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Kein Junk Food mehr an indischen Schulen

Indien ist das Land mit der weltweit höchsten Zahl hungernder Menschen, fast die Hälfte aller Kinder unter 5 Jahren ist unterernährt. Andererseits nimmt die Zahl Übergewichtiger zu, Diabeteserkrankungen häufen sich. Frisch zubereitete, ausgewogene und gesunde traditionelle Gerichte weichen auch bei den Ärmsten immer öfter kostengünstigen und schnell zuzubereitenden Lebensmitteln wie Fertiggerichten, Pizza und Softdrinks. Mit erheblichen Folgen für die Gesundheit.

Der Oberste Gerichtshof in Delhin, Indien, will Junk Food in indischen Schulen einschränken. Foto: CSE

Der Oberste Gerichtshof in Delhi, Indien, will Junk Food in indischen Schulen einschränken. Foto: Dulal

Brijesh, Mitarbeiter der MISEREOR-Partnerorganisation PEHCHAN, die in Mumbai mit Obdachlosen arbeitet, spricht vom sogenannten „Maggi-Konzept“: Billige Instantnudeln sind vor allem für die Armen in städtischen Gebieten erschwinglich, da sie täglich nur kleinste Geldmengen zur Verfügung und oft keine Lager- und Kochmöglichkeiten haben. Die  gesunden Hirsesorten hingegen werden oft gar nicht mehr angeboten.

Die MISEREOR-Partnerorganisationen ANTHRA, YUVA und SSP in Maharashtra haben mit Blick auf das indische Ernährungssystem herausgestellt, dass sich arme Haushalte in Städten und ländlichen Gemeinden nur ein- bis zweimal in der Woche Gemüse leisten können. Obst meist gar nicht mehr, während Junk Food in Form von kleinen Chips-Tüten überall für wenig Geld angeboten wird. Zudem beeinflusst durch aggressive Werbung über die „westlichen“ Neuheiten, geben viele Menschen in Indien – selbst diejenigen, die kaum Geld zu Überleben haben – ihr Einkommen für Produkte der oftmals internationalen Lebensmittelkonzerne aus.

Instantnudeln auf dem indischen Wochenmarkt

Schnell zuzubereiten und kostengünstig: Instant-Nudeln, Pizza, Burger und Softdrinks finden sich in den Straßen indischer Großstädte überall. Foto: Misereor

Der Oberste Gerichtshof in Delhi hat jetzt entschieden, dass damit Schluss sein soll: Junk Food an indischen Schulen muss deutlich eingeschränkt werden. Die Behörde für Lebensmittelsicherheitsstandards soll innerhalb von nur drei Monaten Richtlinien erstellen, damit ausgewogene, nahrhafte, sichere und hygienische Mahlzeiten zumindest an Schulen für alle Kinder erhältlich sind. Der Gerichtshof schlägt vor, den Verkauf von Junk Food in einem Umkreis von 50 Metern um Schulen herum zu verbieten, Werbung für Pizza, Burger und Süßigkeiten zu untersagen und in Kantinen anhand der sogenannten „Lebensmittelampel“, die in Deutschland nicht durchgesetzt werden konnte, gesundes Essen auf den ersten Blick kenntlich zu machen.

Das jetzt gesprochene Urteil, pünktlich zum Weltgesundheitstag, erkennt damit an, dass immer mehr Lebensmittel reich an Fett, Zucker und Salz wie z.B. Junk Food, schlecht für Kinder sind. Es folgt damit wissenschaftlichen Studien, die den direkten Zusammenhang zwischen hohem Konsum von Junk Food und zunehmender Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck bei Kindern herstellen. Auch in Indien leidet nicht mehr nur die Mittel- und Oberschicht in den städtischen Gebieten an der sogenannten „Wohlstandskrankheit“ Diabetes: Immer mehr arme und junge Menschen auf dem Land sind erkrankt, weil sie sich derart ungesund ernähren.

Und auch die heimische Landwirtschaft bekommt die Folgen neuer Ernährungsgewohnheiten und der global ausgerichteten Agrarpolitik deutlich zu spüren: Die kleinen Mischbetriebe, die traditionelle Lebensmittel frisch und der Saison entsprechend anbieten, werden schon seit Jahrzehnten nicht mehr staatlich gefördert. Etliche geben auf. Viele nahrhafte Hirsesorten verschwinden, immer seltener werden die gesunden, regional typischen Gerichte serviert.

Traditionelle Nahrungsvielfalt

Die heimische Landwirtschaft in Indien spürt die Folgen von verändertem Ernährungsverhalten und global ausgerichteter Agrarpolitik: Die Lebenmittelvielfalt schrumpft, kleine Betriebe geben auf. Foto: Misereor

Amit Kurana, der beim renommierten indischen „Center for Science and Environment“ für die Arbeit zu Lebensmittelsicherheit zuständig ist und maßgeblich an der Vorbereitung des Urteils beteiligt war, hat die Hoffnung, dass sich indische Familien, versorgt mit Informationen über die Gesundheitsfolgen von Junk Food, wieder gesünder ernähren. Einfach wird das nicht: Die Vertreter der Lebensmittelkonzerne haben sich bisher erfolgreich dagegen gewehrt, dass Junk Food verboten wird. „Ich sehe dieses Urteil jedoch sehr positiv. Es ist ein Meilenstein in unserem Kampf gegen schlechtes Essen, was unvermeidlich dem guten Essen hilft.“

Ein Bericht von Anja Mertineit, Referentin für ländliche Entwicklung in der Asienabteilung bei MISEREOR.


Zur Arbeit von MISEREOR zu „gutem Essen in Indien“:

Indien-weit engagieren sich Misereor-Partnerorganisationen in Diskussionen um „gutes Essen für Alle“ und bieten Informationen und vor allem Alternativen an. MISEREOR ist der Ansicht: Gutes Essen muss nicht teuer sein, und auch arme Menschen, die von indischen Ernährungsprogrammen abhängen, haben ein Recht auf eine ausgewogene gesunde Ernährung, so wie sie in Indien traditionell üblich ist.  Nicht nur Kalorien in Form von Weizen und Reis sind wesentliches Bedürfnis, sondern alle wichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge. Durch direkte Kontakte zwischen ländlichen und städtischen Gruppen aus allen Einkommensschichten, durch Arbeit mit den in Indien weit verbreiteten StraßenhändlerInnen, durch Beeinflussung der Schulspeisungsprogramme und die Arbeit an Schulen wollen die Misereor-Partnerorganisationen das traditionell gesunde und ausgewogene indische Ernährungssystem wieder stärken.

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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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