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Ein halbes Grad hin oder her…

Der Beschluss, mit dem die COP21 im Dezember 2015 das Paris Abkommen angenommen hat, enthält auch eine Einladung an den Weltklimarat, die Auswirkungen der globalen Erwärmung um 1,5 statt 2 Grad Celsius genauer zu untersuchen.

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© CIDSE

Als einer der großen Erfolge der Pariser Klimakonferenz (COP21) gilt, dass der ausgehandelte Vertragstext die Obergrenze für den globalen Temperaturanstieg auf „deutlich unter 2 Grad Celsius“ festlegt und die zukünftigen Vertragsstaaten* außerdem dazu anhält, Anstrengungen zu unternehmen, die Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad Celsius über vorindustriellen Niveaus zu begrenzen.

Leitplanke verstärken

Das Limit von 2 Grad Celsius wurde erstmals 2010 in den Cancún Agreements festgeschrieben. Darin wurde auch beschlossen, die Angemessenheit dieser Temperaturobergrenze regelmäßig zu überprüfen und ggf. anzupassen, also zu verschärfen. Erstmals fand diese Überprüfung 2013-2015 statt, in Form eines Expertendialogs zwischen Klimawissenschaft und -politik. Ergebnis: Es gibt noch keine ausreichende Zahl wissenschaftlicher Studien, aber es herrscht Einigkeit, dass 1,5 Grad Celsius eine deutlich sicherere Leitplanke darstellen. Bei nur einem halben Grad mehr ist mit weitaus schlimmeren Folgen des Klimawandels zu rechnen. Die Empfehlungen des Berichtes wurden von der COP21 entgegen genommen und in die o.g. Einladung an den Weltklimarat übersetzt.

„Weltklimarat“?

Der Zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaveränderung (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) ist eine der Klimarahmenkonvention UNFCCC beigeordnete Institution mit Sitz in Genf, die 1988 von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gegründet wurde. Die Aufgabe des IPCC ist es, den Stand der wissenschaftlichen Forschung für die Politik zusammenzufassen.

Dies geschieht in sogenannten Sachstandsberichten, die etwa alle fünf Jahre erscheinen. Dazu tragen Forschende aus der ganzen Welt den aktuellen Stand der Klimawissenschaft zusammen und werten ihn aus. Resultat: mehrere tausend Seiten. Wesentlich handlicher sind da die Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger/-innen (Summary for Policy Makers, SPM). Diese Kurzfassungen werden im Rahmen einer Plenarsitzung des IPCC umfangreich kommentiert und diskutiert, auch von den Mitgliedstaaten. Daher werden die IPCC-Berichte von Klimawandel-“Skeptikern“ oft als politisch manipuliert kritisiert. Eine kürzlich veröffentlichte Studie hat herausgefunden, dass die SPM durch den „Verhandlungsprozess“ de facto verständlicher werden und plädiert dafür, das Verfahren auch für den nächsten Sachstandsbericht beizubehalten.

Einladung angenommen!

Auf seinem Plenum im April hat der IPCC den Zeitplan für den nun sechsten Berichtszyklus (2016-2022) entschieden und außerdem die Themen für drei zusätzliche Sonderberichte festgelegt. Eines der Themen ist die Frage nach den Auswirkungen einer Temperaturerhöhung um 1,5 Grad Celsius, und die zur Einhaltung notwendigen Emissionsreduktionspfade. Damit hat der IPCC die Einladung aus Paris angenommen und strebt an, bis 2018 den entsprechenden Forschungsstand zu erfassen. 2018 ist ein wichtiges Jahr, weil die Weltklimakonferenz dann die in 2015 vorgelegten Klimaschutzbeiträge der Staaten überprüfen soll. Der Forschungsstand zu 1,5 Grad Celsius ist wichtig für die Weiterentwicklung dieser Beiträge.

Vom 15. bis zum 18. August findet in Genf nun das sogenannte Scoping Meeting für den Sonderbericht zu 1,5 Grad Celsius statt. Unter den mehr als 80 eingeladenen Experten, die in den Prozess zur Festlegung des Untersuchungsrahmens („scoping“) eingebunden werden, sind auch sechs deutsche Wissenschaftler/-innen. Neben der deutschen IPCC-Koordinierungsstelle sind auch deutsche Forschungsinstitute vertreten. Ebenfalls beteiligt ist Prof. Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut. Als Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe II ist er Mitglied des Lenkungsgremiums für den Sonderbericht. Nach dem Treffen in Genf sollen insbesondere der Titel, der Aufbau und die Themen des Berichts feststehen. Letzteres wird eine erste Einschätzung ermöglichen, ob – wie es der Anspruch des IPCC ist – auch die sozialen Auswirkungen ausreichend Berücksichtigung finden. Das gilt nicht nur für die Folgen des Klimawandels selbst, sondern auch für die weitgehend unerforschten und noch weniger erprobten Technologien, die gerne für die Eindämmung des Klimawandels ins Feld geführt werden. Erst recht – so steht zu befürchten – wenn die Klimaziele verschärft werden.

Und was hat das mit Misereor zu tun?

Normalerweise verfolgt Misereor nicht bis ins Detail, was der Weltklimarat so treibt. Natürlich sind auch für uns die in den Sachstandsberichten zusammengetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse eine wichtige Informationsquelle. Noch wichtiger sind aber die realen Erfahrungen unserer Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ihre Berichte machen deutlich: Schon jetzt – bei einer durchschnittlichen globalen Erwärmung von rund 1 Grad Celsius – sind die Klimaveränderungen deutlich spürbar, die Folgen des Klimawandels verheerend. Ein halbes Grad mehr oder weniger macht für die Menschen in der Sahelzone, auf den pazifischen Inseln oder auch im Hochland der Anden sehr wohl einen Unterschied! Wenn also die wissenschaftlichen Erkenntnisse die Forderung der besonders vom Klimawandel betroffenen Staaten nach einer sehr viel ambitionierteren Klimapolitik untermauern können, wäre das auch für unsere Arbeit bei Misereor ein gewichtiges Argument. Denn Klimawandel und Klimapolitik sind eine Frage der Gerechtigkeit!

* Das Pariser Abkommen tritt erst in Kraft, wenn es mindestens 55 Staaten ratifiziert haben, die zusammen mindestens 55 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantworten. Das Abkommen wurde bis dato von 180 der 197 UNFCCC Mitgliedstaaten unterzeichnet; ratifiziert – also in nationale Gesetze übertragen – haben es bislang 22 Staaten mit zusammen 1,08 Prozent der Emissionen (Stand: 3. August 2016).


Weitere Informationen

MISEREOR-Dossier „Was der Klimawandel mit Gerechtigkeit zu tun hat“

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