechtsaktivistin, die sich gegen die Minengesellschaften gestellt hatte, wurde verhaftet und erst nach internationalen Protesten wieder freigelassen. Viele andere haben einen solchen Schutz durch Aufmerksamkeit aus dem Ausland leider nicht.

Übersetzung: Wilhelm Thees


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Madagaskar: Bedrohtes Welterbe

Internationale Firmen, vor allem aus Nordamerika und Ostasien, bauen in Madagaskar Chrom, Ilmenit, Nickel, Gold und andere Bodenschätze ab. Darunter leiden nicht nur viele Einheimische, die deswegen ihr Land verlieren. Weil das Abwasser der Minen ungefiltert in Meer und Flüsse geleitet wird, kommt es auch zu Fischsterben. Auf dem Land wird immer mehr Wald abgeholzt, um Platz für neue Minen zu schaffen. Im Jahr 2011 war der Waldbestand Madagaskars bereits auf 21 Prozent der Landfläche geschrumpft. Die Regenwälder von Atsinanana, ein UNESCO-Weltkulturerbe, wurden von der Welterbekommission schon 2010 auf die „Liste des Welterbes in Gefahr“ gesetzt.

Das BIMTT…

…ist ein ökumenisches Koordinierungsbüro für ländliche Bildungszentren, zu dem 109 Einzelorganisationen gehören. Gefördert werden in erster Linie Fort- und Ausbildung von Menschen auf dem Sektor der ländlichen Entwicklung. Das BIMTT ist für MISEREOR eine der wichtigsten Partnerorganisationen auf Madagaskar.

Ein Dorf macht Schule

Madagaskar hat eine der höchsten Analphabetenraten in der Welt. Auf der Insel im südlichen Afrika werden nur zwei von drei Kindern eingeschult. Um Kindern das Recht auf Bildung zu ermöglichen, unterstützt MISEREOR das Projekt „Ein Dorf macht Schule“.


Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Wieder ein typisches Beispiel dafür das Geld und Profit über dem wohl der eigenen Bevölkerung liegt. Sehr traurig

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