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Flüchtlingsland Tschad: Wenn Boko-Haram-Opfer mit vergessenen Darfur-Flüchtlingen konkurrieren

Der grausame doppelte Terroranschlag, der sich am Montag, den 15.6.2015, in Ndjamena ereignete, ist gewiss Boko Haram zuzuschreiben. Es handelte sich um die ersten Selbstmordbombenanschläge, doch nicht erst seit dieser Woche greift Boko Haram Tschader an. Als das hiesige Militär sich im Februar in den Kampf gegen die Terroristen aktiv einzuschalten begann, befürchteten wir tagtäglich solche Anschläge.

Am Tschadsee harren unterdessen, gleichfalls durch weitere Angriffe durch Boko Haram bedroht, tausende Menschen humanitärer Hilfe. Über eine Millionen Vertriebene und Flüchtlinge, vor allem aus Nigeria, suchen Zuflucht auf den schwer zugänglichen Inseln und an den sumpfigen Ufern des Sees zwischen Tschad, Nigeria, Niger und Kamerun. Seit Januar reagieren die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen; auch MISEREOR-Partner CARITAS Tschad unternahm bereits, unterstützt durch die Dialog- und Verbindungsstelle, eine Informationsreise an den See, um einen Einsatz in der neuen Notregion vorzubereiten, die für das internationale Rote Kreuz in ihrem Ausmaß gleich nach Syrien und Südsudan folgt.

Krisenherd Tschadsee lässt andere Flüchtlinge vergessen

Der neue Krisenherd am Tschadsee lässt die älteren Darfur-Flüchtlinge, aber auch aus der Zentralafrikanischen Republik Geflohene im Osttschad vergessen. Was bedeutet es konkret, wenn verschiedene Hilfszonen nun um Aufmerksamkeit und Mittel der internationalen Gemeinschaft konkurrieren müssen? Auf Einladung durch Jesuit Refugee Service (JRS) reiste ich nach Goz Beîda, um mir ein Bild von der Situation im Osten zu machen.

Moschee im Kleinstadtzentrum Goz Beîda

Moschee im Kleinstadtzentrum Goz Beîda

Seit über zehn Jahren führt der humanitäre Flug (UN Welternährungsprogramm) nach Goz Beîda immer zunächst über Abeché. Als Standort zahlreicher internationaler Hilfsorganisationen ist Abeché zur zweit- oder drittgrößten Stadt des Flüchtlingslands angewachsen. Ich höre allerdings, dass manche ausländischen NGOs bereits ihre Zelte wieder abbrechen und die Büros nach Ndjamena verlegen, weil sie näher am neuen Einsatzziel Tschadsee sein wollen.

Tissi: Ein neuer Ort auf der Landkarte für humanitäre Hilfe

Weiter geht der Flug über Tissi. Der rote Erdstreifen, die Landepiste, wurde erst vergangenes Jahr freigelegt und festgestampft. Bis heute markieren ihn lediglich Dutzende Strohhuttragende Männer mit weißen Fähnchen in der Hand. Als wir gelandet sind, führt eine junge europäische Ärztin („Ärzte ohne Grenzen“) zwei Verletzte in die Maschine bis an die ersten freien Sitzplätze. Dem einen von ihnen hat man den linken Unterarm amputiert. Der Stumpf ist frisch in Verband gewickelt.

Tissi ist der jüngste Außenposten der Flüchtlingshilfe im Osttschad: Wegen des Flüchtlingsandrangs aus der Zentralafrikanischen Republik sowie erneut aus dem Dafur tauchte der Ort im abseitigen Grenzgebiet vorletztes Jahr erstmals auf der humanitären Landeskarte auf. Es war das letzte Mal, dass Osttschad auf sich aufmerksam machte. Danach trat der Tschadsee ins Aktionszentrum.

Angekommen am Flugplatz von Goz Beîda treffe ich auf JRS-Programmleiterin Sifa Kaite, die mir das Flüchtlingslager Djabal sowie anderntags dann das neue Flüchtlingsquartier Kerfi zeigt.

Ankunft im Flüchtlingslager Djabal

In wenigen Minuten erreichen wir Djabal. Dass es ein mehr als zehn Jahre altes Flüchtlingslager ist, fällt erst mit Blick auf einen neu aufgeschlagenen Zeltkomplex auf – praktisch das neue Einwohnermeldeamt, von dem aus eine neue biometrische Erfassung der Flüchtlinge gestartet wird (ein UNHCR-Mitarbeiter sagt, die Statistik sei bislang in einem lamentablen Zustand gewesen: zu viele ungemeldete Wegzüge oder Todesfälle). Beklagenswert erscheint aber ebenso manch öffentlicher Behelfsbau.

