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Flüchtlinge im Libanon: Halt finden im Leben durch Bildung

Raus aus Beirut Richtung Nordosten des Libanon, vorbei an kilometerlangen Staus, die sich in die Stadt drängen: Die tägliche Rushhour. Öffentlicher Nahverkehr? Fehlanzeige! Der Weg windet sich das Libanongebirge hoch, auf der Höhe geht es dann in zwei Stunden nach Baalbek in der Bekaa-Ebene.

Überall werden Häuser gebaut, Wohnungen und Appartements, offensichtlich gibt es genug Leute, die es sich leisten können – oft steckt Geldwäsche dahinter. Wenn man entlang der Hauptstraße in die Bekaa-Ebene ein Geschäft eröffnen will, scheint, gemessen an der Anzahl der Läden und dem Alter vieler Autos, Reifenhandel ein einträgliches Unterfangen zu sein. Von den Höhen neigt sich die Straße in die fruchtbare Bekaa-Ebene, einst die Kornkammer des Landes. Kartoffeln, Getreide, Tabak wird hier angebaut. Und als wir an den Weinstöcken der bekannten libanesischen Weine vorbeikommen, will der Fahrer anhalten, um uns eine Flasche frischen Weines abzufüllen. Baalbek ist eine mittelgroße, recht grüne Stadt, die schiitisch geprägt ist. Hinter der Bergkette des Antilibanon, die sich im Osten erhebt, liegt die syrische Grenze. Man hat das Gefühl, sie wäre fußläufig zu erreichen. Entsprechend sind viele Syrer seit Beginn des Krieges nach Baalbek geflohen, die meisten aus den Ortschaften auf der anderen Seite der Grenze. Der Grenzverkehr war vor dem Krieg intensiv, Libanesen gingen in Syrien einkaufen, Syrer kamen als Erntehelfer in die Bekaa-Ebene. Und die Familienbande kennen hier keine geographischen Grenzen. 

Halt finden im Leben durch Bildung

Drei Schulen betreibt der MISEREOR-Partner, die in der Stadt Baalbek verteilt sind – eine für den Vor- und Primarschulbereich und zwei für die Klassen drei bis acht.

Drei Schulen betreibt der MISEREOR-Partner, die in der Stadt Baalbek verteilt sind – eine für den Vor- und Primarschulbereich und zwei für die Klassen drei bis acht. © Stahl / MISEREOR

Die Tausenden syrischen Flüchtlinge in Baalbek und Umgebung schlagen sich seit Jahren durch und dies in einem Umfeld, das sie zunehmend ausgrenzt. Besonders für Kinder- und Jugendliche gibt es heute praktisch keinen Zugang zu den vorhandenen öffentlichen oder privaten Schulen. Hier hat der Jesuiten Flüchtlingsdienst (JRS) ein ganzheitliches Bildungsangebot geschaffen, dass Kindern und Jugendlichen hilft, wieder Halt in ihrem Leben zu finden und mit einem Schulabschluss auch die Hoffnung auf eine echte Lebensperspektive. Nada, die Koordinatorin des JRS-Programms in Baalbek, begleitet uns in die Schulen.

Die Schule: Ein Ort, um Sorgen und Nöte zu vergessen

Das Sommercamp der Vorschule stand im Zeichen des Regenwaldes. Die ganze Schule ist voller Bilder, Bastelarbeiten und Dekorationen, sodass man sich fast wie im tropischen Regenwald fühlen könnte; denn Tiger oder die Giraffe lauern direkt hinter der nächsten Ecke. Das Motiv des Sommercamps findet Eingang in den Unterricht der Kleinsten. Im Englischunterricht lernen sie den Buchstaben S mit Schlange und Schnecke, das T mit dem Bild vom Tiger. In der Pause bekommen die Kinder einen Apfel, die Lehrerinnen achten darauf, dass sie den Apfel waschen – Hygieneerziehung im Vorübergehen.

© Stahl / MISEREOR

Das Schulfrühstück ist ein wichtiges Element aller drei Schulen. Für sehr viele der Kinder die reichhaltigste Mahlzeit am Tag. Nada erzählt von einem Mädchen, das ihr Frühstück nicht essen, sondern es mit nach Hause nehmen wollte, weil die Familie dort nichts hatte, da der Vater erblindet und deshalb nicht arbeiten konnte. JRS konnte Hilfe für die Familie organisieren, damit das Mädchen sein Frühstück nun ohne schlechtes Gewissen essen kann. Rund vierhundert Kinder finden hier in der Schule einen Ort, wo sie die Sorgen und Nöte vor dem Schultor lassen können. Für Kinder, die längere Zeit keine Schule besucht haben, gibt es ein besonderes Angebot mit dem Basislese- und Rechen-Programm (BLN). Hier können die Kinder ihren Lernrückstand aufholen und so Anschluss finden an den Unterricht der anderen Klassen.

Eine Sozialarbeiterin kümmert sich um die Kinder, die besonderer Unterstützung bedürfen. Sie besucht die Familien zu Hause, spricht mit den Eltern und vermittelt zum Teil auch die Hilfe einer Psychologin. Die Lehrerinnen und Lehrer tauschen sich regelmäßig aus, die JRS-Projektkoordinatorin nimmt die Lernfortschritte auf und organisiert regelmäßige Fortbildungen für das Lehrpersonal aller drei Schulen.

