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Landwirtschaft in Uganda: Der Staat übersieht das Potenzial seiner Kleinbauern!

Rund 70 Prozent der Menschen in Uganda arbeiten in der Landwirtschaft, von ihr leben können aber nur die Wenigsten. Wie in vielen anderen Ländern Afrikas ist die Förderung des Agrarsektors über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Dabei, das belegt eine neue Studie von MISEREOR, liegt vor allem in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft großes Potenzial. Nachhaltige Landwirtschaft hilft Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, sowohl die eigene Ernährung zu sichern als auch das Einkommen deutlich zu steigern. MISEREOR-Expertin Sabine Dorlöchter-Sulser hat die Studie begleitet.

Sabine Dorlöchter-Sulser

MISEREOR hat über einen Zeitraum von rund 20 Jahren in zehn Distrikten in Uganda Projekte von Partnerorganisationen im Bereich „nachhaltige Landwirtschaft“ untersucht. Was bedeutet das und was kam bei der Studie heraus?

Sabine Dorlöchter-Sulser: Die meisten Projektpartner in Uganda unterstützen wir seit fast 20 Jahren mit dem agrarökologischen Ansatz. Dabei geht es um Methoden der Landwirtschaft, die möglichst ohne großes Kapital auskommen und damit vor allem für ärmere Bäuerinnen und Bauern erschwinglich und umsetzbar sind. Sie arbeiten mit den Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen. 2005 haben wir das erste Mal eine Studie in sieben Projekten durchgeführt. Insgesamt wurden damals wie heute rund 700 Haushalte befragt. Und damals wie heute hat man festgestellt, dass Kleinbauern aus den Projekten im Vergleich zu Kleinbauern, die gar nicht oder anders beraten werden, enorme Fortschritte bei der Sicherung der Ernährung, beim Einkommen und damit auch beim Lebensstandard gemacht haben. Es ist unglaublich wenn man sieht, welche Art von Betriebsentwicklung die Beratung bei vielen Bauern in Gang setzt. Sie nutzen das neue Kapital um Land zu kaufen oder einzelne Bereiche im Betrieb auszubauen, wie zum Beispiel den Anbau von Kaffee.

Was sind denn „verbesserte agrarökologische Methoden“, können Sie ein Beispiel nennen?

Ein großes Problem der letzten Jahrzehnte sind klimatische Veränderungen. Die Regenzeiten werden unzuverlässiger und es gibt Trockenperioden in denen es gar nicht regnet. Um weniger Regenwasser optimal für die Pflanzen einzusetzen, heben die Bauern zum Beispiel kleine „Gräben“ aus. Eine andere Möglichkeit ist das Mulchen. Das kennt jeder Kleingärtner von Zuhause. Es hat den Vorteil, dass die Feuchtigkeit weniger schnell verdunstet und dass der Mulch Unkräuter unterdrückt. Insgesamt fördern unsere Partner eine Serie von einfachen Maßnahmen im Bereich Pflanzenbau, bei der Tierhaltung und der Integration von Bäumen sowie im Bereich Verarbeitung. Es geht letztlich immer darum, das bestehende Anbausystem gemeinsam mit den Bauern und dem Standort angepasst  zu optimieren.

MISEREOR-Partnerorganisationen beraten Kleinbauern mit agrarökologischen Methoden.

Was ist die Zielgruppe dieser Projekte?

Wir erreichen mit diesen Methoden, das zeigt die Studie, dass vor allem die ärmsten Kleinbauern ihren Lebensstandard überproportional verbessert haben. Und gerade die ärmsten 25 Prozent unter ihnen sind in der Regel schwer zu erreichen. Wäre der ugandische Staat in der Lage, die agrarökologischen Methoden zum Inhalt seiner Agrarberatung zu machen und würde er die vielen kleinen Betriebe ernst nehmen, könnte seine Landwirtschaft ein unglaubliches Potenzial entfalten! Die vorhandene Arbeitskraft der Menschen wäre damit auch viel produktiver eingesetzt. Sie könnten sich mit ihren Ressourcen besser ernähren und höheres Einkommen erzielen. Damit wäre ein wichtiger Beitrag zur Armutsbekämpfung auf dem Lande geleistet.

..das heißt MISEREOR kritisiert auch die Agrarpolitik vieler Staaten?

Das größte Vorurteil gegenüber der Agrarökologie ist, dass sie sehr arbeitsintensiv sei und für viele Bauern daher nicht interessant. Unsere Ergebnisse zeigen: Jenseits der Unterstellung von Romantizismus können durch agrarökologische Landwirtschaft und die Unterstützung kleinbäuerlicher Strukturen ganz klar Fortschritte erzielt werden, die man nicht wegdiskutieren kann. Agrarökologische Methoden erlauben den Bauern, ihre landwirtschaftliche Produktion mit einfachen Mitteln zu intensivieren. Es ist eine echte Alternative zum teuren Einsatz von Dünger, verbessertem Saatgut und Monokulturen. Es lohnt sich dabei für die Kleinbauern, einen möglichst diversifizierten Anbau zu betreiben und damit auch Alternativen zu haben, falls es zu Ernteausfällen kommt oder zu starkem Preisverfall.

