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Mit langem Atem für mehr Gerechtigkeit

Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel spricht zum 60. Geburtstag von MISEREOR über die Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit, das „Entwicklungsland Deutschland“ und ein modernes Verständnis von „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer von MISEREOR.

Was hat MISEREOR in den vergangenen Jahrzehnten erreicht, welchen Herausforderungen muss sich das Werk in Zukunft stellen?

Pirmin Spiegel: Mit MISEREOR verbinde ich vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Partnern weltweit. Gemeinsam ist es uns gelungen, immer wieder einen Bewusstseinswandel anzustoßen. Dergestalt, dass heute der Norden und der Süden nicht bloß geographisch bzw. getrennt voneinander betrachtet werden, sondern dass wirtschaftliche, ökologische und soziale Fragen wie auch die Ursachen von Armut und Ausgrenzung in einer globalisierten Welt zusammenhängen. Auch Deutschland ist in mancherlei Hinsicht Entwicklungsland, gerade was die Verlagerung der Kosten für unsere Lebensweise auf andere Nationen und Menschen betrifft. Soziale und ökologische Kosten werden verschleiert, Lasten auf andere Staaten im globalen Süden abgewälzt. Entwicklungszusammenarbeit kann aber nur dann wirksam sein, wenn sie auch uns selbst einschließt. Wichtig für unsere Arbeit ist damals, heute wie in Zukunft: Nur gemeinsam mit den Menschen und unter Berücksichtigung ihrer Ideen, ihres Wissens und ihrer Potenziale werden wir die Lebensverhältnisse in Ländern mit hoher Armutsquote spürbar verbessern können. Dass man bei all diesen Bemühungen um globale Gerechtigkeit innerhalb der Grenzen unseres Erdplaneten einen langen Atem haben muss, bleibt eine große Herausforderung.

Zwei markante Punkte aus der Geschichte MISEREORs sollten an dieser Stelle angesprochen werden: die frühesten Wurzeln des Werks und die Verbindungen in die DDR.

Spiegel:  In den 1950er Jahren wurden gerade auf Katholikentagen Nöte und Situationen der Ausgrenzung von Menschen formuliert. Später gab es konkrete Hilfsaktionen, die kirchliche Laienorganisationen initiierten; das Zentralkomitee der deutschen Katholiken regte eine Kollekte an. In diesem Kontext hielt Kardinal Frings seine berühmte Rede vor der Deutschen Bischofskonferenz, mit der die Gründung  Misereors einhergeht. In dieser Rede forderte er, „den Mächtigen ins Gewissen zu reden“ – ein weitblickender Gedanke, der den politischen Auftrag  von MISEREOR auf den Punkt bringt. 1968 wurde in der DDR die  Kollekte „Not in der Welt“ gegründet, ein Zeichen der Solidarität mit Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Nach der Wiedervereinigung  wurde diese Organisation im Jahr 1991 mit MISEREOR zusammengeführt.

Welche Schwerpunkte setzt das Werk mit Blick auf die Zukunft in der Entwicklungszusammenarbeit?

Spiegel: Wir leben in herausfordernden Zeiten; viele sagen, inmitten eines Epochen-Wechsels. Wenn wir nicht zu einem grundlegenden sozialen und ökologischen Wandel kommen, setzt die Menschheit ihre eigenen Lebensgrundlagen aufs Spiel. Lackmustest hierfür wird sein, dass im „gemeinsamen Haus Erde“ alle  Platz haben. Nur so können wir zu einem Verständnis von Gemeinwohl finden, dem alle zustimmen. Das heißt auch, dass die, die von Entscheidungen und ihren Folgen – positiv wie negativ – betroffen sind, am Prozess beteiligt werden müssen. MISEREOR will dazu beitragen, dass Weichen für ein nachhaltiges, sozial gerechteres Leben und Wirtschaften gestellt werden. Eine andere Welt ist möglich! Darüber sind wir nicht nur mit Politik und Unternehmen im Gespräch. Ich sehe es auch als Aufgabe MISEREORs an, mehr Bewusstsein unter Verbraucherinnen und Verbrauchern dafür zu schaffen, dass ihre eigenen materiellen Ansprüche auf ein für alle Menschen erträgliches Maß angepasst werden müssen. Gleichzeitig werden wir wachsam beobachten und uns dafür einsetzen, dass die von den Vereinten Nationen formulierten 17 Nachhaltigkeitsziele umgesetzt werden – mit besonderer Aufmerksamkeit für unsere Schöpfung und die Ärmsten, wie es Papst Franziskus in „Laudato Si‘ formuliert.

Welche Forderungen haben Sie gegenüber der Politik, vor allem auch gegenüber der künftigen Bundesregierung?

