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„Eine Brücke nach Brasilien“ – Besuch im Backbetrieb der Aachener Firma Moss

An diesem Morgen schaut Silvia Moss etwas besorgt aus. Die ungewöhnlich lange Trockenheit und Hitze dürfte die Getreideernte in Deutschland spürbar beeinträchtigen. Es wird nicht nur eine deutlich geringere Menge an Weizen, Roggen und Co. erwartet, auch die Qualität könnte in Teilen zu mager sein, um das Korn zum Backen einzusetzen, fürchtet die Geschäftsführerin der Aachener Traditionsbäckerei MOSS. Die tägliche Versorgung der Backstube mit hochwertigen Rohstoffen könnte in nächster Zeit also teurer und aufwändiger werden.

Konditorin Daniela Reuscher weiht Beate Kästle-Silva und ihrer Tochter Joanna in das Geheimnis der MOSSschen Streuselbrötchen ein. © Schmitter | MISEREOR

Derweil trifft in der Moss-Zentrale an der Aachener Kellershaustraße eine Frau ein, die Sorgen um das Wohlergehen eines Backbetriebes selbst gut kennt. Sorgen, die freilich ein Ausmaß annehmen, wie es hierzulande kaum vorstellbar wäre. Beate Kästle-Silva hat in den 1990er Jahren in Brasilien ein Projekt mit Namen „COMVIVA“ für benachteiligte, vielfach obdachlose Kinder und Jugendliche gegründet.  Dort erhalten die jungen Menschen seitdem neben einer Basis-Versorgung wie warmen Mahlzeiten die Chance auf eine Ausbildung – darunter auch in einer eigenen Bäckerei.

Das ganze Moss-Team ist begeistert

Bei MOSS wiederum war die Begeisterung im gesamten Team groß, als die Idee aufkam, die jährlich gemeinsam mit MISEREOR laufende Solibrot-Aktion ganz gezielt den angehenden Bäckerinnen und Bäckern in Brasilien zugutekommen zu lassen. Gesagt, getan: Seit nunmehr drei Jahren spendet MOSS alljährlich während der Fastenzeit von jedem verkauften Solibrot der Sorte „Bauernkruste“ 50 Cent für das von MISEREOR geförderte Projekt COMVIVA. 40 Azubis, so erzählt Kästle-Silva im Gespräch mit Silvia Moss, absolvieren aktuell bei COMVIVA eine Lehre in der Herstellung von Brot, Brötchen, Keksen und anderen Backwaren. Das Projekt ist dringend auf Spenden zur dauerhaften Sicherung des Betriebs angewiesen; zuletzt gab es auch noch Probleme durch Schäden, die bei verheerenden Regenfällen entstanden waren. Und für deren Behebung den Projektverantwortlichen das Geld fehlt.

© Schmitter | MISEREOR

Bäcker Christian Wirth im Gespräch mit Geschäftsführerin Silvia Moss und Beate Kästle-Silva. © Schmitter | MISEREOR

Wie wenig üblich in Brasilien Dinge sind, die in Deutschland als Selbstverständlichkeit angesehen werden, macht Kästle-Silva deutlich, als sie über die Ausbildungsstandards in dem lateinamerikanischen Land spricht. Diese sind mit deutschen Gepflogenheiten nicht vergleichbar. In den meisten Fällen werden die Lehrkräfte schlicht angelernt und erwerben sich  ihre  Kenntnisse und Fertigkeiten nur durch praktische Erfahrung im Berufsalltag. Auch vor diesem Hintergrund ist die zweijährige, umfassende Ausbildung bei COMVIVA mit viel theoretischem Unterricht und Unterstützung etwa zu Fragen, wie man ein Vorstellungsgespräch absolviert oder einen Lebenslauf schreibt, in ihrer Bedeutung besonders hoch einzuschätzen. Gerade auch, weil die Azubis am Ende ein Zertifikat erwerben und damit die Chance bekommen, sich aus schwierigen Lebensverhältnissen hin zu einer perspektivreichen Zukunft herauszuarbeiten.

Regional verankert – mit Blick für das Soziale

Beim Rundgang durch den modernen Backbetrieb von Moss wiederum wird deutlich, wie sehr das in den vergangenen Jahrzehnten immens gewachsene Aachener Familienunternehmen seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden will: durch eine starke regionale Verankerung, nachhaltige, umwelt- und traditionsbewusste Produktion und die Unterstützung vieler sozialer Projekte – in der Aachener Region wie eben auch im fernen Brasilien. Moss beliefert mittlerweile fast 50 Filialen, hat 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und schafft es dennoch, seine Produkte mit Mehl aus der nahen Eifel herzustellen. Von dort kommen auch die Eier aus Freilandhaltung, sie werden mit einer speziellen Maschine frisch aufgeschlagen, 16.000 Stück pro Tag. Mit elf Meistern und etwa 130 Angestellten in der Produktion hat MOSS ein großes Team, das im Wortsinn kräftig Hand anlegt und mit selbiger die Backwaren einzeln formt. Wie etwa die Konditorin Daniela Reuscher, die wir bei der Herstellung von Schokostreuselbrötchen beobachten dürfen – einer beliebten Spezialität, die es so nur im Aachener Raum gibt.

© Schmitter | MISEREOR

Lecker, leckerer, Schokostreuselbrötchen 🙂 © Schmitter | MISEREOR

Das Wort Verantwortung fällt bei diesem Besuch oft – und wird auch sichtbar praktiziert. „Wir achten sehr darauf, dass möglichst alle unsere Rohstoffe und Produkte verwertet werden“, erklärt Silvia Moss. Was nicht verkauft wird, erhalten die „Tafeln“, und in eigenen Öfen wird überschüssiger Teig so aufbereitet, dass er in der Biogasanlage Verwendung finden kann.

Dankbar macht sich Beate Kästle-Silva wieder auf den Weg. Nicht, ohne zum Schluss noch Silvia Moss auszudrücken, wie sehr  die Jugendlichen bei COMVIVA sich über die Unterstützung aus Aachen freuen. „Sie waren ganz berührt, als sie vom Engagement der Firma MOSS gehört haben.“


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Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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