Jede agrarökologische Zone braucht eigene Lösungen für den Anbau. Fotos: MISEREOR

Dem gegenüber stellen Sie als Beispiel nicht nur Kleinbauern, die nicht von MISEREOR-Partnern beraten werden, sondern auch Vertragsbauern im Tee-Anbau. Warum?

Wir wollten sehen, wie das von vielen internationalen Organisationen propagierte Modell des „Vertragsanbaus“ gegenüber dem von MISEREOR geförderten Modell abschneidet. Der Vertragsanbau, das „contract-farming“, wird in Ländern wie Tansania, Mosambik, Äthiopien und Uganda als bevorzugtes Modell angesehen, um die Landwirtschaft zu intensivieren. Das Potenzial der Kleinbauern sieht man dabei in der Zusammenarbeit mit großen Unternehmen. Die Grundidee dahinter ist, dass im Zentrum eine große Plantage mit Verarbeitungsanlage steht und Kleinbauern rundherum als Vertragsbauern das Agrarprodukt wie Kaffee oder Tee zuliefern. Das Unternehmen übernimmt die Versorgung mit Betriebsmitteln wie Dünger, leistet Beratung, organisiert den Abtransport der Ernte und ist Aufkäufer. Laut Theorie gewinnen dabei beide Seiten. In der Praxis sieht das Ganze aber oft anders aus: Uganda hat in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich den Tee-Anbau durch Kleinbauern vorangetrieben. Das funktioniert da gut, wo es verschiedene Aufkäufer gibt. Dort, wo es aber nur einen Aufkäufer gibt, diktiert der auch den Preis. Dann erleben wir: gehen die Weltmarktpreise hoch, kommt die Preiserhöhung nicht bei den Tee-Produzenten an. Auch die versprochenen Leistungen für die Teebauern werden drastisch reduziert. Und gibt ein Betreiber seine Plantage auf, auch solch einen Fall kennen wir, bleiben die Bauern auf ihrem Tee sitzen. Das ist fatal, bedenkt man, dass Tee-Anbau auf rund 100 Jahre angelegt ist. Betrachten wir die Ergebnisse der Studie, schneiden die Vertragsbauern von Tee in Uganda gegenüber den Bäuerinnen und Bauern, die die agrarökologische Landwirtschaft betreiben, deutlich schlechter ab.

Welches Fazit zieht MISEREOR aus der Studie?

Gerade in Ländern, in denen die Mehrheit der Menschen in und von der Landwirtschaft leben, geht kein Weg an einer Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft vorbei. Auch, weil in den wenigsten Fällen andere Sektoren ausreichend Beschäftigung schaffen. Setzen Länder wie Uganda oder Tansania auf großflächige und industrielle Landwirtschaft, besteht die Gefahr, dass Kleinbäuerinnen und -bauern zunehmend verdrängt und viele ungelernte Arbeitskräfte auf dem Land frei gesetzt werden. Das löst nicht das weltweite Hungerproblem, wie es die Vereinten Nationen bis 2030 anstreben, sondern schafft ganz im Gegenteil neue Armut und Abhängigkeiten.


Weitere Informationen…

Nachhaltige Landwirtschaft – Schlüssel zu einem inklusiven ländlichen  Strukturwandel

Ugandas Bäuerinnen und Bauern konnten ihre Landwirtschaft erfolgreich intensivieren, ihre Ernährung rund um das Jahr sichern und ihre Einkommen erhöhen. Eine von MISEREOR beauftragte Studie zeigt, dass die dabei eingesetzten agrar-ökologischen Methoden Armut  bekämpfen. Die Studie, die insgesamt 714 bäuerliche Familienbetriebe in 10 Distrikten untersucht hat, vergleicht  Bäuerinnen und Bauern, die in von MISEREOR geförderten Projekten beraten werden, mit Referenzbauern und Vertragsbauern im Teeanbau. Bei vergleichbarer Betriebsausstattung schneiden die bäuerlichen Betriebe, die eine agrar-ökologische Landwirtschaft praktizieren, im Vergleich am besten ab.

Zur Studie (in englischer Sprache mit deutscher Zusammenfassung) >>

MISEREOR Online-Dossier „Gutes Essen für alle“?

Broschüre „Besser anders -anders Besser. Mit Agrarökologie die Ernährungswende gestalten (PDF, deutsch)

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Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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