Spiegel:  Noch immer leiden 815 Millionen Menschen Hunger, zuletzt sind die Zahlen wieder gestiegen. Mit der Förderung einer bäuerlichen und familiären Landwirtschaft ist eine diversifizierte, nachhaltige, angepasste und gesunde Ernährung für alle möglich, da sind wir uns sicher. In den sogenannten Entwicklungsländern müssen daher die Menschen, die auf dem Land leben, Zugang zu natürlichen Ressourcen, zu bezahlbaren Kleinkrediten, zu angepasster Technologie und lokalen Märkten haben. Patente auf Pflanzen hingegen, wie sie auch große deutsche Konzerne anstreben und dabei zumeist von der Politik unterstützt werden, stehen in Spannung zum Gemeinwohl:  Zur Sicherung ihrer Ernährung ist es wichtig, dass bäuerliche Familienbetriebe ihr Saatgut auch weiterhin selbst vermehren, tauschen und weiterentwickeln können. Saatgut in den Händen weniger Konzerne lässt die Preise steigen und treibt Bauern und ihre Familien weiter in Abhängigkeit. Außerdem muss unsere Wirtschafts- und Finanzpolitik solidarischer werden. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass Treibhausgasemissionen stark reduziert und umweltschädliche Subventionen endlich abgebaut werden. Denn vor allem die Ärmsten leiden schon heute unter den Folgen des Klimawandels  – ebenso, wie die uns nachfolgenden Generationen davon massiv betroffen sein werden.

Wie hat sich die Entwicklungszusammenarbeit im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert? Welche Ansätze stehen heute im Blickpunkt?

Spiegel: Die rasanten politischen, wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen weltweit zwingen uns dazu, unsere Projektarbeit, aber auch unsere entwicklungspolitische Lobby- und Advocacy-Arbeit in anwaltschaftlicher Verantwortung für die Armgemachten und Benachteiligten immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und zu überdenken. In früheren Jahrzehnten wurde zum Beispiel vom Nord-Süd-Konflikt als einem geographischen Konflikt gesprochen, gerade wenn die ökonomische Ungleichheit zwischen wohlhabenden Industriestaaten und Ländern mit hoher Armutsquote herausgestellt werden sollte. Heute verschwimmen diese Unterschiede zwischen Nord und Süd und spiegeln sich in jedem Land wieder. Auch bei uns und in Ländern des globalen Nordens gibt es Ungleichheit und Menschen in Armut und Ausgrenzung, und im Süden finden wir Bevölkerungskreise mit zum Teil beträchtlichem Wohlstand. Die Gräben der ungleichen Verteilung von Arm und Reich stellen sich also nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch innerhalb eines jeden Landes. Darauf muss MISEREOR sich weiter einstellen. In 60 Jahren Entwicklungszusammenarbeit hat MISEREOR die Akzente in seiner Projektarbeit immer wieder neu gesetzt und mit den Partnern weiterentwickelt. Stärker als in früheren Jahrzehnten steht heute zum Beispiel ein Entwicklungsansatz im Mittelpunkt, der in erster Linie an Traditionen und Potenzialen der Begünstigten ansetzt. Wir unterstützen sie dabei, auf eigene Kräfte und Ideen zu vertrauen, und – wenn möglich – rasch von externer Förderung unabhängig zu werden. Dabei werden wir immer wieder selbst zu Lernenden. Im Rahmen von Projektansätzen wie etwa dem Konzept „People led empowerment“ sollen Menschen in unseren Partnerorganisationen vor Ort ihre Probleme so eigenständig wie möglich angehen. Eine solche wertschätzende Partnerschaft auf Augenhöhe ist das, was wir unter moderner „Hilfe zur Selbsthilfe“ verstehen. Die positiven Ergebnisse vieler solcher MISEREOR-Projekte bestätigen uns in unserer Herangehensweise.


Weitere Informationen

Seit 60 Jahren setzt sich MISEREOR für Menschen ein, denen ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit verwehrt ist. Erfahren Sie in unserer digitalen Pressemappe zum 60. Geburtstag von MISEREOR mehr über unsere Geschichte, Erfolge mit unseren Partnern weltweit und zukünftige Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit.

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kenne H. Pirmin Spiegel, seit er in Bierbach unser Pfarrer war. Ich bitte um seine E-Mail-Adresse. Ich möchte mich mit ihm austauschen. Ich bin Förster. In seiner Abschiedspredigt bei uns hat er gesagt. „Das Leben lohnt jeden Einsatz“. Das ist fundamental. Es geht weit über den Menschen hinaus. Viele Grüße Georg Josef Wilhelm

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