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MISEREOR-Chef Pirmin Spiegel: Die Stimme der Gewaltlosigkeit darf nicht zum Schweigen gebracht werden!

Eine Woche nach dem islamistischen Mord an dem Priester Jacques Hamel hat Frankreich Abschied genommen. In der Kathedrale von Rouen in der Normandie versammelten sich am Dienstag 2 000 Menschen. Pirmin Spiegel im Interview mit dem Journalisten Joachim Frank über den Umgang mit dem Tod durch Terror.

Pirmin Spiegel kritisiert im Interview den Syrieneinsatz der Bundeswehr © MISEREOR

Pirmin Spiegel im Interview über die aktuellen Anschläge auf Christen und seine Erfahrungen als Pfarrer mit Gewalt  © MISEREOR

Pfarrer Spiegel, haben Sie nach dem Mord an dem französischen Geistlichen Jacques Hamel im Gottesdienst ein mulmiges Gefühl?

Ich spüre bei vielen Gläubigen die Verunsicherung. Ich höre ihre Frage, „müssen wir uns jetzt Sorgen machen, wenn wir sonntags zur Kirche gehen?“. Ich verstehe das gut. Mir selber ist das Schicksal von mir bekannten Männern und Frauen nahe gegangen, die wegen ihres Glaubens ermordet wurden. Ich musste an sieben Trappisten-Patres in Algerien denken, an die im Amazonasgebiet umgebrachte US-Ordensfrau Dorothy Stang und an Francisco, einen meiner pastoralen Mitarbeiter in den Gemeinden, wo ich Pfarrer war. Er wurde im Konflikt über die Landverteilung in Brasilien hinterrücks erschossen, als ich gerade drei Monate dort war.

Waren Sie selbst je direkt mit Gewalt konfrontiert?

Ich wurde in Brasilien bedroht, weil ich mich für die Landrechte von Bauernfamilien eingesetzt habe. Ich könnte nicht sagen, dass mir das keine Angst gemacht hätte. Es war der Testfall auf die Tragfähigkeit meines Glaubens.

In der Bergpredigt heißt es dazu: Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen verfolgen. Wie schwer ist es, das als reale Möglichkeit an sich heranzulassen?

Engagiertes Leben ist parteiliches Leben. Ich muss als Christ Partei ergreifen, Stellung beziehen. Das kostet natürlich nicht immer – zum Glück nur in den seltensten Fällen – das Leben. Aber es kann in der Konsequenz liegen. Auf allen Ebenen aber geht es um den Umgang mit der Angst. „Die Liebe ist stärker als der Tod“, sagen wir im Glauben. Wenn so etwas passiert wie Ende Juli in Saint-Étienne-du-Rouvray in der Normandie, dann müssen wir uns fragen, ob dieser Glaube selbst stark genug ist.

Und wenn nicht?

Ein lateinamerikanisches Sprichwort sagt: Den Fluss des Lebens kann man in seinem Lauf nicht bestimmen. Aber man kann lernen, darin zu schwimmen. Mich bewegt die Frage, ob Pater Jacques in der Normandie solch ein Gedanke in den Sinn kam – angesichts der todbringenden Gewalt. Und noch etwas treibt mich um: Seine Mörder haben ihm die Kehle durchgeschnitten in dem Moment, als er sagte, dass Gewalt im Namen der Religion nicht sein dürfe. Im Namen keiner Religion! Dieser Ruf sollte ausgelöscht, diese Stimme der Gewaltlosigkeit zum Schweigen gebracht werden. Ich glaube, es liegt an uns allen, dass das nicht gelingt. Oscar Romero, der ermordete und jetzt seliggesprochene Erzbischof von San Salvador, hat einmal gesagt: Mich kann man umbringen, nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit.

„Christenverfolgung“ war ein Begriff aus Sandalenfilmen oder Heiligenlegenden. Neuerdings erreicht er uns und unsere Lebenswelt. Wie verändert das die Christen?

Wenn wir als Christen für die Sache derer unterwegs sind, die arm sind und Not leiden, dann wird uns die Gefahr einholen. Ich fürchte, das ist unausweichlich. Der Kampf um Macht und Herrschaft, um Geld und Interessen zieht eine Blutspur durch die Welt – bis zu uns. Wir haben das in den vergangenen Monaten in den Nachrichten aus dem Nahen und Mittleren Osten gehört. Spätestens seit dem Terroranschlag in Frankreich können wir davor nicht mehr die Augen verschließen. Als Christen müssen wir uns jetzt fragen, auf welcher Seite wir stehen: Spielen wir das Spiel der Gewalt mit? Begegnen wir dem Fremden mit Feindseligkeit und Hass? Oder machen wir die religiöse Tradition stark, die zum Respekt vor dem Fremden aufruft, und zwar im Judentum und im Christentum ebenso wie im Islam? Es gehört zum Kernbestand des Glaubens, dass wir im Fremden Gott begegnen können.

Wie haben Sie den Terror in der Normandie zum Thema gemacht?

Ich habe am vorigen Sonntag über diese Fragen gepredigt und gesagt: Unser Glaube sollte in erster Linie ein Antrieb sein, bei den Opfern zu stehen. In einem nächsten Schritt sollte der Glaube uns davor bewahren, dass wir uns an Panikmache beteiligen und alles wild durcheinander werfen: der Messerangriff in Würzburg; der Amoklauf in München; der Terroranschlag in der Normandie – das ist eben nicht das Gleiche. Andererseits scheint allen Tätern in ihrer Eigenwahrnehmung eines gefehlt zu haben: die Achtsamkeit und Wertschätzung ihrer Umgebung. Deshalb reicht es nicht, in Deutschland Tausende zusätzliche Polizisten einzustellen. Wir brauchen mindestens ebenso viele neue Sozialarbeiter. Nur so können wir verhindern, dass junge Leute an dieser Gesellschaft zweifeln oder verzweifeln und dann den falschen Leuten in dieHände fallen.

Das Gespräch mit Pirmin Spiegel führte Joachim Frank, Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeiger, der Berliner Zeitung und der Mitteldeutschen Zeitung. Das Interview erschien am 03.08.2016 im Kölner Stadt-Anzeiger und in der Berliner Zeitung.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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