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Menschenrechtsverteidiger in Mexiko: „Ich habe nicht aufgehört, Lucha Castro zu sein“

Der mexikanische Grenzstaat Chihuahua ist als Brutstätte für Korruption und Gewalt bekannt: Die Kämpfe der mächtigen Drogenkartelle, Korruption, eine hohe Militarisierung  und das „gewaltsame Verschwindenlassen“ von Mexikanerinnen und Mexikanern, Migranten und Polizisten führen dort jährlich zu tausenden Toten. Der größte Teil der Fälle bleibt wegen fehlendem politischen Willen und der weit verbreiteten Straflosigkeit  ungelöst. Die Anwältin Luz („Lucha“, Deutsch: Kampf) Estrela Castro, ehemalige Direktorin der MISEREOR-Partnerorganisation CEDEHM (Centro de Derechos Humanos de las Mujeres), ist seit Kurzem Präsidentin des juristischen Beirates in Chihuahua. Im Interview spricht sie über den schwierigen Kampf gegen Korruption, für Frauen- und Menschenrechte  und das Klima um die bevorstehenden Wahlen in Mexiko.

Luz („Lucha“) Estrela Castro, ehemalige Direktorin der MISEREOR-Partnerorganisation CEDEHM, ist seit Kurzem Präsidentin des juristischen Beirates in Chihuahua, Mexiko. Fotos: Struck/MISEREOR

Lucha, am 1. Juli ist die Präsidentenwahl in Mexiko. Welche Erwartungen haben Sie an einen Regierungswechsel?

Wir sehen jetzt schon, worauf es hinausläuft: die Interessen der Unternehmer, der Ölkonzerne, sogar der Flughafenbetreiber. Die wirtschaftliche Macht, die von der Narco-Politik Mexikos ausgeht, steht im Vordergrund. Hier gibt es den Spruch: „Armes Mexiko; so weit von Gott entfernt und so nah an den USA“. So lange das Geschäft mit Drogen und Waffen mit den USA weiter besteht, so lange können wir wenig erreichen. Und ehrlich gesagt sehe ich keinen Kandidaten, der sich für das Thema Menschenrechte interessiert.  Bei meinen Reisen durch Europa habe ich immer wieder kritisiert, dass auch die EU lediglich zwei strategische Verbindungen zu Lateinamerika sieht: Brasilien und Mexiko. Das Thema Menschenrechte wird dabei übersehen, ökonomische Interessen sind wichtiger. Auch die internationale Gemeinschaft tut so, als würde sie sich für Menschenrechte interessieren – doch wenn sie Öl und Minen sieht, vergisst sie. Der erste Gouverneur, der sich getraut hat, das Thema Korruption ernsthaft anzugehen, ist (Anm.d.Red.: Chihuahuas Gouverneur) Javier Corral Jaruda. Er hat zwölf Haftbefehle gegen César Duarte (Anm.d.Red.: ehemaliger Gouverneur von Chihuahua) beantragt, doch der wird durch die Regierung geschützt. Sie hebeln Corral aus und führen eine brutale Kampagne gegen ihn. Wir, die in Mexiko ernsthaft Korruption bekämpfen wollen, werden gelähmt. Auch ich fühle mich derzeit so.

Erklären Sie das bitte genauer…

Der Beirat kontrolliert die Justiz; hier werden Richter und Justizbeamte bestimmt. Ich führe keine Gerichtsverfahren, ich mache kleinere Dinge, doch die können Großes bewirken. Als Duarte ging, ernannte er 54 neue Richter und 13 Justizbeamte ohne Justizlaufbahn für unseren Rat. Menschen, die niemals eine Fall-Akte gesehen haben. Diese Justizbeamten sitzen hier, haben kein Studium und viele von ihnen sind korrupt. Ich möchte, dass alle Richter durch ein Auswahlverfahren in Mexiko-Stadt gehen müssen, damit auch wirklich die besten Personen ausgewählt werden. Ich weiß nicht, ob die Regierung das überhaupt zulässt  – aber ich werde sie anzeigen, falls sie es wagen, die Testergebnisse zu verändern. Ich bin hierhergekommen, um für die Justizgewalt zu bürgen, das ist Teil meines Auftrags. Natürlich bin ich damit oft alleine, sehr allein sogar. Es ist kompliziert.