Djabal zählt ohne die neuen biometrischen Daten vorläufig ungefähr 20.300 Flüchtlinge. JRS-Koordinatorin Sifa Kaite hat dagegen genaue Zahlen: Die unterstützten Schulen besuchen 3.651 Grundschülerinnen und Grundschüler. Aber heute Nachmittag sind die Schulen bereits geschlossen, Jugendliche spielen draußen Fußball.

„United Darfur 2014“ steht auf den T-Shirts einiger Fußballspieler. Eine NGO aus Kalifornien ist gerade da, um die Völkerverständigung durch Fußball zu fördern. Der Kopf der Initiative, Gabriel Stauring, erzählt von Wettkämpfen in Irak und Schweden, wo Flüchtlingskinder aus Goz Beîda dabei gewesen seien – und einige seien dann in Europa geblieben.

Perspektiven schaffen im Flüchtlingslager durch Alphabetisierung

Die Perspektive solch eines Wegzuges eröffnet sich natürlich nicht jedem im Flüchtlingslager Djabal. Und angesichts der anhaltenden Krise im Sudan ist ein Rückzug für die Flüchtlinge auf absehbare Zeit nicht vorstellbar. JRS ist daher etwa dazu übergegangen, Frauengruppen beim sesshaft werden zu unterstützten: Beeindruckend der Lerneifer im Alphabetisierungskurs von Frau Safia Issa im Schatten eines großen Niembaumes. Die Animateurinnen Sadie und Seide bringen den sudanesischen Frauen außerdem bei Backwaren herzustellen, damit sie etwas für ihren Haushalt einzunehmen vermögen. – Dennoch, aufgrund der rapide abnehmenden Ressourcen insgesamt, ist der Ausblick für Djabal ungewiss – wie auch für andere Flüchtlingslager im Tschad.

Frauengruppe, die bei Einkommen schaffenden Aktivitäten sowie in ihrer Selbstorganisation gefördert wird

Frauengruppe, die bei Einkommenschaffenden Aktivitäten sowie in ihrer Selbstorganisation gefördert wird

Kerfi: Ein Modell für neue Integrationspolitik?

Darum probieren Staat und UN seit 2014 ein neues Hilfsmodell in Kerfi aus, „Integrationspolitik“ genannt. Kerfi liegt rund eine Autostunde von der Kleinstadt Goz Beîda entfernt. Ein Viertel der Gemeinde bildet seit einem Jahr die Anlaufstelle für die Flüchtlinge aus dem Grenzdreieck vom Tissi, weil das Lager Abdalgam den staatlichen Stellen zu nahe an der Grenze lag.

Der neuen „Politik der Integration“ zufolge sehen wir in Kerfi also kein eigenes Flüchtlingslager, sondern die neu eintreffenden Geflohenen werden in einem Quartier der bereits existierenden Siedlung angesiedelt und sollen die vorhandene Infrastrukturen und Einrichtungen mitnutzen, die dafür ausgebaute werden.

Einheimische und Flüchtlinge nutzen Markt, Schule, Krankenstation, Wasserpunkte gemeinsam. Um die Integration der Neuankömmlinge besser zu bewältigen, wurden eine Reihe gemeinsamer gemischter Komitees gegründet. Der Integrationsansatz soll nachhaltiger sein als die Ausweitung paralleler Strukturen durch Flüchtlingslager. Vor allem soll er weniger kosten.

Lebensmittelverteilung ist weiterhin problematisch

Tatsächlich fällt auf, dass das Flüchtlingsviertel weder nach außen noch gegenüber anderen Vierteln abgetrennt wird. Das Zelt der Lebensmittelverteilung in Kerfi sieht jedoch kaum anders als in einem Lager aus. Ein internationaler NGO-Mitarbeiter sagt, aufgrund der geschrumpften Ressourcen aus dem Ausland müssten die Essensrationen teils halbiert werden. Wir beobachten einen Streit zwischen Flüchtlingsvertretern, UNHCR und HIAS, weil es keine Seife mehr gibt. Offenbar ein Logistikfehler. Flüchtlinge weigern sich über den Seifenmangel einfach hinweg zu gehen. Vielleicht befürchtet man, das Fehlen könne ein Vorbote dessen sein, was alles während der bevorstehenden Regenzeit passieren könnte.

