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„Wir werden Wellen von Flüchtlingen haben, wenn wir die Leute vor Ort nicht unterstützen“

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Salah Ahmad leitet im Norden Iraks acht Zentren für Traumatherapie, in denen Flüchtlinge und Menschen behandelt werden, die Opfer von Krieg, Gewalt und Vertreibungen geworden sind. Träger ist die von Salah Ahmad gegründete Organisation „Jiyan Foundation for Human Rights“, die seit vielen Jahren von MISEREOR unterstützt wird. 

Salah Ahmad, Kinder und Jugendlichenpsychotherapeut

Salah Ahmad, Kinder und Jugendpsychotherapeut

Herr Ahmad, Sie sind gerade aktuell aus dem Norden Iraks zurückgekehrt. Wie ist die Situation der Menschen dort vor Ort?

Salah Ahmad: Die Patientenzahlen, insbesondere bei den Frauen und Kindern, sind sehr hoch, so dass unsere Kapazitäten nicht ausreichen. Sie haben Schreckliches erlebt. Gräueltaten, die an ihnen oder an ihren Angehörigen verübt wurden, vor allem von Tätern des sogenannten IS. Wir hatten hier eine Frau, die aufgrund ihrer Verletzungen 45 Tage nicht sitzen konnte. Wir haben Kinder, die im Zuge ihrer Traumatisierung nicht mehr sprechen. Es ist auch für die Therapeuten sehr schwer, sich mit den Schicksalen dieser Menschen auseinanderzusetzen. Wir arbeiten mit verschiedenen Therapien, mit Tieren, Pflanzen und Aufmerksamkeit und haben auch Erfolge. Aber wir brauchen dringend Unterstützung. Es sind so viele betroffen und stark traumatisiert. Und es gibt in den Flüchtlingscamps große Not. Mit Unterstützung von MISEREOR haben wir beispielsweise kurzfristig im Hochsommer Kühlgeräte in die Zelte gebracht, denn die Hitze war nicht mehr erträglich. Wir haben ebenfalls mit MISEREOR Lebensmittel, Decken und Hygieneartikel an die Menschen in größter Not verteilt. Wenn wir die Leute dort nicht unterstützen, damit sie zurechtkommen, dann werden wir hier Wellen von Flüchtlingen haben. Das ist ein großes Problem und es wird uns viel kosten.

Warum können Sie sich so gut in die Situation von Flüchtlingen hineinversetzen?

Salah Ahmad: Ich musste vor über 33 Jahren selbst mein Land verlassen und bin als Flüchtling hier angekommen. Ich wünsche nicht einmal meinem schlimmsten Feind so eine Situation. Und ich sehne mich immer noch nach der Heimat, aus der ich komme. Insofern kann ich die Situation der Menschen gut nachvollziehen. Ein Flüchtling muss jahrelang alles alleine machen und fühlt sich oft sehr einsam. Wenn diese Leute nur einen Menschen haben, der mit ihnen redet, dann ist schon viel gewonnen. Ich freue mich sehr, wie die deutsche Bevölkerung – anders als vor 25 Jahren – die Flüchtlinge empfängt. Grundsätzlich ist aber das Wichtigste, dass wir die Leute hier integrieren. Sie gewinnen auch für uns eine Bedeutung, denn sie können das Land mit aufbauen. Integration ist das „A und O“.

Wie sollen wir mit den durch Krieg, Verfolgung oder Flucht traumatisierten Menschen umgehen?

Salah Ahmad: Menschen mit einem posttraumatischen Belastungssyndrom regieren manchmal heftig auf minimale Reize. Das kann ein Geruch oder ein Geräusch sein, das Erinnerungen auslöst. Manche reagieren ungeduldig, manche aggressiv, aber das ist alles nicht wirklich gefährlich. Wir sollten sie nicht zwingen und nicht einmal auffordern, ihre Geschichte zu erzählen.
Traumatisierte Menschen brauchen, dass wir sie genauso behandeln wie andere Menschen auch. Ein Trauma, Schlafstörungen in der Nacht, Unruhe…. das muss alles keine Barriere sein, um ganz normal in Kontakt miteinander zu kommen. Ehrenamtliche sollten sich über das Thema belesen, Empathie entwickeln, aber keinesfalls versuchen, einen traumatisierten Menschen selbst zu „behandeln“. Es ist wichtig, sie zu einem Fachmann zu schicken, also zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten. Im Berliner Zentrum für die Behandlung von Folteropfern müssen wir allerdings Anfragen ablehnen, weil es zu viele sind. Das ist eine ganz schwierige Situation. Wir brauchen auch für diese Einrichtung viel mehr Unterstützung. Von zehn Anfragen können wir nur eine annehmen.

Was brauchen Flüchtlinge und Ehrenamtliche?

Salah Ahmad: Die Flüchtlinge brauchen jedenfalls keine leeren Versprechungen, die nicht erfüllt werden. Enttäuscht wurden sie in ihrem Leben schon zu oft. Wenn jemand helfen will, dann soll er seine Grenzen wahrnehmen und Konsequenzen daraus ziehen, soll klar und direkt sein. Ein Ehrenamtlicher muss sich gut überlegen, welches freie Zeitbudget er wöchentlich hat, um sich für Flüchtlingsarbeit zu engagieren. Sind es beispielsweise vier Stunden, dann soll er sich daran orientieren und nicht sechs Stunden dranhängen. Man darf sich nicht überfordern. Wesentlich ist, dass es einem gut geht, dass man im eigenen Rhythmus bleibt, damit man sich zuverlässig und längerfristig engagieren kann – das ist das Wichtigste für die Menschen, die gekommen sind.

 


Mehr Informationen…

zur MISEREOR-Projektarbeit für Flüchtlinge:www.misereor.de/projekte/nothilfe-wiederaufbau/spenden-syrien-irak

Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

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