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Zeichen der Hoffnung in der Zentralafrikanischen Republik

Die zentralafrikanische Republik (ZAR) kommt nicht zur Ruhe. Im März 2013 überrannten die mehrheitlich muslimischen Séléka-Rebellen die Hauptstadt Bangui und stürzten den Präsidenten. Daraufhin formierte sich die überwiegend christliche Anti-Balaka-Bewegung, welche die muslimischen Rebellen wieder vertrieb. Nach einer unsicheren Übergangszeit fanden dieses Jahr Wahlen statt. Maria Klatte, Leiterin der Abteilung Afrika/Naher Osten bei MISEREOR, reiste im Rahmen einer Delegationsreise im Oktober in das gebeutelte Land und machte sich ein Bild von der momentanen Situation. Im Interview berichtet sie von Erwartungen an Deutschland und der wichtigen Rolle der Religionsgemeinschaften vor Ort.

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Maria Klatte, Leiterin der Abteilung Afrika/Naher Osten bei MISEREOR, reiste im Oktober in die Zentralafrikanische Republik © MISEREOR

Wie stellt sich die Situation in der ZAR zurzeit dar? Gibt es hoffnungsmachende Zeichen?

Die letzten drei Jahre waren die schlimmsten in der Geschichte der Zentralafrikanischen Republik.  Das haben uns vor Ort politische und kirchliche Akteure ebenso bestätigt wie Menschen in den Gemeinden. Der Staat ist auch weiterhin extrem fragil. Es gibt so gut wie keine Infrastruktur, selbst in der Hauptstadt Bangui gibt es kaum geteerte Straßen und so gut wie keine öffentlichen Dienstleistungen. Auch der Wiederaufbau politischer oder juristischer Institutionen ist noch am Anfang. Die Menschen sagen aber auch, dass im Verlaufe des letzten Jahres Meilensteine erreicht worden sind, die Hoffnung machen. So sind die Wahlen im März weitgehend gewaltfrei verlaufen. Man setzt sehr viel Hoffnung auf den neuen Präsidenten Faustin-Archange Taoudéra. Er gilt als sehr besonnen und hat die verschiedenen Akteure im Blick.

Im September 2015 erhielt die von MISEREOR unterstützte Plattform für interreligiösen Dialog den Aachener Friedenspreis. Im November besuchte Papst Franziskus das Land und besuchte zum Beispiel auch eine muslimische Gemeinde. Der Papstbesuch stärkte die interreligiöse Plattform in ihrem ökumenischen Engagement und hatte darüber hinaus auch eine politische Dimension: Laut den Abgeordneten der zentralafrikanischen Generalversammlung habe er internationale Aufmerksamkeit auf das Land gelenkt, welche den erfolgreichen Verlauf der Wahlen bedingt hat.

Geht die angesprochene Fragilität schon auf die Zeit vor 2013 zurück, als die muslimischen Seleka-Rebellen die Hauptstadt Bangui überrannten und die Regierung absetzten?

Definitiv. Ich habe auf der Reise mit verschiedenen Menschen gesprochen, auch mit Missionaren, die seit Jahrzehnten in der ZAR leben und arbeiten. Alle betonten, dass das Land eine schlechte Regierung nach der nächsten erlebt hat. Das Land ist ein ressourcenreiches Land, neben Diamanten und Gold gibt es auch Erdölvorkommen. Die Regierungen stellten immer wieder familiäre Eigeninteressen der Schaffung effizienter Staatsapparate voran. Die Konflikte der letzten drei Jahre sind letztlich auch auf bestimmte Interessen und Erfahrungen zurückzuführen. In den europäischen Medien wurde stark die interreligiöse Komponente der Auseinandersetzungen betont. Richtig ist, dass sich die Rebellenbewegungen als christlich bzw. muslimisch definiert haben. Die Interreligiöse Plattform betont jedoch immer wieder, dass das Land traditionell keine Erfahrung mit interreligiösen Konflikten hat, sondern es im Gegenteil schon immer viel Durchmischung gab, zum Beispiel durch interkonfessionelle Mischehen. Letztlich sind die Auseinandersetzungen durch verschiedenste Interessen motiviert.

