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Die Hirten auf dem Feld

Am Horn von Afrika leben Millionen umherziehende Hirten von und mit ihrem Vieh. Die Pastoralisten sind Meister der Anpassung. Sie gehen mit dem Regen – und mit der Zeit.

© Gettyimages | Eric Lafforgue

© Gettyimages | Eric Lafforgue

Früh am Morgen brechen die Wanderhirten auf. Wenn die Sonne noch nicht vom Himmel brennt, bauen sie ihre Hütten aus Matten und Ästen ab. Um sie herum nichts als Staub. Sie ziehen mit einer gewaltigen Herde von blökenden Schafen durch die flirrende Hitze, Hunderte Rinder und Ziegen folgen ihnen durch das karge Land. Gemächlich trotten Kamele hinterher, beladen mit Töpfen und Decken, dem kompletten Hausrat der Familien. Mit ihrem Vieh ziehen die Pastoralisten von einer Weide zur nächsten. Sie folgen dem Regen, damit ihre Tiere frisches Gras weiden können. Oft wandern sie tagelang, ziehen von einer Wasserstelle zur nächsten, oft nur wenige Kilometer am Tag.

Für Atsbaha Gebre-Selassie leben die Wanderhirten nach einem göttlichen Plan. „Ihre Lebensweise ist die ursprünglichste und natürlichste Form“, sagt er. „Es gibt keine andere Gruppe, die die Umwelt so schont.“ Atsbaha Gebre-Selassie ist Deutscher mit äthiopischen Wurzeln. Seit fünf Jahren arbeitet er als Berater für MISEREOR zusammen mit den Pastoralisten am Horn von Afrika. „Doch bei den Pastoralisten bin ich vor allem ein Lernender. Ihre Weisheit und ihre Erfahrung ist unglaublich wertvoll.“

Allein in Äthiopien sind rund 13 Millionen Menschen Pastoralisten. Im äthiopischen Tiefland Afar und in Somali leben die Menschen traditionell als Hirtennomaden. Die höchsten Temperaturen weltweit misst das Thermometer hier, zeitweise bis zu 50 Grad. Wer in diesem Gebiet lebt, hat gelernt, sich anzupassen. Je nach Ethnie wandert ein Teil der Familie, meist junge Männer oder der Familienvorstand, mit den Frauen. Oft ziehen ganze Dörfer umher. Nur die kleinen Kinder, Schwangere und die Alten bleiben in der Heimat. Sie halten Hühner, bauen in den Tälern Hirse an, pflanzen Mais und Bohnen.

© plainpicture

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Die jungen Hirten kehren immer wieder zurück ins Dorf, bringen Milch und Käse und nehmen Getreide mit. Gebre-Selassie besucht sie in ihren Lagern und fährt den Hirten über Sandpisten in ihre Weidegebiete hinterher. An einem Ort zu bleiben, würde bedeuten, dass es bald kein Futter mehr für die Tiere gibt. Ihr Ende würde auch das der Menschen bedeuten.

Zwei Fünftel Prozent der Erde sind Trockenzonen, ungeeignet für den Anbau von Pflanzen. Doch Nomadenvölker nutzen sie. Durch ihre mobile Lebensweise können Mensch und Tier in trockenen Gebieten, in den Hochtälern, Savannen und Steppen überleben. Weltweit gibt es rund 500 Millionen Pastoralisten, laut Schätzung der Internationalen Union zum Schutz der Natur (IUCN). In Afrika südlich der Sahara leben 16 Prozent der Bevölkerung als wandernde Viehhirten.

Gettyimages | Kristian Buus

Gettyimages | Kristian Buus

Der größte Schatz der Wanderhirten ist ihr Vieh. Es ist ihre Lebensgrundlage, ihr Stolz, ihr Reichtum. Die Bindung zwischen Mensch und Tier ist eng. Jedes von ihnen trägt einen Namen, erzählt Gebre-Selassie. Jedes erfährt Respekt. „Was wir schätzen, schützen wir. Geht es den Tieren gut, geht es allen gut“, ist der Grundsatz, nach dem sie ihren Alltag ausrichten. Sie melken die Kamele und Kühe, machen aus der Milch ihrer Schafe und Ziegen säuerlichen Frischkäse. Pastoralisten wissen: Je besser sie ihre Tiere ernähren, umso wertvoller und gesünder ist die Nahrung, die sie von ihnen bekommen. Die richtigen Futterpflanzen steigern nicht nur die Menge, sondern auch den Geschmack von Milch und Butter. Die Nomadenvölker kennen die Wirkung der Futterpflanzen. Sie wissen, welche Gräser am meisten Nährstoffe enthalten, welche Pflanzen heilen, wenn eines der Tiere krank ist. Ihre Tierrassen haben die Pastoralisten über viele Generationen gezüchtet, damit sie unempfindlich, zäh und an das Klima angepasst sind und so genügsam wie die Menschen.