Die drei JRS-Schulen unterrichten nach libanesischem Curriculum und bieten den Kindern die Möglichkeit, einen libanesischen Schulabschluss zu erwerben – eine wichtige Voraussetzung für den Schritt an weiterführende Schulen. Hygiene, Respekt, Umgang mit Konflikten – neben der reinen Wissensvermittlung ist auch der Erwerb sozialer Kompetenzen ein wichtiges Ziel des pädagogischen Programms, gerade hier sind auch die Eltern einbezogen. Und alle drei Schulleiterinnen sind mit der Beteiligung der Eltern sehr zufrieden.

Lernerfolge durch gestärktes Selbstbewusstsein

Licht 1 und 2 – Al Nour 1 und 2, so heißen die beiden anderen Schulen, die jeweils rund 250 Schülerinnen und Schüler haben.  Al Nour 1 führt die Schülerinnen bis zur achten Klasse; die andere bis zur Klasse 6. Licht 1 liegt ganz in der Nähe des römischen Jupitertempels und weiterer Ausgrabungen, für die Baalbek bekannt ist. Licht 2 ist in der ersten Etage einer Moschee untergebracht. Die Schule pflegt einen guten Kontakt mit dem örtlichen Imam, der die Kinder zu Weihnachten mit Spielzeugen beschenkte. Der Unterricht in den unteren Klassen findet in Arabisch statt, aber Englisch spielt eine wichtige Rolle. Denn ab Klasse sieben wird der gesamte Stoff entsprechend der Maßgaben des Curriculums ausschließlich in Englisch vermittelt. Für Schüler, die das notwendige Niveau im Englischen nicht erreichen, wird es dann schwierig. Was denn die Herausforderungen seien, mit denen sie häufig zu tun habe, fragen wir die Sozialarbeiterin in einer der beiden weiterführenden Schulen. Sie nennt Gewalt als zentrales Problem, mit dem sie immer wieder umgehen müsse. Gewalt, die Kinder in der Familie erleben oder im beengten Zusammenleben mit anderen Flüchtlingsfamilien. Sie spricht dann mit den Eltern, arbeitet mit den Kindern und sucht Lösungswege. Und in vielen Fällen gelingt es ihr, zu einer Verhaltensänderung beizutragen. Die Zahl der Probleme, mit der Sozialarbeiterinnen und Psychologen konfrontiert werden, erscheint übergroß. Aber immer wieder berichten sie von Erfolgsgeschichten, vom gestiegenen Selbstbewusstsein der Kinder, wenn sie ihre Lernerfolge sehen und merken, dass sie vorwärtskommen, wenn sie sich anstrengen. Die Motivation der Kinder ist oft deutlich höher als die vieler libanesischer Kinder in den regulären Schulen, berichtet die Koordinatorin Nada.

Leben am (Stadt)-Rand

Einen kleinen Eindruck, was die Familie zu verarbeiten haben, erhalten wir, als wir eine Zeltsiedlung am Rande der Stadt besuchen, in der 70 Familien zusammenleben. Ein paar Toilettenhäuser sind hier von Unicef aufgestellt worden, einige Wasserzisternen stehen herum.

© Stahl / MISEREOR

Die Zelte bestehen aus Planen des UNHCR, mit Hilfe von ein paar Brettern und Latten haben die Menschen sich daraus einfache Behausungen gezimmert. Die Winter in der Bekaa-Ebene sind kalt, es schneit regelmäßig. Seit 2014 haben die Menschen schon einige Winter mit Holz- oder Kerosinöfen in den Zelten überleben müssen. Und seitdem die Gelder der UN-Programme drastisch gekürzt werden mussten, kommt auch kein Wasser mehr. Um die Reinigung der Latrinen kümmert sich auch niemand, die Menschen versuchen, sich selbst zu behelfen so gut es geht. Wir treffen ein paar Männer, die ein Zelt wiederaufbauen, das zusammengebrochen ist. Alles ist hier seit Jahren provisorisch. Familien mit drei oder vier Kindern leben auf engstem Raum, die Wäsche hängt draußen auf der Leine, auf einem Plastikstuhl neben dem Zelt liegen Matten, auf denen die Familie vermutlich die Nacht verbringt. „I know you“, einige Kinder erkennen uns wieder vom Schulbesuch am Morgen. Ihr Lachen und Winken begleitet uns, als wir uns wieder auf den Weg machen.

Über den Autor: Andreas Lohmann leitet die Abteilung Projektpartnerschaften und Spenderkontakte bei MISEREOR.


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…über unsere Projektarbeit mit Flüchtlingen im Libanon >

Im Libanon suchen die meisten syrischen Flüchtlinge Schutz – kein anderes Land nimmt so viele Syrienflüchtlinge auf. MISEREOR-Partnerorganisationen betreuen und versorgen die Menschen. Flüchtlingskindern helfen sie, traumatische Erlebnisse zu überwinden.


…über das Thema „Flucht“ in unserem Dossier „Flüchtlingsarbeit – den Weg bereiten aus Angst und Not“>

68,5 Millionen Menschen sind heute auf der Flucht. Mehr als jemals zuvor. Jeder einzelne dieser Flüchtlinge hat einen ganz persönlichen Weg hinter sich. MISEREOR steht Flüchtlingen auf diesem Weg bei. Unsere Partnerorganisationen leisten Hilfe für Flüchtlinge im Nahen Osten, in Afrika, Asien und Lateinamerika. 


Ein wichtiges Zeichen der Solidarität in Ost-Beirut

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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