Die Delegation traf in der ZAR Mitglieder der von MISEREOR geförderten interreligiösen Plattform ©Maria Klatte/MISEREOR

Die Delegation traf in der ZAR Mitglieder der von MISEREOR geförderten interreligiösen Plattform © Peter Meiwald

Suggeriert eine interreligiöse Plattform denn nicht, dass Religion an der Wurzel des Konfliktes liegt?

Nein, die  Plattform steht vielmehr dafür, dass man sich gemeinsam ökumenisch für den Frieden engagiert. Die verschiedenen Interessensgruppen unterscheiden sich entlang verschiedener Merkmale. Eine Reduzierung auf Religionszugehörigkeit als Kategorisierung des Konfliktes wird der Komplexität nicht gerecht. Vor diesem Hintergrund finde ich das Engagement der drei Religionsführer, die sich in der Plattform gemeinsam einsetzen, sehr bemerkenswert, denn sie müssen sich teilweise auch in den eigenen Reihen gegen Widerstand und Skepsis behaupten. Die Anerkennung von Gewaltverbrechen und die daraus resultierende Versöhnungsarbeit ist ein langer und schwieriger Weg. So ein Dialog ist nicht selbstverständlich, man muss sich täglich für ihn einsetzen. Die ökumenische Herangehensweise wirkt daher an der Basis, das haben uns unter anderem ehemalige Rebellen, katholische Studentenvereinigungen sowie muslimische Frauen- und Jugendverbände bestätigt, die täglich mit dem interreligiösen Ansatz arbeiten. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen würde ich sagen: Religion liegt nicht an der Wurzel des Konfliktes, kann aber an der Wurzel des Friedens liegen.

Erzbischof Nzapalainga ist einer der Initiatoren der interreligiösen Plattform und Träger des Aachener Friedenspreises. Während Ihrer Reise wurde er vom Papst zum Kardinal ernannt. Wie haben Sie diese Ernennung erlebt? Was bedeutet sie für das Land?

Wir waren sehr überrascht. Die Nachricht wurde sonntags verkündet. Wir waren in einem katholischen Gottesdienst in Bangui und anschließend auf einem Pfarrfest. Dort war die Freude schon sehr groß. Als wir nachmittags von einem Projektbesuch zurück in die Hauptstadt fuhren, waren die Straßen gesäumt von Menschen in Festtagskleidung und mit Palmwedeln in der Hand. Sie warteten auf den Kardinal, der auf dem Weg zur Kathedrale war. Die Stimmung war ausgelassen, die Begeisterung unglaublich groß. Das war einer der eindrücklichsten Momente der Reise. So wie der Papstbesuch als eine besondere Ehrung angesehen wurde, so wurde auch die Kardinalsernennung als ein Mut machendes Zeichen verstanden, welches das Engagement in der interreligiösen Verständigung würdigt.

Maria Klatte (2 von rechts) und MdB Peter Meiwald (2. von links) wohnen der symbolischen Eröffnung eines Friedenstrainings bei ©MISEREOR

Maria Klatte (2 von rechts) und MdB Peter Meiwald (2. von links) wohnen der symbolischen Eröffnung eines Friedenstrainings bei © Peter Meiwald

Wie steht es zurzeit um den offiziellen Friedensprozess?