Ihr Leben ist ein Spagat zwischen Tradition und Moderne. Ihnen gehört die Zukunft, glaubt Atsbaha Gebre-Selassie. „Mit dem romantischen Bild, wie Pastoralisten vor 300 Jahren gelebt haben, hat ihr Alltag heute nichts mehr zu tun“, sagt er. Pastoralisten sind eng vernetzt, nutzen moderne Technik, haben Satellitentelefone bei sich, Handys. Sie checken Wetter-Apps, sammeln Informationen. Die jungen Männer aus der Gemeinschaft gehen oft voraus, um die Weidegründe einzuschätzen. Trifft eine Gruppe auf eine andere, tauschen sie sich aus. „Wie viel Wasser führt die nächste Wasserstelle? Wie ist der Zustand der Weiden? Was gibt‘s Neues?“ Schnell macht es die Runde, wenn der Rinderpreis in der Hauptstadt Addis Abeba gestiegen ist. Kommunikation ist in diesen unwirtlichen Gegenden überlebensnotwendig.

© iStock | guenterguni

© iStock | guenterguni

Erst langsam wächst das Bewusstsein, wie bedeutend die Pastoralisten sind – und wie bedroht. Ihre Form der Tierhaltung ist von unschätzbarem Wert, weil sie flexibel Weiderouten wechseln können. In Zeiten von Klimaerwärmung können sich Pastoralisten besser auf zunehmende Dürren einstellen als sesshafte Bauern. Die Tiere der Pastoralisten liefern Millionen Menschen Fleisch, Milch, Horn, Haut und Fell, sie sind Zug- und Lastentiere. Der Handel mit ihnen ist ihre Lebensgrundlage, seit Jahrhunderten. Der Viehverkauf ist ihre wichtigste Grundlage. Doch der Konkurrenzkampf verschärft sich. „Um einen guten Preis zu bekommen, brauchen wir Viehmärkte“, sagt Gebre-Selassie. Krisenzeiten nach einer schweren Dürre nehmen zu. Dann gibt es oft zu viel Rinder auf den Märkten und kaum Getreide, die Preise für das Vieh sinken bedrohlich.

In den vergangenen Jahren haben die Dürren massiv zugenommen, klagen die Hirtennomaden. „Wir schaffen gemeinsam mit ihnen Wasserrückhaltebecken, die den Zugang zu Weideflächen ermöglichen, die während der Trockenzeit sonst nicht nutzbar wären“, sagt Gebre-Selassie. Große Konzerne und Ackerbauer bedrohen ihren Lebensraum. Diebe überfallen die Nomaden, verfeindete Gruppen stehlen das Vieh. In Äthiopien zwingt die Regierung die Bewohner dazu, sesshaft zu werden. So gut wie alle Grenzlinien sind umkämpft, es kommt immer wieder zu Konflikten: nicht nur an den Staatsgrenzen zu Kenia oder dem Sudan, sondern auch zwischen den Stämmen im Land.

Es ist ein bescheidener Alltag voller Entbehrungen. „Die Menschen brauchen Mut und müssen ständig neue, oft lebenswichtige Entscheidungen treffen, jeden Morgen aufs Neue.“ Atsbaha Gebre-Selassie spürt in unzähligen Gesprächen immer wieder, wie die Menschen trotz ihrer Sorgen ihre Zuversicht nicht verlieren. Seit jeher leben die Pastoralisten mit Herausforderungen. Es ist ihre Stärke, dass sie sich ihrer Umgebung, den Bedingungen anpassen. Sie haben gelernt, mit dem zu leben, was sie haben.

Die jungen Menschen haben von ihren Vorfahren gelernt, was es heißt, Nomade zu sein. Fragt Gebre-Selassi bei seinen Besuchen die Kinder und Jugendlichen: „Träumt ihr von einem eigenen Garten?“ Dann antworten sie ihm: „Was sollen wir damit? Wir pflegen unsere Tiere. Wir wollen Pastoralisten sein und bleiben. Das ist unser Leben.“

Über die Autorin: Isabel Stettin ist Autorin bei Zeitenspiegel Reportagen und lebt in Stuttgart.


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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