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Über unser Essen mitbestimmen – Erster Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte in Deutschland

Der Name der Stadt war vom 10. bis 12. November 2017 in Essen Programm: Auf dem ersten „Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte“, zu dem der Ernährungsrat Köln und der Ernährungsrat Berlin eingeladen hatten, kamen über 120 Engagierte zusammen, die sich für einen sozial-ökologischen Wandel ihres regionalen Ernährungssystems einsetzen. Die Teilnehmenden aus lokalen Initiativen und Vereinen sowie der Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Landwirtschaft, Gastronomie und Bildungsarbeit fanden sich zum gemeinsamen Austausch und zur Vernetzung zusammen – allen gemeinsam ist der Wunsch, die Zukunft unserer Ernährung mitzugestalten.

 © Katharina Girnuweit

© Katharina Girnuweit

Visionen für Ernährungssouveränität

In der Alten Lohnhalle in Essen sprudelten die Ideen förmlich in den Köpfen der Teilnehmenden, die teilweise sogar aus Österreich, der Schweiz und Südtirol anreisten. Am Ende des Kongresses wurde nicht nur bildlich ein großes Netz aus roten Wollknäulen zwischen den Teilnehmenden gespannt Mailadressen wurden ausgetauscht, Arbeitsgruppen errichtet und Zuständigkeiten verteilt, z.B. für den Aufbau einer Online-Plattform für den weiteren Austausch. Der Grundstein für eine bundesweite Vernetzung von mehr als 40 Ernährungsräten und Ernährungsrats-Initiativen im deutschsprachigen Raum wurde gelegt. Mark Winne aus den USA gibt sich überzeugt: „I was present for the start of a revolution.“ („Ich war dabei, bei dem Beginn einer Revolution.“).

Lernen von internationalen Erfahrungen

Auf ihrem Weg können die jungen Ernährungsinitiativen von den Erfahrungen internationaler Expert/innen lernen. Neben Experten  aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Großbritannien war auf dem Kongress auch Bruno Prado von der MISEREOR-Partnerorganisation AS-PTA aus Brasilien vertreten. Er ist Mitglied im Ernährungsrat der Metropole Rio de Janeiro und erfahren auf dem Gebiet der regionalen Ernährungspolitik. Vom Beispiel Brasilien können wir hier in Deutschland noch einiges lernen: Dort gibt es sogar ein nationales Gesetz, das vorschreibt, dass staatliche Schulen 30% ihrer Lebensmittel von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aus der Region beziehen.

 © Katharina Girnuweit

© Katharina Girnuweit

Lokale Lösungen für globale Probleme – Ernährungsräte in Deutschland

In den letzten Jahren erfreut sich die Idee der Ernährungsräte in Deutschland großer Beliebtheit. Nachdem die ersten Ernährungsräte in Köln und Berlin gegründet wurden, sprießen bundesweit zahlreiche weitere dieser Initiativen aus dem Boden. Diese sind meist von der Zivilgesellschaft initiiert und organisieren einen Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Landwirt/innen, Händler/innen, Gastronom/innen und Wissenschaftler/innen. Dabei ist es das gemeinsame Ziel die Ernährungssouveränität, die Kontrolle über das Ernährungssystem, wiederzuerlangen, die zunehmend in den Händen weniger multinationaler Akteure der Ernährungs- und Agrarindustrie liegt. Regionale Ernährungssysteme sollen transparent sein, Erzeuger/innen aus der Umgebung stärken, klimafreundliche Transportwege haben und ein bäuerliches, ressourcenschonendes Landwirtschaftsmodell stärken.

Christine Pohl vom Ernährungsrat Berlin machte deutlich, dass Ernährungspolitik bisher von Entscheidungstragenden nicht ressortübergreifend und lokal angegangen wird: „Urbane Ernährung wird bisher als politisches Handlungsfeld weitgehend vernachlässigt. Aber wir brauchen Ernährungspolitik in den Städten, denn hier müssen die Veränderungen beginnen. Ernährungsräte sind die lokale Antwort auf viele Probleme, die durch unser derzeit globalisiertes Ernährungssystem verursacht wurden.“

Konsum und Handel auf Kosten des globalen Südens   

Alessa Heuser, Referentin für Agrar- und Ernährungspolitik bei MISEREOR, verdeutlichte, welche Folgen unsere Konsummuster und Handelspolitiken für den globalen Süden haben: „Das industrialisierte, globalisierte Ernährungssystem trägt maßgeblich zur sozialen Ungleichheit, zum Klimawandel und zur Umweltzerstörung bei. Besonders die Menschen des globalen Südens sind Verlierer dieses Systems. EU-Billigimporte oder großflächige Landnahmen zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion für unsere Supermarktregale haben dort fatale Folgen. Ernährungsräte können den Erhalt bäuerlicher Landwirtschaft, vitale Stadt-Land-Beziehungen und kurze Vermarktungswege stärken.“

Ernährungspolitik auf die regionale Ebene holen

Auch die Landesregierungen müssen sich stärker für eine regionale, soziale und ökologische Lebensmittelversorgung einsetzen. Gestern riefen MISEREOR und der Kölner Ernährungsrat die nordrhein-westfälische Landesregierung in Düsseldorf auf, sich stärker für eine regionale, soziale und ökologische Lebensmittelversorgung in NRW einzusetzen und ernährungspolitische Strategien für das Land zu erarbeiten. Zudem müssten Ernährungsinitiativen auch auf Landesebene unterstützt werden.

Valentin Thurn, Gründer des Ernährungsrates in Köln und Filmemacher dazu: „Wollen wir einen ernährungspolitischen Wandel herbeiführen, muss Ernährungspolitik auf kommunaler und Landesebene gestaltet werden. Ernährungsräte, wie sie in Köln oder Berlin in jüngster Zeit entstanden sind, leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Das Land NRW muss diese Bewegung unterstützen und Ernährungspolitik als Politikfeld erkennen.“

Über die Autorinnen: Clara-Luisa Weichelt und Alessa Heuser arbeiten in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen bei MISEREOR.


Weiterführende Literatur

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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