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Welternährungstag: Abfallessen im Lunchpaket für Politiker

Weltweit wird jedes Jahr ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen, allein in Deutschland landen jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Gleichzeitig hungern 800 Millionen Menschen. Darum haben zwei Kampagnen letzten Freitag zu einer ungewöhnlichen Aktion vor dem Bundestag Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen eingeladen. Lebensmittelverschwendung_TafelEine lange Tafel war schmuckvoll gedeckt mit Lebensmitteln aus Supermärkten, die ansonsten auf den Müll geworfen worden wären. Die Politiker bekamen Lunchpakete mit. Organisatoren waren die Kampagne „Leere Tonne“ von dem Bündnis der Organisationen Slow Food Youth, foodsharing-Netzwerk, BUNDjugend und Aktion Agrar sowie MISEREOR mit der Petition „Kein Essen für den Eimer“, die an das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit 4119 Unterschriften übergeben wurde. MISEREOR fordert einen breiten Aktionsplan mit verbindlichen Maßnahmen wie zum Beispiel einen „Wegwerfstopp für Supermärkte“, der dazu verpflichtet, noch genießbare Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen abzugeben. Die Statements der Organisatoren und der Politiker spiegeln die Bandbreite der erfolgreichen Aktion wider.

Sarah Schneider, MISEREOR

Sara Schneider, MISEREOR

Sarah Schneider, MISEREOR

„Zwei Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel gehen durch Verschwendung verloren – das muss man sich klarmachen. Viele der Lebensmittel, die in Deutschland im Müll landen, wurden mit begrenzten Ressourcen aus Ländern des globalen Südens produziert, wo Menschen in Armut und Hunger leben. Das ist ein riesen Skandal. Wir setzen uns für ein Ende der Lebensmittelverschwendung ein und fordern von der Bundesregierung einen Aktionsplan, um die Lebensmittelverschwendung entlang der gesamten Produktions-, Handels- und Konsumkette bis zum Jahr 2020 um die Hälfte zu reduzieren.“


Elisabeth Schmelzer, Vorstand foodsharing Netzwerk

Elisabeth Schmelzer, Vorstand foodsharing Netzwerk

Elisabeth Schmelzer, Vorstand foodsharing Netzwerk

„Die Verbraucher sind an 40% der Lebensmittelverschwendung beteiligt. 40% von 18 Millionen Tonnen sind 7 Millionen Tonnen – also muss auch der Verbraucher in die Pflicht genommen werden. Aber das andere ist der Handel: Es darf nicht sein, dass die Entsorgung günstiger ist als alles andere. Zum Beispiel, wenn ein Netz mit Orangen im Müll landet wegen einer kleinen Delle oder ein Netz mit Äpfeln, weil eine Frucht angeschlagen ist. Es werden Joghurts entsorgt, deren Haltbarkeit noch drei Tage lang währt, obwohl ich einen Joghurt noch sechs Wochen nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums essen kann. Ich muss nur daran riechen, ob er noch gut ist. Ich hätte viel lieber ein Herstellungsdatum, dann hätte ich ein Gefühl, wann etwas produziert worden ist.“


Kathy Schucht, BUNDjugend

Kathy Schucht, BUNDjugend

Kathy Schucht, BUNDjugend

„Mit ihrer Beschaffungspraxis entscheiden die Supermärkte darüber, welches Gemüse unverkäuflich auf dem Acker bleibt, weil es zu groß, zu klein, zu dick oder zu dünn ist und irgendwelche Makel hat. Das alles möchten wir ändern. Deswegen fordern wir ein gesetzliches Wegwerfverbot für Supermärkte. Es darf nicht bei freiwilligen Selbstverpflichtungen bleiben. Denn sonst sagen alle, wir machen was und profilieren sich, aber es gibt keine unabhängigen Kontrollen.“


Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

„Ich sehe den Gesetzgeber nicht in einer guten Position, so dass er an der Einkaufspraxis, an der Marketingstrategie oder dem Wegwerfverhalten der großen Supermarktketten etwas ändern könnte. Letztendlich kommt es auf das Einkaufs- und Verbraucherverhalten an. Ein Beispiel: Ich habe letztens einen Ökolandbetrieb besucht, der Möhren produziert. Ich erfuhr, dass die gerade und aufrecht gewachsenen Möhren auf den Wochenmärkten gut verkauft werden, währenddessen jede Karotte, die nur in Ansätzen krumm ist, sofort in die Biogasanlage wandert. Das hat mich persönlich sehr schockiert.

Dann kommt es sicherlich noch darauf an, über Mindesthaltbarkeitsdaten zu sprechen. Das machen wir auf Brüsseler Ebene. Ich denke dabei an Zucker, Reis oder Nudeln, denn die halten sich ewig. Wir führen auch Gespräche über die Wertschätzung von Lebensmitteln. Zum Beispiel über Milch, die mitunter 55 Cent kostet, was dem Wert des Produktes nicht gerecht wird-  denn es ist gut, wertvoll und gesund. Man kann sich auf marktwirtschaftliche Mechanismen berufen und sagen, das sei eine Folge des Überangebots. Wir führen Gespräche und trotzdem wird es sicherlich keinen bindenden Preis geben. Aber wir wollen eine faire Bezahlung von Landwirten und müssen dabei den Lebensmitteleinzelhandel gewinnen wie auch die Verbraucher.“


Ulli Nissen, Mitglied des Bundestages SPD

Ulli Nissen, Mitglied des Bundestages SPD

Ulli Nissen, Mitglied des Bundestages SPD

„Na klar schmecken diese Lebensmittel. Es muss nicht immer alles perfekt aussehen. Ich sage zu mir auch, dass ich nicht perfekt, aber trotzdem toll bin. Ich finde es unerträglich, wie viele Lebensmittel weggeschmissen werden und wie viele Menschen hungern. Das passt überhaupt nicht zusammen. Was mich vor allem ärgert ist das Mindesthaltbarkeitsdatum. Das scheint für viele ein wichtiges Kriterium zu sein. Dann schmeißen sie es weg und das ist völlig verrückt. Joghurt ist auch noch Wochen später gut. Was alleine durch dieses Haltbarkeitsdatum an Müll produziert wird, das muss dringend geändert werden.“


Simone Peter, Bundesversitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen

Simone Peter, Bundesversitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen

Simone Peter, Bundesversitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen

„Wir befürworten Gesetzesänderungen, damit die Haltbarkeit nicht auf ein festes Datum beschränkt wird. Es geht aber auch um eine verbindliche Dokumentationspflicht. Nur so gewinnen die Verbraucher Transparenz und werden über die Nahrungsketten oder über die weitere Verwendung informiert. Grundsätzlich geht es darum, weniger Lebensmittel für den Müll zu produzieren, wie Butterberge und Milchseen. Statt nur auf die Verbraucher abzuzielen, müssen wir uns grundsätzlich die Systemfrage stellen: Können wir es uns leisten eine Agrarpolitik auf europäischer Ebene zu stärken, die auf Export setzt, die Produkte auf anderen Märkten verdrängt, die mit einer Handelspolitik im Zuge von CETA und TTIP bewusst andere Länder außen vor lässt, die bilateral Handelsverträge abschließt zu Lasten von Schwellen und Entwicklungsländern?“


Gesine Lötzsch, Mitglied des Bundestages DIE LINKE

Gesine Lötzsch, Mitglied des Bundestages DIE LINKE

Gesine Lötzsch, Mitglied des Bundestages DIE LINKE

„Ich hatte als Kind immer bei meinen Großeltern solches Obst gegessen, wie es auf der hier gedeckten Tafel liegt – mit ein paar Dellen und Schrammen und es hat ausgezeichnet geschmeckt. Ich finde das eine hervorragende Idee, einen gesetzlichen Stopp einzuführen. In Frankreich existiert so ein Gesetz schon längst. Der Großteil der Lebensmittel wird ja weggeschmissen, bevor er beim Verbraucher ankommt. Ich finde, das ist eine Verhöhnung von Menschen, die sich kein Essen kaufen können, das ist Verschwendung von Ressourcen und wir müssen die Landwirtschaft so gestalten, dass wir unsere Zukunft nicht ‚vernutzen‘.