Der neue Präsident und die neu gewählten Abgeordneten sind demokratisch legitimiert. Das ist wichtig. Noch wichtiger ist, dass sie nun einen politischen Prozess auf den Weg bringen, der dauerhaft Stabilität ermöglicht. Wir haben auf der Reise lernen müssen, dass sich dieser Prozess noch am Anfang befindet. Die Sicherheit ist nach wie vor äußerst fragil. In der Hauptstadt wird man ständig von Wagen mit schwerbewaffneten UN-Soldaten überholt. Der Präsident sagte uns, dass die Regierung kein eigenes Militär habe und die Sicherheit daher nicht gewährleisten könne. Der Wiederaufbau politischer Institutionen schreitet ebenfalls nur langsam voran. So sind zwar wieder Distrikte eingerichtet, doch diese funktionieren noch nicht richtig. In vielen Landesteilen ist der Staat vollkommen abwesend. Daher spielt die Zivilgesellschaft inklusive der verschiedenen Religionsgemeinschaften eine sehr wichtige Rolle in der Versorgung der Bevölkerung.

Wie sieht die Arbeit von MISEREOR in diesem Bereich aus?

Wir kooperieren mit dem niederländischen Hilfswerk Cordaid, das wir aus langjähriger Zusammenarbeit gut kennen. Cordaid hat ein Büro vor Ort und damit die Möglichkeit, beim Wiederaufbau von Strukturen im Gesundheitsbereich, im Bildungsbereich oder im Bereich der Friedensarbeit, unmittelbar beratend mitzuwirken. Die Projektförderung umfasst zurzeit 600.000 Euro. Der Fokus liegt auf der institutionellen Stärkung der interreligiösen Plattform sowie der Ausgestaltung der Projektarbeit zwischen den drei Religionsgemeinschaften. Schul- und Gesundheitseinrichtungen werden weiter gestärkt und ausgerüstet. Angesichts der fragilen Situation im Land und dem noch fehlenden Angebot von staatlicher Seite, wird dies von allen Seiten sehr geschätzt. Langfristig muss das Ziel jedoch sein, dass der Staat seine Aufgabe der Sicherung von Grunddiensten im Bereich Gesundheit und Bildung übernehmen kann.

Direkt am Rollfeld des internationalen Flughafens der Hauptstadt Bangui beginnt ein Flüchtlingslager ©Maria Klatte/MISEREOR

Direkt am Rollfeld des internationalen Flughafens der Hauptstadt Bangui beginnt ein Flüchtlingslager ©Maria Klatte/MISEREOR

Was wünschen sich Politiker aus der ZAR von Deutschland? Wie wurde Angela Merkels Reiseprogramm vor diesem Hintergrund wahrgenommen, das sie zwar nach Niger und Mali, nicht aber in die ZAR führte, obwohl es auch dort ein massives (internes) Flüchtlingsproblem gibt?

Die zentralafrikanischen Politiker haben sich mehrfach mit der Bitte um weitreichende Unterstützung beim Staatsaufbau durch die deutsche Bundesregierung an unsere Delegation gewendet, vor allem an den mit uns reisenden Bundestagsabgeordneten Peter Meiwald. Sie wünschen sich in allererster Linie, dass wieder eine deutsche Botschaft in Bangui aufgebaut wird. Zurzeit ist nur ein Konsul als Verbindungsbüro vor Ort. Allgemein wünschen sie sich, dass die Bundesregierung der ZAR wieder mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt. Zu Merkels Reise habe ich keine direkten Rückmeldungen erhalten. Generell wird es wertgeschätzt, wenn die Bundeskanzlerin nach Afrika kommt. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Reise als Interessenspolitik wahrgenommen wird: Entwicklungszusammenarbeit im Gegenzug für Grenzsicherung und die Verhinderung von Flucht und Migration.


MISEREOR unterstützt in der ZAR in Kooperation mit dem niederländischen Hilfswerk Cordaid vier Diözesen beim Aufbau von Schulen und Gesundheitseinrichtungen sowie bei Friedens- und Versöhnungsarbeit. Ein besonderer Fokus der Arbeit ist die Stärkung der interreligiösen Plattform aus Katholiken, Protestanten und Muslimen.

Autor:

Thomas Kuller

Thomas Kuller arbeitet in der Abteilung Kommunikation.

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