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Synonym der Freiheit

Freiheit. Das ist die Antwort vieler Südsudanesen auf die Frage: „Was bedeutet es für Sie, ein eigenes Land zu haben?“. Die südsudanesische Geschichte ist voller Unterdrückung, Gewalt und Krieg. Die Unabhängigkeit war ein Versprechen, diese Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ein Versprechen auf Frieden, Entwicklung, Gerechtigkeit – und Freiheit. von Enrica Valentini

Enrica Valentini

Enrica Valentini ist Leiterin des “Catholic Radio Network” (CRN) im Südsudan.

Am 9. Juli wird der Südsudan den dritten Jahrestag seiner Unabhänigkeit feiern, den dritten Jahrestag seiner Freiheit. Doch es wird keine ausgelassene Feier sein. Die Kämpfe zwischen den Anhängern von Präsident Salva Kiir und denen des ehemaligen Vize-Präsidenten Riek Machar haben neues Leid über das Land gebracht.

Fast 50 Jahre lang hatten die Südsudanesen gegen die Regierung in Khartoum gekämpft. 2005, am Ende dessen, was im Süden „Befreiungskampf“ heißt, unterzeichneten die Sudan People Liberation Army/Movement und die sudanesische Regierung ein Friedensabkommen. Teil des Abkommens war auch die Option auf Unabhängigkeit. In einem Referendum sollten die Südsudanesen im Januar 2011 darüber entscheiden. Das Ergebnis war ein überwältigender Sieg für die Loslösung vom Sudan. Nur sechs Monate später wurde die jüngste Nation der Welt gegründet.

Ich lebe seit 2009 im Südsudan und bin tief beeindruckt vom Willen der Menschen, ihr Land aufzubauen. Ich habe Frauen, Jugendliche, Alte, Menschen mit Behinderung und andere Bevölkerungsgruppen getroffen, die gemeinsam versuchen, ihren Teil zum Aufbau ihrer Nation beizutragen. Aber es ist nicht einfach, nach Jahrzehnten des Kriegs aus einer Widerstandsbewegung eine funktionierende Regierung, aus einem unterdrückten Landesteil einen demokratischen Staat zu bilden.

Die am schnellsten wachsende Stadt der Welt: Juba

Seit der Unabhängigkeit ist die südsudanesische Hauptstadt Juba die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. Überall wird gebaut. Aber außerhalb der Hauptstadt sieht man kaum Verbesserungen. Straßen fehlen oder sind in schlechtem Zustand. Schulen, Krankenhäusern und öffentlichen Ämtern mangelt es oft an qualifiziertem Personal. Der Südsudan hat eine der höchsten Analphabetenquoten.

Das Land hätte das Potenzial, die Bevölkerung im Bereich des gesamten Horns von Afrika zu ernähren. Aber es fehlt an Investitionen in die Landwirtschaft. Und aus Angst vor Übergriffen der Kämpfenden bestellen viele Bauern ihr Felder nicht. Die meisten Nahrungsmittel müssen daher immer noch aus Kenia und Uganda importiert werden. Unter den hohen Lebensmittelpreisen leiden die Menschen.

Ihre Lage hat sich mit Ausbruch des Machtkampfs zwischen Präsident Kiir und dem ehemaligen Vize-Präsidenten Machar weiter verschärft. Im Juli 2013 hatte Kiir das gesamte Kabinett entlassen – und damit auch seinen Vize Machar. Im Dezember brachen die Kämpfe zwischen den Anhängern der beiden ehemaligen Befreiungskämpfer aus. Tausende Menschen wurden getötet, Millionen vertrieben. Vier Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Medien warnen von einer bevorstehenden Hungersnot, sollten die Bauern wegen der Kämpfe in der aktuellen Regenzeit ihre Felder nicht bestellen können.

Bis zum nächsten Tag überleben

Die Konfliktparteien trafen sich zu Friedensgesprächen im äthiopischen Addis Abeba. Eine erste Einigung auf Einstellung der Kämpfe wurde im Januar unterschrieben, eine zweite im Mai. Aber das Kämpfen ging weiter. Und in Juba brach die Cholera aus. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Vereinbarung vom Juni, eine Übergangsregierung einzurichten.

Es ist schwierig vorherzusagen, was in den nächsten Wochen passieren wird. Angesichts der aktuellen Lage interessieren die Planungen für die Feierlichkeiten zum 3. Jahrestag wenig. Für viele geht es darum, bis zum nächsten Tag zu überleben. Und dennoch: Der 9. Juli kann die Menschen und die politischen Führer daran erinnern, wofür sie ihre ganze Kraft einsetzen sollten: Die junge Nation wachsen zu lassen. Nicht, sie zu zerstören.
Die Menschen hoffen auf Frieden. Wirklichen Frieden. Dauerhaften Frieden. Kein Frieden, der nur auf dem Papier oder in öffentlichen Reden besteht, sondern in jeder Handlung sichtbar wird.

Ist die Hoffnung begründet? Meine Antwort ist: Ja! Meine Arbeit bringt mich in viele Dörfer und Gemeinden. Die Menschen dort zeichnen ein anderes Bild als die internationalen Medien. Es gibt viele, die trotz allem noch die Energie haben, sich für Frieden einzusetzen, Anderen zu helfen und der Welt stolz zu beweisen, dass der Südsudan nicht Gewalt, Korruption und Krieg bedeutet. Sondern dass der Südsudan ein Synonym für Freiheit ist.


Enrica Valentini…

…ist Leiterin des “Catholic Radio Network” (CRN), dessen neun Standpunkte (acht in Südsudan, eine in den Nuba-Bergen) rund vier Millionen Menschen erreichen – mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Aufgrund des Konfliktes ist die Pressefreiheit eingeschränkt. Umso wichtiger ist die Arbeit der unabhängigen Radiostationen von CRN, die vom deutschen Hilfswerk MISEREOR unterstützt werden.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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