Die Rechtslage ist ja so, dass jemand, der sich aus einem Container von Supermärkten Essen herausholt, einen Diebstahl begeht, was völlig absurd ist. Ich hoffe, dass durch solche Aktionen eine neues Gesetzesvorhaben in Gang kommt. Durch Frankreich haben wir ein Vorbild dafür.“


Stephan Albani, Mitglied des Bundestages CDU

Stephan Albani, Mitglied des Bundestages CDU

Stephan Albani, Mitglied des Bundestages CDU

„Meine Frau hatte früher einen Bioladen und von daher weiß ich, wie lange man Obst und Gemüse noch essen kann. Denn auch sie musste auf Vorrat einkaufen und bekam manchmal die Produkte nicht los. Mir ist das Thema wichtig, denn das Wegwerfproblem ist in den Köpfen der Leute nicht drin: dass eine Banane, auch wenn sie braun ist, wunderbar zu einem Shake verarbeitet werden kann; dass man altes Brot aufbacken oder für spezielle Rezepte nutzen kann .. all das, was in der Zeit nach dem Krieg noch selbstverständlich war, eben die Dinge nicht wegzuschmeißen, weil die Not groß war. Heute sind wir in einer Gesellschaft, in der das Wegwerfen möglich, aber genauso wenig sinnvoll ist. Es geht mir darum aufmerksam zu machen, dass man nur das kaufen sollte, was man braucht und ältere Produkte auf andere Art benutzen und verarbeiten kann.“


Lothar Binding, Mitglied des Bundestages SPD

Lothar Binding, Mitglied des Bundestages SPD

Lothar Binding, Mitglied des Bundestages SPD

“ Wir können uns die Verschwendung der Ressourcen und der Lebensmittel nur leisten, weil wir es zu billig von der 3. Welt bekommen, häufig durch internationale Konzerne gesteuert, die sich betriebswirtschaftlich optimieren gegen die Völker und gegen die Staaten. Wir müssen über die ‚Terms of Trade‘ nachdenken und als ersten Schritt zwischen den Industrieländern verhandeln, um einen Konsens darüber zu erzielen, die Länder des Südens nicht mehr auszubeuten. Die Ausbeutung ist überall im Gange.“


 

Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Also ich glaube das sehr viele Lebensmittel auf dem Müll landen, weil viele Menschen einfach nicht wissen wie man damit umgeht. Sieht man sich in seinem Umfeld um stellt jeder fest, das kaum einer noch kochen kann. Es wird heute mehr Essen weggeworfen als vor 50 Jahren. Die Schuld liegt aber nicht alleine an den Bürgern, sondern auch an der Industrie. Der Trend geht nun mal immer mehr in Richtung Fast Food und Fertig Gerichten. Und warum? Weil einfach viele Menschen aufgrund ihres Berufes keine Zeit haben zum kochen da sie unter Zeitdruck stehen. Kein Wunder also, das zum Beispiel Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst auf dem Müll landen. Ein Koch kann aus einfachen Zutaten noch leckere Gerichte zaubern, aber jemand der keine Ahnung hat schmeißt es in den Müll. Auch glaube ich, das kein Mensch freiwillig Essen weg wirft, jeder hat dabei ein schlechtes Gewissen, aber die Schuld allein hat definitiv nicht der Bürger alleine.

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