Suche
Suche Menü

„Willkommen im wahren Leben!“ – Gerardo de León über Fedecocagua und den Fairen Handel

Seine Augen glühen vor Stolz und seine Stimme bebt vor Überzeugung wenn Gerardo de León über Fedecocagua spricht. Der 53-Jährige gilt als einer der wichtigsten Verfechter des Fairen Handels in Guatemala. Fedecocagua ist heute der größte Verband von Kaffeekooperativen des mittelamerikanischen Landes und ein wichtiger Akteur im Fairen Handel. Unbeirrt und mit ruhiger Stimme spricht de León über bisherige Erfolge und Rückschläge sowie die Herausforderungen der Zukunft. Was ihn antreibt? „Wenn man in Guatemala aufs Land fährt und sieht, wie die Kleinbauern dank des Fairen Handels schon ihre Lebenssituation verbessern konnten…das reicht als Motivation.“

 Fedecocagua und der Faire Handel – Exportmanager Gerardo de León im Gespräch mit MISEREOR über Erfolge, Rückschläge und Herausforderungen © Thomas Kuller/MISEREOR

Fedecocagua und der Faire Handel – Exportmanager Gerardo de León im Gespräch mit MISEREOR über Erfolge, Rückschläge und Herausforderungen © Thomas Kuller/MISEREOR

Herr de León, wie entstand Fedecocagua?

Der Anfang von Fedecocagua reicht bis in die Mitte der 1960er Jahre zurück. Dank verschiedener Spender wie MISEREOR konnten einzelne Bauerngruppierungen zu Kooperativen organisiert werden. 17 dieser Kooperativen bildeten 1969 Fedecocagua als übergeordneten Interessensverband. Der erste Export ging 1973 an alternative Märkte in Deutschland, Österreich und den Niederlanden und bestand aus lediglich drei Containern. Gegenwärtig exportieren wir 1.400 Container pro Jahr.

Was ist Ihre persönliche Geschichte, die Sie zu Fedecocagua führte?

Ich fing mit sechs Jahren an als Hausjunge zu arbeiten. Meinen Vater lernte ich nie kennen. Ich arbeitete hart, um mir meine Schulausbildung und mein Studium finanzieren zu können. An der Nationalen Universität Guatemalas studierte ich Volkswirtschaft. Doch schon damals verbrachte ich viel Zeit auf dem Land, um mit Kleinbauern zu arbeiten. Irgendwann brach ich mein Studium ab, um mich ganz den Kleinbauern widmen zu können.

Ich suchte eine Arbeitsstelle, bei der ich mit meinen bescheidenen Fähigkeiten der armen, bäuerlichen Landbevölkerung helfen konnte. So kam ich 1981 mit 18 Jahren zu Fedecocagua. Im Rahmen meiner ersten Stelle exportierte ich Honig auf alternative Märkte in Deutschland und Österreich. Fünf Jahre später entschieden die Mitglieder und Mitarbeiter von Fedecocagua, sich ausschließlich auf Kaffee zu konzentrieren. Bis heute ist Kaffee die am zweitmeisten gehandelte Ware der Welt und das am meisten Einkommen generierende Exportprodukt Guatemalas. In diesem Zuge wurde ich Verantwortlicher für die Vermarktung und den Export von Kaffee.

Ihrem Lebenslauf ist zu entnehmen, dass sie auch für große Unternehmen wie Unilever und Cargill Coffee gearbeitet haben. Wie kam es dazu?

Ich wollte das wahre Leben sehen. Als ich anfing zu arbeiten waren meine Kenntnisse von Wirtschaft und Finanzen noch sehr begrenzt. Ende der 1980er Jahre, nach meinen ersten sieben Jahren bei Fedecocagua, arbeitete ich für einige Unternehmen wie Unilever und sogar Cargill Coffee. Bei Fedecocagua haben wir damals pro Jahr etwa 30.000 Kaffeepakete vertrieben, bei diesen Großunternehmen waren es fast eine Million. Ich wollte den internationalen Markt und Kaffeeproduzenten in Vietnam, Brasilien und Kolumbien kennenlernen. Dafür musste ich meine Konkurrenz sehen. Ich musste von den großen und mittleren Unternehmen lernen, um diese Fähigkeiten bei Fedecocagua einbringen und den Kleinbauern helfen zu können.

Der Faire Handel garantiert Fedecocagua Mindestpreise und eine Sozialprämie. Inwiefern kommen diese zusätzlichen Einkünfte den Kleinbauern zugute?

Von den 20 Cent zusätzlicher Sozialprämie pro Pfund verwendet Fedecocagua 6 Cent um die Produktivität und die Qualität des Kaffees stetig zu verbessern. Die verbleibenden 14 Cent werden in die Bildung und Gesundheitsversorgung der Mitglieder der Kooperativen und ihrer Familien investiert. Dadurch konnten die Kinder vieler Kleinbauern in die Schule gehen. Einige haben sogar schon Universitätsabschlüsse und arbeiten als Ingenieure, Agrar- oder Wirtschaftswissenschaftler in ihren Kooperativen. Mein ältester Sohn ist Architekt und hat das erste von MISEREOR finanzierte Fedecocagua-Gebäude in Guatemala renoviert. MISEREOR kann stolz auf das Projekt Fedecocagua und die positiven Veränderungen im Leben der Kleinbauern sein.

