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Der schöne Schein – oder Rio 2016

Mit leicht nervöser Stimme versuchte der brasilianische IOC-Präsident Carlos Nuzman die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes herunterzuspielen und sprach vom olympischen Geist, von Gleichheit und friedensfördernder Kraft. Ob seine bewegenden Worte ausreichen um die  Cariocas (Bewohner von Rio) von ihren Nöten und Sorgen abzulenken und für die Spiele zu begeistern, scheint fraglich. Die 31. Olympischen Sommerspiele laufen Gefahr, an den Interessen der einheimischen Bevölkerungen vorbeizuziehen. Schon jetzt sehen 2/3 der Bevölkerung mehr Schaden als Nutzen in den Spielen. Erster Teil unserer Olympia-Reihe

Im Zeichen der Ringe - Brasilien

Metro und Schnellbusse für die Reichen

So erweisen sich die Investitionen ins öffentliche Verkehrsnetz als Beispiele für mangelnde öffentliche Politik und fehlende Demokratie. In 2014 versprach Bürgermeister Eduardo Paes, die städtische Mobilität zu revolutionieren:  neue, schnelle Buslinien, Straßenbahn und Ausbau der Metro. Wohl bewusst erwähnte er damals nicht, dass sich die exorbitanten Investitionen fast ausschließlich auf die Stadtteile beschränken, die vor allem von der politischen und ökonomischen Elite frequentiert werden. So dient die 16 km neue U-Bahnlinie nicht einmal 1 % der städtischen Bevölkerung.  Im völlig überlasteten, öffentlichen Verkehrsnetz, dass täglich Millionen von Menschen aus den ärmeren Außenbezirken ins Stadtzentrum befördert, wurde zum Unmut vieler Bürger keine nennenswerte Verbesserung durchgeführt.

Wirkungslose Scheinprojekte…

Und das Olympia-Projekt „Säuberung der Guanabara-Bucht“ – hier finden die Segelwettbewerbe statt – verschlang ohne nennenswerte Erfolge 1,2 Millionen Dollar. „Man verkaufte der Bevölkerung von Rio eine Illusion“, schreibt Emanuel Alencar von der Heinrich-Böll-Stiftung. „Für eine zweckhafte Reinigung der Bucht bräuchte man mindestens das Zehnfache an Summe.“

…statt Sicherung der Grundbedürfnisse

Nach den Daten des Instituts Trata Brasil sind über 1,6 Millionen Haushalte in der Stadt der Traumstrände nicht an die städtische Kanalisation angeschlossen. Auf ganz Brasilien bezogen sind es mehr als 50% der Haushalte, die keinen Zugang an eine Abwasserentsorgung haben. Dass sich unter solch katastrophalen Umständen Virusepidemien wie Dengue oder Zika schnell ausbreiten, ist selbst für Grundschüler einfach verständlich. Hier liegt ein Grundproblem der brasilianischen Gesundheitsvorbeugung: Wie wollen sich Millionen von Haushalte ohne sanitäre Versorgung gegen Virus- und Durchfallerkrankungen erfolgreich rüsten, wenn sie auf staatlicher Seite auf Desinteresse und fehlende Unterstützung treffen und Grundbedürfnisse wie sauberes Wasser nicht gedeckt werden? In seiner diesjährigen Fastenaktion hat der Nationale brasilianische Kirchenrat CONIC in einer gemeinsamen Aktion mit Misereor das Thema aufgegriffen und eine landesweite Diskussion ausgelöst. Im brasilianischen Unterhaus und Senat wurden Podiumsdiskussionen zum Thema „Sanitäre Basisversorgung“ organisiert. Man will Regierung und Politiker dazu bewegen, Verantwortung zu übernehmen und sich um die landesweit aus der Kontrolle geratenen Trinkwasser- und Abwasserprobleme zu kümmern.

Olympischer Frieden mit der Zika-Mücke?

Bedingt durch die jährliche Trockenperiode im brasilianischen Winter hat die Mücke der Gattung Aedes aegypti, die sowohl den Zika-Virus als auch Dengue verbreitet, pünktlich zu den Olympischen Spielen ihre Aktivitäten weitgehend eingestellt. Laut WHO stellt sie im Moment keine größere Gefahr dar. Spätestens aber bei den ersten heftigen Regenfällen im Oktober wird die Mückengattung die Verbreitung von Viruserkrankungen wieder aufnehmen…

Über den Autor: Stefan Kramer leitet die MISEREOR Dialog- und Verbindungsstelle in Brasilia.

Lesen Sie auch die anderen Beiträge unserer kleinen Olympia-Reihe:

Olympia in einem gespaltenen Land

Brasilien: 200 Abgeordnete gegen den Regenwald

Wie aus Kriegswaisen Olympiahelden wurden

 

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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