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Zehn Jahre das Schweigen brechen: Eine Erfolgsgeschichte ohne Erfolg

Wer einmal mit der Organisation „Breaking the Silence“ eine Führung durch Hebron mitgemacht hat, der wird nicht vergessen, was militärische Besatzung, was die israelische Besatzung im Westjordanland bedeutet. „Breaking the Silence“ heißt „das Schweigen brechen“:  ehemalige junge Kriegsdienstleistende der israelischen Armee berichten über ihren Einsatz in den besetzten palästinensischen Gebieten. Heute wird die Organisation 10 Jahre alt.

Ein Beitrag von Bernhard Schäfer, Berater für die Gemeinsame Initiative Humanitäres Völkerrecht Nahost von MISEREOR und Brot für die Welt

Ehemalige Soldatinnen und Soldaten haben sich in Israel vor zehn Jahren zusammen getan, um über das, was sie alltäglich in den besetzten Gebieten erlebten und taten, zu berichten. Was sie zu berichten hatten, war für viele Außenstehende neu, nicht nachvollziehbar, schockierend. Für sie selbst war es jedoch nach kurzer Eingewöhnungszeit alltägliche Routine oder eher alltäglicher Irrsinn.

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Nach ihrer Militärzeit fragten sich viele von ihnen: Wo sind die moralischen Werte geblieben, die unsere Eltern uns mitgegeben hatten? Wie kam es, dass sie Schritt für Schritt, während des Einsatzes in Hebron, in Erez an der Grenze zu Gaza, oder anderswo, wo wir plötzlich Macht über eine unterworfene Bevölkerung bekamen, verloren gingen? War es Abstumpfung gegen die alltägliche psychische und physische Gewalt, Gruppendruck oder die zermürbende Frustration, die Angst und auch die Langeweile während endloser Wachdienste?

Die Schnappschüsse und „Erinnerungsfotos“  der ehemaligen Wehrdienstleistenden, die im Gründungsjahr 2004 auch in der Knesset, also dem israelischen Parlament, ausgestellt wurden, waren für viele Israelis ein Schock.

Ein Schock deshalb, weil es vorher kaum jemand gewagt hat, zu Hause, geschweige denn in der Öffentlichkeit, über sein  Leben jenseits der „Grünen Linie“ zu berichten. Wer über das Wochenende oder zu einem Urlaub nach Hause kam, legte mit der Uniform auch die Erlebnisse des Militäreinsatzes ab und versuchte zu vergessen.

Das Schweigen nicht mehr ertragen

Dieses Schweigen haben einige couragierte, junge Reservisten nicht mehr ertragen. Sie haben das Schweigen gebrochen – und andere aufgefordert, es zu brechen.

Und das mit viel Erfolg – schaut man sich die  Zahl der  gesammelten, überprüften und dann veröffentlichten Aussagen von israelischen Armeeangehörigen an. 2012 waren es über 800 – eine Zahl, die inzwischen schon weit überschritten sein dürfte. Neben zahlreichen Publikationen, in denen die Zeugnisse zusammengetragen wurden, bietet „Breaking the Silence“ Touren durch Hebron und in die südlich davon gelegenen Bergregionen an, organisiert Vorträge und Ausstellungen.

Und diese Besatzung besteht fort – in  der Form, wie sie die unzähligen, sich wiederholenden Aussagen der früheren Soldaten beschreiben – trotz einiger auch durch „Breaking the Silence“ erkämpfter kleiner Veränderungen.  Der eigentliche Erfolg, den „Breaking the Silence“ anstrebt, ist das Ende der Besatzung.

„Breaking the Silence“ appelliert dafür auch an die internationale Öffentlichkeit: Eine Fotoausstellung gastierte in zahlreichen Ländern Europas.  Ein  Sammelband,  erschienen  zehn Jahre nach Ausbruch der Zweiten  Intifada, wurde in mehrere Sprachen, auch ins Deutsche übersetzt.

MISEREOR gratuliert

MISEREOR begleitet das Engagement seiner Partnerorganisation „Breaking the Silence“ seit dem Jahr 2010. Zur materiellen Unterstützung  für das Projekt kommt die Förderung der Advocacyarbeit:  MISEREOR trug  im Rahmen der zusammen mit Brot für die Welt getragenen „Gemeinsamen Initiative Humanitäres Völkerrecht Nahost“  dazu bei,  Vortragsreisen des Mitbegründers und Leiters Yehuda Shaul, seiner  Nachfolgerin Dana Golan sowie die Fotoausstellung von Breaking the Silence im Jahr 2012 in Berlin zu ermöglichen.

MISEREOR gratuliert Breaking the Silence zum zehnjährigen Bestehen und wünscht  für die steinige Arbeit alles Gute. Vor allem aber wünschen wir, dass der Erfolg von Breaking the Silence in hoffentlich naher  Zukunft in einen Erfolg der Friedensbemühungen für die palästinensische und israelische Gesellschaft mündet.

Über den Autor

Bernhard Schäfer unterstützt im Rahmen der Gemeinsamen Initiative Humanitäres Völkerrecht Nahost Partnerorganisationen von MISEREOR und Brot für die Welt, ihre menschen- und völkerrechtlichen Anliegen in Deutschland und auf europäischer Ebene vorzubringen, um damit einen Beitrag zur friedlichen Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts zu leisten. Er arbeitet seit dem Jahr 2010 mit der Partnerorganisation „Breaking the Silence“ zusammen.

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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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