Fedecocagua und der Faire Handel – Exportmanager Gerardo de León im Gespräch mit MISEREOR über Erfolge, Rückschläge und Herausforderungen

Fedecocagua und der Faire Handel – Exportmanager Gerardo de León im Gespräch mit MISEREOR über Erfolge, Rückschläge und Herausforderungen  © Thomas Kuller/MISEREOR

Trotz dieser Erfolge wird auch Kritik an Fair Trade geäußert. Ein häufiger Vorwurf lautet, dass nur die Kaffeebauern von Mitgliedskooperativen vom Fairen Handel profitieren. Saisonarbeiter und andere Kaffeebauer in Guatemala gingen leer aus. Was entgegnen Sie dieser Kritik?

Die Kooperativen von Fedecocagua beschäftigten in der Vergangenheit auch Saisonarbeiter. Wir nutzten es aber nicht aus, dass Menschen auf der Suche nach Arbeit nach Guatemala kamen. Wir müssen uns an strenge Zertifizierungsrichtlinien halten. Saisonarbeiter erhielten bei uns daher faire Gehälter oberhalb des Mindestlohns. Zurzeit beschäftigen wir keine Saisonarbeiter mehr.

Darüber hinaus ist Fedecocagua auch für Bauern, die in keiner unserer Mitgliedskooperativen sind, eine Bereicherung. Fedecocagua ist der größte nationale Kaffeeproduzent und -exporteur und repräsentiert sieben bis 10 Prozent des gesamten Kaffeeexportvolumens Guatemalas. Wir stellen so etwas wie ein Korrektiv dar, denn die Kleinbauern können sich an den von uns ausgehandelten Preisen orientieren und nehmen daher selber mehr Geld ein. Dies ist einer der Gründe, warum wir in Guatemala und außerhalb so viele Gegner haben. Wir sind ein Stein in den Schuhen lokaler Wirtschaftseliten und multinationaler Konzerne aus Deutschland, der Schweiz und Asien. Unsere Gegner sind neidisch auf unseren Erfolg und verbreiten daher falsche Geschichten, um Fedecocagua zu schaden.

Klimatische Veränderungen sind eine Herausforderung, die Fedecocagua langfristig gefährden kann. Hat der Kaffeeanbau in Guatemala schon mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen?

Ja, in den letzten fünf Jahren hatten die Bauern sehr unter dem Klimawandel zu leiden. Es regnet zu anderen Jahreszeiten. Gerade haben wir z.B. Trockenzeit obwohl es regnen müsste. Das ist sehr schwer, denn die Kleinbauern müssen vom Kaffee leben. Sie haben keine Chance etwas anderes anzupflanzen. Fedecocagua investiert daher 1 Million US-Dollar pro Jahr, um den Bauern Unterstützung zur Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung zu stellen. Wir raten zu Vielfalt statt Diversifizierung. Wir sagen zu unseren Bauern: „Bleibt bei Kaffee aber pflanzt verschiedene Sorten an. So sind die Felder robuster und der Anbau produktiver.“

Was sind die größten Herausforderungen für Fair Trade?

Wir haben jetzt viel Konkurrenz. In den letzten fünfzehn Jahren sind viele neue Zertifizierungsinitiativen seitens des Privatsektors aufgetaucht. Das Fair Trade-Volumen hatte dadurch vorübergehend leichte Einbußen zu verzeichnen. Natürlich behaupten all diese Initiativen, sich um soziale Belange zu kümmern. Doch nach wie vor ist Fair Trade die einzige Zertifizierung, die den Kleinbauern einen Mindestpreis und eine Sozialprämie garantiert. Das zeichnet uns aus. Zurzeit liegt der internationale Marktpreis für Kaffee bei etwa 1,20 US-Dollar pro Pfund. Auf dem Fair Trade Markt erhält man zurzeit hingegen 1,60 US-Dollar pro Pfund, das ist ein großer Unterschied für die Bauern. Gleichzeitig haben unsere Kooperativen aber mehr Fair Trade-zertifizierten Kaffee als sie verkaufen können. Fedecocagua verkauft nur 20 bis 25 Prozent des Kaffees im Fairen Handel.

Wie kann Fair Trade sich diesen Herausforderungen stellen. Welche Maßnahmen sind jetzt nötig?

Fair Trade muss seine Denkweise ändern, denn am Ende des Tages geht es um Marketing. In Deutschland, Europa und der ganzen Welt müssen wir die Idee des Fairen Handels verbreiten und die Nachfrage auf dem Fair Trade-Markt verbessern. Wir haben ein Logo, eine Marke. Die nationalen Fair Trade-Initiativen müssen sehr bald aktiv werden. Sie müssen den Konsumenten klar machen, wo der Unterschied zu anderen Siegeln liegt. Ansonsten wird es Fair Trade schwer haben. Ohne eine große Werbekampagne, werden die Fair Trade-Verkäufe aufgrund der großen Konkurrenz spätestens ab Mitte 2016 deutlich zurückgehen. Die Menschen, die in Bonn für Fair Trade arbeiten, scheinen zu schlafen und in einem langen Traum versunken zu sein. Jetzt müssen sie aufwachen! Wir haben diese Menschen noch nie getroffen. Die nationalen Fair Trade-Büros müssen mehr Kontakt zu den Bauern und Kooperativen haben, damit wir gemeinsam in die Zukunft gehen können. Jetzt haben wir Konkurrenz, willkommen im wahren Leben!

Gerardo de León und Wilfried Wunden, MISEREOR-Referent für Fairen Handel, mit original Tüte der ersten Exportladung Indio-Kaffee © Thomas Kuller/MISEREOR

Gerardo de León und Wilfried Wunden, MISEREOR-Referent für Fairen Handel, mit einem original Paket der ersten Exportladung Indio-Kaffee © Thomas Kuller/MISEREOR

Autor:

Thomas Kuller

Thomas Kuller arbeitet in der Abteilung Kommunikation.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Sichherheitsüberprüfung * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.