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Wie aus Kriegswaisen Olympiahelden wurden

Teil 4 unserer Olympia-Reihe: Tosender Beifall empfing das olympische Flüchtlingsteam bei der Eröffnungsfeier in Rio. Unter den zehn Athleten sind die Jukokas Yolande Mabika und Popole Misenga.

Judoka_Refugees_TeamYolande Mabika (r)  und Popole Misenga (l) haben in einem Kinderheim für Kriegskinder mit Judo begonnen.

Die beiden Athleten aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo verbindet vieles: Ihre Kindheit wurde vom kongolesischen Bürgerkrieg, von Gewalt und Missbrauch geprägt. Während sie sich im Regenwald auf der Flucht befanden, entdeckten Regierungstruppen die Kinder und brachten sie zu einem Kinderheim. Dort kamen die zwei mit Judo in Berührung. Der Sport ließ sie nicht mehr los und brachte sie bis zur Teilnahme an internationalen Wettkämpfen.

Neuanfang in Rio
Aber die Gewalt in ihrer Heimatland machte auch vor sportlichen Erfolgen nicht halt. Nach erneuten Unruhen nutzten die beiden Sportler die Judoweltmeisterschaft 2013 in Rio de Janeiro und blieben in Brasilien. Die ersten Monate schlugen sie sich auf der Straße und in Favelas durch. Dann hörten sie von der Flüchtlingshilfe der brasilianischen Caritas, seit vielen Jahren eine Partnerorganisation von MISEREOR. Dieser neue Kontakt sollte ihr Leben verändern.

Die Flüchtlingsstelle der Caritas, die unter den Kongolesen „Ngunda“ (Zufluchtsort) genannt wird, kümmert sich um Asylsuchende aus über 40 Ländern. Und weil die brasilianische Regierung sich nicht wirklich mit der Flüchtlingsfrage beschäftigt, ist für viele Neuankömmlinge die Caritas die einzige Hoffnung auf Unterstützung.

Aline Thuller, die Leiterin der Anlaufstelle des Zufluchtsorts, klapperte die ganze Stadt ab, auf der Suche nach einer Sportstätte, wo die beiden trainieren konnten. Schließlich nahm das „Institut Reação” die beiden Flüchtlinge auf, wo sie bis heute Judo praktizieren. Dort wurden Sie auch für die Teilnahme am Refugees-Team der Olympischen Spiele identifiziert.

refugees_judokaTraining mit Olympia-Helden – ein großer Tag für die ganz Kleinen.

Zuschuss gestrichen – wegen Olympia?
Momentan haben in Rio de Janeiro etwa 9.000 Flüchtlinge Asyl beantragt. Monatlich kommen weitere 80–100 dazu. Neben logistischer und administrativer Hilfe wird ihnen auch psychologische und pädagogische Betreuung angeboten. Bis vor zwei Jahren erhielt Caritas von der brasiliansichen Bundesregierung noch einen jährlichen Zuschuss in Höhe von 60.000 Euro. Dieser wurden aber von einem auf den anderen Moment eingestellt, wohl auch wegen der Olympischen Spielen, so glaubt man. Dank der Unterstützung kirchlicher Hilfswerke sowie der Mitarbeit vieler freiwilliger Helfer konnte die Arbeit aber fortgesetzt werden.

Aline_ThullerAline Thuler, Leiterin der Anlaufstelle für Flüchlinge in Rio, klapperte die ganze Stadt nach einer Trainingsmöglichkeit für die beiden Judoka ab.

Verlieren gehört zum Leben eben auch dazu
„Zu einer Medaillie hat es bei den Olympischen Spielen leider nicht gereicht“, berichtet ein Junge, den ich im Zufluchtsort treffe. Beide sind in der zweiten Runde ausgeschieden. Danach fügt er mit einem eher stolzen als traurigen Blick hinzu: „Verlieren gehört zum Leben eben auch dazu.“

annlaufstelle_regugees_rio

Eine zweite Chance in einem fremden Land?
Auf die Frage, was Aline Thuller sich für die ankommenden Flüchtlinge wünsche, antwortet die sympathische Frau: „Dass die Flüchtlinge weder bemitleidet, noch als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Sozialleistungen gesehen werden, sondern einzig und allein als Menschen, die sehr viel verloren haben und in einem fremden Land nach einer zweiten Chance suchen, ein würdevolles Leben zu führen.“


Lesen Sie auch die anderen Beiträge unserer kleinen Olympia-Reihe:

Der schöne Schein – oder Rio 2016

Olympia in einem gespaltenen Land

Brasilien: 200 Abgeordnete gegen den Regenwald

Über den Autor: Stefan Kramer leitet die MISEREOR Dialog- und Verbindungsstelle in Brasilia.

Autor:

Stefan Kramer

Stefan Kramer leitet die MISEREOR Dialog- und Verbindungsstelle in Brasilia/Brasilien.

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