In Chihuahua erinnern mehrere Denkmäler an ermordete Menschenrechtsaktivistinnen und Aktivisten. Stadt und Bundesstaat gehören zu den gefährlichsten den Landes.

Ein Staatsanwalt hier in Chihuahua hat berichtet, dass das Verbrechen „gewaltsames Verschwindenlassen“ seit 2012 zurückgegangen ist. Gespräche mit Betroffenen, Partnern und Familienangehörigen vermitteln diesen Eindruck aber nicht…

Nun ja. Von den zurückliegenden Regierungen gab es noch gar keine offiziellen Zahlen. Wir vermuten, dass die Zahlen, die es gibt, gefälscht wurden. Und aus vielen Gebieten, zum Beispiel dem der Tarahumara (Anm.d.Red.: indigenes Volk) haben wir bis heute gar keine Informationen über die Anzahl von Verschwundenen.

Woher nehmen Sie die Kraft, wo sie nun nicht mehr in zivilgesellschaftlichen Organisationen, unter vielen Mitstreitern, für Ihre Themen zu kämpfen, sondern in einer Regierung, in der Sie viel Abwehr erfahren?

Es ist kompliziert, auf dieser Seite zu stehen. Als ich herkam und sie mir Akten nicht herausgaben, sagte ich zu ihnen: Ich bin nicht gekommen, um die Dumme zu spielen. Hier gibt es Korruptionsfälle. Wenn ihr die Akten nicht rausgebt, werde ich euch in der Presse anprangern. Ich muss mich vielen Dingen stellen, aber ich finde, dass ich das Richtige tue. Wir sind immer auf die Straße gegangen, um zu kämpfen. Jetzt habe ich die Möglichkeit von innen heraus etwas zu tun. Um das anzuprangern, was hier geschieht. Wenn du auf dieser Seite sitzt, merkst du, wie schwerwiegend die Probleme sind, kannst sie aber auch anzeigen, Verbündete in anderen Organisationen suchen und ihnen all die Informationen weiterreichen.  Ein Beispiel zur Diskriminierung von Frauen: Einmal kam eine Frau mit einem ärztlichen Attest zu mir. Sie bat mich, mit dem Attest zum Richter zu gehen, um zu beweisen, dass sie Probleme an der Wirbelsäule habe und deswegen nicht in Stöckelschuhen bei der Arbeit erscheinen könne. Der Richter verlange dies von ihr – hier gibt es eine unglaubliche Kleiderordnung, man muss wie ein Model erscheinen. Ich bin die einzige, die nicht so zur Arbeit kommt, ich breche die Norm. Auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, kann dies die Situation der Frauen in unserer Gesellschaft verändern.

Gewaltsames Verschwindenlassen in Chihuaha: Yesenias Sohn Carlos verschwand 2015 bei Bauarbeiten – bis heute ist unklar, was mit ihm und seinen Kollegen passiert ist. Die Regierung tut wenig zur Aufklärung, oftmals duldet sie die Verbrechen oder ist sogar daran beteiligt.

Ihre Familie ist nicht mehr im Land, da es Drohungen gegen Sie gab. Haben Sie auch Angst?

Sicher, immer. Es wurde gerade eine Risikoanalyse zu mir vorgenommen, die die Menschenrechtskommission und auch das Gericht gefordert hatten. Die mexikanische Regierung hat behauptet, dass ich jetzt Beamtin wäre, keine Menschenrechtsverteidigerin mehr, und daher keinen Schutz bräuchte. Das Ergebnis war, dass ich einem sehr hohen Risiko ausgesetzt bin. Ich habe aber nicht aufgehört, Lucha Castro zu sein, nur weil ich jetzt in der Regierung bin. Macht bedeutet mir nichts.

Das Interview ist im Rahmen einer Journalistenreise nach Mexiko entstanden. Transkription und Übersetzung: Maya Lucia Tello Breuer.


Erfahren Sie mehr zur aktuellen Menschenrechtslage in Mexiko…

In unserer Multimedia-Reportage „Phantomschmerz – Die Verschwundenen von Mexiko“

In unserer Studie „Verschwindenlassen in Mexiko – Eine systemische Analyse“

Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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