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Genitalverstümmelung auch in Deutschland ein Thema

Barbara Schirmel repräsentiert MISEREOR im Deutschen INTEGRA-Netzwerk zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung. Zum Internationalen Tag der Nulltoleranz am 6. Februar fordert sie die Bundesregierung auf, im In- und Ausland aktiver gegen die Praxis vorzugehen, die noch lange nicht überwunden ist.

MISEREOR-Referentin Barbara Schirmel setzt sich im deutschen Netzwerk INTEGRA gegen FGM ein ©MISEREOR

MISEREOR-Referentin Barbara Schirmel setzt sich im deutschen Netzwerk INTEGRA gegen FGM ein ©MISEREOR

Wo und weshalb hält sich die Praxis weiblicher Genitalverstümmelung noch heute?

Hauptsächlich verbreitet ist weibliche Genitalverstümmelung, auch Female Genital Mutilation oder FGM genannt, in der Sahelzone und in der Subsahel-Region, z.B. in Ostafrika. Es sind aber auch Fälle aus asiatischen Ländern wie Indonesien bekannt. Auch der Nahe Osten ist betroffen, insbesondere Ägypten und die kurdischen Gebiete. FGM wird häufig mit dem Islam in Verbindung gebracht, stammt aber definitiv aus vorislamischer und sogar vorchristlicher Zeit. Weltweit sind ungefähr 130 Millionen Frauen betroffen.

Gerade in arabischen Ländern sind alle mit FGM in Verbindung gebrachten Begriffe positiv besetzt, z.B. Reinheit. Man hat allein durch die Wortwahl eine andere Bewertung. Dazu kommt auch viel Aberglaube: Einige Menschen glauben, wenn Frauen nicht beschnitten würden, dann bekämen sie einen Penis wie der Mann und ihnen wüchse die Scheide zu. Schließlich ist FGM gesellschaftlich in allen genannten Ländern ein wichtiger, verbindender Punkt der Identität. Nahezu alle Frauen sind davon betroffen und der Glaube ist weit verbreitet, dass nur eine beschnittene Frau eine gute Ehefrau werden kann. Jede nicht beschnittene Frau wird diskriminiert. Der gesellschaftliche Druck ist enorm und geht interessanterweise oft von Frauen aus. Das Problem ist daher nur gesellschaftlich zu lösen.

Inwiefern ist FGM in Deutschland verbreitet und was unternimmt MISEREOR in Deutschland gegen die Praxis?

Spätestens seit der Ankunft vieler Flüchtlinge in den letzten Jahren ist das Problem auch in Deutschland angekommen. Es kommen eine Reihe Flüchtlinge aus Ländern, in denen FGM praktiziert wird, z.B. aus Eritrea oder aus den kurdischen Gebieten. Der Bedarf an Aufklärungsarbeit und Geld um betroffene Personen zu begleiten ist in Deutschland daher enorm angestiegen. Wir betreiben im Rahmen des Netzwerkes INTEGRA zusammen mit anderen NROs intensiv Lobbyarbeit gegen FGM. Einige Erfolge haben wir bereits zu verzeichnen: FGM wird juristisch in Deutschland nun als eigener Straftatbestand gehandhabt und nicht unter Körperverletzung gefasst. So lassen sich die Täter zu harten Strafen verurteilen, ohne dass im Falle von Flüchtlingen die ganze Familie ausgewiesen werden muss und damit den betroffenen Mädchen ebenfalls geschadet wird. Zudem konnten wir erreichen, dass die zehnjährige Verjährungsfrist nicht mit dem Tatzeitpunkt beginnt sondern erst mit der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres, sodass jetzt auch Frauen, die als junge Mädchen beschnitten worden sind, als Erwachsene die Tat noch zur Anzeige bringen können. Schließlich haben wir im Netzwerk erreicht, dass es für Rückbildungsoperationen einen eigenen Abrechnungsschlüssel gibt. Zuvor fiel die Operation unter plastische Chirurgie. Während betroffene Frauen früher auf Spendenmittel für die Operation angewiesen waren, übernimmt nun die Krankenkasse die anfallenden Operationskosten.

Was fordern Sie konkret von der Bundesregierung?