Tschad_Es gibt an der Schule sowie an vielen Ortsteilen keine eigene Wasserstelle - ein Wasserproblem, das typisch für weite Teile des Oststschad und der Flüchtlingslager dort ist

Es gibt an vielen Ortsteilen keine eigene Wasserstelle – ein Wasserproblem, das typisch für weite Teile des Oststschad und der Flüchtlingslager dort ist

Wir spazieren vom Verteilungszelt aus durchs Flüchtlingsquartier und es wirkt fast beschaulich. Natürlich nur fast. Eine Frau mit Baby im gelben Wickeltuch ruft uns von ihrer Behelfshütte zu, sie wolle mehr Platz und ein richtiges Haus. Dabei scheint das Platzproblem gegenüber anderen Problemen gar nicht so dramatisch: Statt der erwarteten Zigtausende trafen nur 1.420 Personen ein, denn 300 Kilometer zu Fuß von Abdagam hierher zurückzulegen ist schließlich kein Kinderspiel.

Doch selbst für die eingetroffenen Flüchtlinge klappt die Verteilung nicht problemlos. Die Anlage des Flüchtlingsviertels wirkt ebenso planlos – nicht auszudenken, wie das bei einem Andrang von Tausenden aussehen sollte. Ist der Ansatz der „Integrationspolitik“ gescheitert, noch bevor er im Osttschad richtig realisiert hätte werden können?

Wie unter einer Lupe bündeln sich die Planungsfehler der neuen Strategie an einer Grundschule im Zentrum von Kerfi. Ich sehe mehrere leere soeben errichtete Neubauten für Fahrzeuge und Klassenzüge, dabei haben die Schülerinnen und Schüler nicht ein einziges Schulbuch. Der Geographielehrer muss ohne jegliche Karte an die Phantasie der Klasse appellieren. Zudem fehlt es schlicht an genügend Trinkwasser.

Die fehlende Ausstattung können auch nicht die neueingerichteten Schülerkomitees ausgleichen, von denen Schuldirektor Abdoelahe stolz berichtet, vor sich auf dem Schreibtisch mehrere UNICEF-Schulhefte gestapelt und ein PAM-Trinkbecher aus Plastik in Griffnähe. Was nicht den Streitschlichtungsteams der Schule ihren Sinn absprechen soll, aber die Grenze der angewandten „Integrationspolitik“ veranschaulicht. Woran hapert es?

Was steckt hinter dem Konzept der „Integrationspolitik“?

Um das Konzept hinter des neuen Ansatzes besser zu verstehen, spreche ich in Goz Beîda mit mehreren UN-Repräsentanten und einem Staatsvertreter. Die dramatische Ankunft der 30.000 Flüchtlinge in Tissi habe 2013 zum Umdenken geführt, erfahre ich. Statt „kasernierter Lagerunterkünfte“ mit separaten Infrastrukturen, verfolge das „erste Experiment“ von Kerfi die Ansiedlung der Flüchtlinge innerhalb der vorhandenen Siedlung.

Pro Dorf betrage die Zielzahl anzusiedelnder Flüchtlinge 5.000, wobei es besonders auf die Auswahl angemessener Aufnahmedörfer (Größe, Beschaffenheit) ankomme. Die autochthone Bevölkerung solle zu 20 – 30% Nutzen von der Verstärkung der lokalen Infrastrukturen haben. Zudem sollten gemischte Nutzerkomitees in den Bereichen Wasser, Gesundheit, Bildung und Konfliktregelung die Integration verbessern. Die Verantwortung des nationalen Ansatzes der „Integrationspolitik“ liege beim Subpräfekten, also beim tschadischen Staat.

Der Delegierte vom staatlichen Flüchtlingskomitee CNARR sieht das etwas anders. Wir finden ihn im Vorgarten seines Büros im Schatten eines Baumes sitzend. Sein Stromgenerator funktioniere nicht, berichtet er uns. Er klagt auch über die neue „Integrationspolitik“ und scheint auf neue alte Tage zu hoffen. Niemand sei zufrieden – schon gar nicht die Flüchtlingsvertreter, die Verhältnisse „wie in anderen Lagern“ wünschten. Aber nun habe man diese neue Strategie – „ein Vorschlag der Partner“ – begonnen und sei also verpflichtet, weiterzumachen. Später einmal „wird man eine Evaluation machen.“ Und, ja: Für die Region Tschadsee werde jetzt derselbe Ansatz angewandt.

Autor:

Andreas Kahler leitet seit April 2012 die MISEREOR-Verbindungsstelle in N`Djaména/Tschad. Dort kümmert er sich um den guten Dialog mit den Partnern von MISEREOR und begleitet alle Projekte in Tschad sowie Nordkamerun.

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