Es gibt von der EU inzwischen eine Vorgabe der Europäischen Union, die alle Mitgliedsstaaten auffordert, eine klare Linie zu FGM zu haben und entsprechende Aktionspläne umzusetzen. Andere Länder haben bereits nationale Aktionspläne gegen FGM. Deutschland hinkt da hinterher und wir fordern die Bundesregierung auf, in diesem Bereich aktiv zu werden. Zudem muss die Bundesregierung dringend mehr Mittel zur Verfügung stellen, um im In- und Ausland effektiv gegen FGM vorgehen zu können. Schließlich fordern wir, dass die deutsche Bundesregierung bei Regierungskonsultationen oder über die Botschaften auf diplomatischem Wege mehr Druck auf die Nationalregierungen der Länder ausübt, in denen FGM weiterhin verbreitet ist. In Afrika gibt es schätzungsweise 28 Länder, in denen FGM praktiziert wird. In der überwiegenden Mehrzahl dieser Staaten ist FGM gesetzlich verboten. Diese Verbote werden oft jedoch nur sehr unzureichend kontrolliert und sind daher in vielen Fällen wirkungslos. Da wünschen wir uns mehr diplomatisches Engagement seitens der Bundesregierung. Strafverfolgung alleine würde allerdings auch nicht reichen, denn dann würde die Praxis noch weiter in den Untergrund rücken und im Geheimen durchgeführt werden. Die größten Erfolge beim Einsatz gegen FGM werden erzielt, wenn es eine gute Zusammenarbeit zwischen Nichtregierungs- oder kirchlichen Organisationen, Schulen und dem Staat gibt, sodass sich Strafverfolgung und Aufklärungsarbeit ergänzen.

Barbara Schirmel spricht mit Betroffenen und Eltern ©MISEREOR

Barbara Schirmel spricht vor Ort mit Betroffenen und Eltern ©MISEREOR

Wie setzt sich MISEREOR in den betroffenen Ländern vor Ort gegen FGM ein?

Wir unterstützen beispielsweise in Ägypten, Mali und Äthiopien Organisationen, die über verschiedene Ansätze genau diese Aufklärungsarbeit leisten. Im Projekt in Ägypten findet der Projektpartner über Bildungsprojekte für Frauen, z.B. Alphabetisierungskurse, einen Zugang zu Betroffenen. FGM wird in der ägyptischen Gesellschaft nicht thematisiert, die Unkenntnis ist relativ groß. Auch nach der Beschneidung wird nicht mehr darüber gesprochen. Der Partner versucht daher über Bildungsangebote mit den Frauen ins Gespräch zu kommen und sie über die gesundheitlichen Folgen von FGM aufzuklären. Wenn erstmal ein Tabu gebrochen und eine Vertrauensbasis vorhanden ist, lässt sich viel einfacher über Themen wie FGM sprechen.

In Mali versuchte unser Projektpartner das Angebot an Menschen zu verringern, die FGM durchführen. FGM ist ja auch ein ökonomischer Faktor und es gibt eben immer Menschen, die an FGM verdienen und ein Interesse daran haben, dass weiter beschnitten wird. Daher versucht der Projektpartner mit den Beschneiderinnen ins Gespräch zu kommen und ihnen alternative Einkommensmöglichkeiten aufzuzeigen. Parallel wird in den Dorfgemeinschaften Aufklärungsarbeit geleistet und über die gesundheitlichen Risiken informiert.

In Äthiopien wiederrum ging der Projektpartner in Schulen und setzte bei den Mädchen selbst an. Die Mädchen gründeten Schulvereine unter dem Motto „Wir lassen uns nicht beschneiden“ und trafen sich regelmäßig um Theaterstücke einzuüben und Lieder über FGM zu schreiben, mit denen sie in Dorfgemeinschaften auftraten. Dadurch wurden die Mädchen in die Aufklärungsarbeit einbezogen. Gleichzeitig haben Regierungsvertreter in Versammlungen darauf aufmerksam gemacht, dass FGM offiziell verboten ist und geahndet wird. Diese Kombination war äußerst wirkungsvoll und ließ FGM in der Region stark zurückgehen.

Die Erfolge sind allerdings lokal begrenzt. Vor allem von Seiten der jeweiligen Staaten wird insgesamt noch viel zu wenig getan. Es bedarf noch vielen weiteren Anstrengungen der Politik und der Zivilgesellschaft um die Praxis weltweit abzuschaffen.


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Mit Ihrer Spende finanziert MISEREOR Aufklärung und Beratung gegen den grausamen Brauch der weiblichen Beschneidung in Tansania, Äthiopien, Mali und Ägypten.

* 50 € kostet die Umschulung einer ehemaligen Beschneiderin (z.B. zu einem Handwerksberuf).
* 200 € kostet die Veranstaltung eines Jugendcamps zur Aufklärung über die Gefahren der Beschneidung.

Autor:

Thomas Kuller

Thomas Kuller arbeitet in der Abteilung Kommunikation.

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